Ein Gletscher stirbt - und Touristen sehen zu

Forscher zeigen auf dem Tiroler Jamtalferner, wie der Klimawandel die Bergwelt zerstört

17.7.2021, 08:00 Uhr
Mit einem Dampfbohrer bereitet Glaziologin Andrea Fischer ein Loch im Eis des Jamtalferners für eine Messsonde vor. 

Mit einem Dampfbohrer bereitet Glaziologin Andrea Fischer ein Loch im Eis des Jamtalferners für eine Messsonde vor.  © Clara Grau, NNZ

1990, 2003, 2011: Wer von der Jamtalhütte bei Galtür zum Rand des Jamtalferners wandert, sieht am Wegesrand große Steine, auf denen mit roter Farbe Jahreszahlen geschrieben wurden. Sie dokumentieren den Rückgang des "ewigen Eises" in der Silvretta.

Der Schwund ist gewaltig: Reichte das Eis in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts noch fast bis zur Hütte und weit in die Höhe, blickt man heute von der Seitenmoräne viele Meter hinunter auf ein abweisendes Geröllfeld, durch das sich ein trüber Gletscherbach schlängelt. Die Kameras von Handys und Fotoapparaten nehmen lieber die strahlend weiße Wand, die sich noch zwischen Vorderer und Hinterer Jamspitze sowie Dreiländerspitze ausbreitet, ins Visier.

Die Alpengletscher verändern sich schon immer. Während einer "kleinen Eiszeit" bis 1850 wuchsen sie noch einmal heran – "Seitdem gehen sie beständig zurück", erklärt Glaziologin Andrea Fischer. "Bis Mitte dieses Jahrhunderts", so schätzt die Wissenschaftlerin, "wird aber kaum mehr etwas von diesem und vielen anderen Ostalpen-Gletschern übrig sein", so ihre Prognose.

Nur noch klägliche Reste übrig

Rund 900 Gletscher gibt es noch in Österreich, in Deutschland sind es nur noch fünf – etwa auf der Zugspitze und im Berchtesgadener Land. "Nur höher gelegene Eisfelder in den Westalpen könnten angesichts der Klimaerwärmung noch etwas länger durchhalten", prognostiziert die Forscherin aus Innsbruck.

Den Gletscherrand erreichen Wanderer mit festem Schuhwerk in etwa einer Stunde von der Hütte aus. Mit etwas Glück treffen sie dort Andrea Fischer und ihre Kolleginnen, die regelmäßig vor Ort arbeiten. An diesem Tag bohren die Glaziologinnen mit einem durch Dampf erwärmten Schlauch ein Loch ins Eis. Nach etwa acht Metern ist der felsige Untergrund erreicht. Fischer schiebt eine Sonde aus Rundhölzern hinein und kann so im Laufe des Sommers den Rückgang des Eises ablesen. Aber auch Hochtechnologie kommt zum Einsatz: An verschiedenen Stellen sind Kameras und andere Messinstrumente angebracht, die alle paar Minuten automatisch Daten nach Innsbruck senden.

Wie sich das Eis verändert und welche Auswirkungen das auf die Umwelt und letztendlich auch auf die Menschen hat, erforscht nicht nur Andrea Fischer. In einem interdisziplinär angelegten Projekt der Österreichischen Akademie der Wissenschaften führt ein Expertenteam verschiedenster Fachrichtungen seine Erkenntnisse zusammen. "Wir wollen von der Natur lernen, um unsere Zukunft planen zu können", erklärt die 47-Jährige den Ansatz.

Wichtige Funktion als Wasserspeicher

Mit dabei sind der Atmosphärenwissenschaftler Wilfried Winiwarter und die Umwelthistorikerin Verena Winiwarter aus Wien. Die beiden erklären den neugierigen Wanderern, dass Gletscher eine wichtige Funktion als Wasserspeicher haben: Sie bewahren das Wasser auf, das aus den Ozeanen verdunstet und als Schnee niedergeht. Im Sommer geben sie Schmelzwasser ab. "Das ist zum Beispiel für die Pegel von Rhein oder Donau und die Binnenschifffahrt wichtig", erklärt Wilfried Winiwarter.

Wanderer können sich im Paznauntal am Jamtalgletscher über den Klimawandel und den Gletscherrückgang informieren. Unter anderem forschen hier Wilfried Winiwarter, Andrea Fischer und  Verena Winiwarter (von links).

Wanderer können sich im Paznauntal am Jamtalgletscher über den Klimawandel und den Gletscherrückgang informieren. Unter anderem forschen hier Wilfried Winiwarter, Andrea Fischer und  Verena Winiwarter (von links). © ÖAW/Daniel Hinterramskogler, NNZ

Verena Winiwarter sagt: "In den Alpen müssen wir uns allerdings vom gewohnten Landschaftsbild verabschieden. Es wird immer grüner". Da, wo heute noch Eis liegt, könnte in hundert Jahren eine Vegetationsschicht das Gestein überwuchern. "Viele Arten siedeln sich bereits innerhalb weniger Jahre an", sagt die Umwelthistorikerin und zeigt einige Exemplare, die sich nur ein paar Schritte vom Gletscherrand entfernt ausbreiten: Flechten besiedeln größere Felsblöcke, Steinbrech und Huflattich ducken sich in den Windschatten von Steinen und in kleine Mulden. Etwas tiefer haben bereits kleine Büsche und sogar ein paar Lärchen-Bäume Wurzeln geschlagen.


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Also alles halb so wild mit der Klimaerwärmung und dem Gletscherrückgang? Leider nein, schütteln die drei besorgt den Kopf: Während bei uns dank ausreichend Regen und Schnee sowie technischer Möglichkeiten Wasserprobleme noch ganz gut gelöst werden können, sieht es andernorts dramatischer aus. Andrea Fischer forschte zum Beispiel im indischen Ladakh, einem sehr trockenen Teil des Himalaja: "Dort sind die Menschen dringend auf die Gletscher als Trinkwasserspeicher angewiesen", berichtet sie.


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Aber auch das Schmelzen des Eises in den Polregionen und der damit verbundene Anstieg der Meeresspiegel bereitet den Wissenschaftlern Sorgen: Welche Auswirkungen hat das auf Meeres- und Luftströmungen, wie beeinflusst das alles unser Klima? Wissenschaftler aus aller Welt sammeln dazu gerade neue Erkenntnisse. Die drei Mitglieder der Österreichischen Akademie der Wissenschaften sind sich – wie fast alle ihre Kolleginnen und Kollegen - einig: Ohne eine sehr, sehr rasche Reduzierung von Treibhausgasen wird es sehr, sehr ungemütlich. Auch bei uns.

Mehr Informationen:
Tourismusbüro Galtür

So kann man selbst zum Gletscher wandern:
Jeden Dienstag in den Sommermonaten führen Gastgeber und ausgebildete Bergwanderführer des Alpine Club Galtür Gäste zum Jamtalferner. Sie bilden sich regelmäßig bei Gletscherforscherin Andrea Fischer fort. Man kann die Tour natürlich auch individuell machen. Bis zur Jamtalhütte fährt man mit dem Taxi. Der Weiterweg zum Gletscher dauert eine gute Stunde. Weitere Informationen unter Telefon 0043/ 50/ 990 200.

Anreise:
Mit dem Auto etwa fünf Stunden und 450 Kilometer ab Nürnberg. Mit der Bahn in etwa sechs Stunden über Zams-Landeck.

Übernachten:
Jamtalhütte, Telefon 0043 5443 8408

Beste Reisezeit:
Ende Juni bis Mitte September.

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