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Finnisch-Lappland: Trab durch den Schnee

Die Samen spannen jetzt wieder ihre Rentiere vor die Schlitten - 13.12.2018 10:32 Uhr

So ähnlich geht der Weihnachtsmann auf Geschäftsreise. Ganz im Norden fährt man Touristen gerne durch die verschneite Landschaft des Fjälls. © Antti Kurola / Visit Rovaniemi


1040 Kilometer pro Sekunde müsste der zurücklegen, um an Heiligabend allen Kindern die Geschenke rechtzeitig auszuliefern — haben Wissenschaftler berechnet. Doch Rudolph setzt gemütlich einen Schritt nach dem anderen und stapft mit den Hinterhufen exakt in die Spur der Vorderhufe, wo der Schnee schon platt ist. Das spart Energie.

"Hohoho", ruft Schlittenführer Jarkko mit tiefer Stimme, "Tempo, Tempo!" Rudolph rührt das nicht. Langsam ruckeln die drei mit warmen Rentierfellen ausgelegten Holzschlitten über das weiße, wellige, dicht bewaldete Fjäll. Unter der weißen Last haben die Fichten ihre Zweige wie Flügel an den Stamm geklappt. Die Schneedecke ist bis auf wenige Tierspuren unberührt. Knirschend graben sich die Kufen in den gefrorenen Schnee.

Winter in Lappland – das sind mehr als 200 Tage Schnee, Kälte, Stille und viel Dunkelheit. Seit Jahren organisiert Jarkko in der Wildnis von Saarisselkä Rentiersafaris. Startpunkt ist die Sámi-Holzhütte Joikun Kota, in der heiße Suppe auf dem Feuer steht und samische Joik-Gesänge zu hören sind. Als gebürtiger Same trägt Jarkko selbst die typische blau-gelb-rote Tracht, verteilt aber an die Gäste Hightech-Schutzkleidung, damit sie nicht frieren.

Trotzig blickt uns das Rentier Rudolph an

Früher zogen die Sámi, wie der einheimische Volksstamm heißt, mit Rentierschlitten durch die Wälder. Erst mit dem Aufkommen der Schneemobile in den 1960er Jahren hörte das Nomadentum auf. Heute leben in der finnischen Provinz Lappland rund 6000 Sámi.

"Rudolph", ruft Jarkko mal ermunternd, mal flehend. Doch das Tier trottet ungerührt durch den Winterwald, schön langsam. Zum Abschied bekommt es ein paar Streicheleinheiten. Trotzig schaut es einen von der Seite an.

Der Weihnachtsmann bräuchte für seinen Schlitten mindestens zwölf stolze, kräftige Rentiere mit prächtigem Geweih. Rudolph wäre da der falsche. Aber vielleicht bekommt er sie bei Petri Mattus? Dessen Name übrigens die finnische Übersetzung für Rudolph ist. Halb Same, halb Finne züchtet er im riesigen Lemmenjoki Nationalpark in der Inari-Region Rentiere unter idealen Bedingungen.

Samen in ihrer Tracht mit Touristen in Rovaniemi. © oh


Wie viele Rens er hat? Eine unmögliche Frage für einen Rentierhirten: "Das wäre so, als fragte man uns nach dem Bankguthaben", sagt Petri und gibt sich diplomatisch: "In Inari leben 650 Rentierhirten und 46 000 Rentiere. Auf 2400 Quadratkilometern dürfen wir maximal 5500 Rentiere züchten." Eine zu schwierige Rechenaufgabe. Aber er will gern seine Herde zeigen.

Petri setzt seine Mütze aus Seehundfell auf. Er nimmt das Schneemobil, hängt einen Schlitten für die Gäste und einen zweiten mit Heu dahinter. Dann brettert er eine Weile durch den Wald, stoppt und fängt an zu rufen: "He, he, heeee!" Die ersten Rens tauchen auf. Dann kommen sie in Massen. Und plötzlich können sie auch traben, sogar galoppieren. Das könnten wohl Santa Claus Rentiere sein!

Während die Rens an der Futterstelle gierig nach Heu schnappen, zerhackt Petri dicke Holzscheite, als wären sie Streichhölzer. Er macht Feuer und kocht Tee. Aus dem Proviantbeutel zieht er getrocknetes Rentierfleisch und schneidet für jeden reichlich ab. Im Wald ist Petri wortkarg. Er ist zufrieden, auch wenn das Leben eines Rentierhirten oft hart ist.

Viele beanspruchen den Weihnachtsmann für sich

Und dann erzählt er doch, auch von den Rens. Dass er ihnen eine Marke in samischen Zeichen ins linke Ohr ritzt. Dass Hirsche und Kühe ein Geweih tragen, dass es jeden Tag einen Zentimeter wächst und im Sommer am prächtigsten ist. Die schönste Jahreszeit ist für den Züchter aber das Kalben im Mai: "Dann wächst die Herde endlich wieder."

"Das rotnasige Rentier Rudolph stammt aus Korvanturi", ist sich Petri sicher. Das ist ein fast menschenleerer Ort, der auf einem 483 Meter hohen Fjäll in den Wäldern Lapplands liegt. Dort solle auch der Geburtsort des Weihnachtsmanns liegen, über den zig Legenden kursieren. Viele beanspruchen ihn für sich: die finnische Stadt Rovaniemi, der deutsche Schwarzwald, das schwedische Dalarna, sogar Grönland. "Aber in Wirklichkeit kommt er natürlich aus Korvanturi", lacht Petri.

Schon am frühen Nachmittag hängt der rotorange leuchtende Sonnenball am Horizont und schimmert durch das Geäst des Waldes. Doch auch Lapplands Winternächte versprechen Schauspiele und kleine Wunder. Die eigentümliche Mischung aus Dunkelheit und Zwielicht bringt eine intensive blaue Stunde hervor, die die Sámi "Kaamos" nennen. Wenn die himmlischen Konstellationen günstig sind, zeigt sich das Polarlicht in den schönsten Farben. In den klaren kalten Dezembernächten ist die Wahrscheinlichkeit dafür am größten.

Mehr Informationen:
Visit Finland, www.visitfinland.de, die diese Reise unterstützt haben.

 

Beate Schümann

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