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Georgien hat von allem etwas und ist doch ganz eigen

Das verkannte Land hat so viel Spannendes zu bieten - 14.12.2018 11:56 Uhr

Batumi am Schwarzen Meer ist eine pulsierende Stadt – mit kilometerlangen Kieselstränden und Hochhäusern als Kulisse.

© Wolfgang Heilig-Achneck


Quirlig und für Erholungssuchende ein wenig zu laut ist die georgische Hafen- und Handelsstadt, mit ausgedehnten Stränden und viel Animation auch ein gefragter Badeort. Dabei wirkt das Meer weiter nördlich außerhalb der Stadt viel einladender.

Die Türkei ist zum Greifen nah, Investoren pumpen von dort Millionen in das zumindest dem Anschein nach boomende Batumi. Tatsächlich gehörte der Landstrich einst zum Osmanischen Reich. Und wie schon zu Sowjetzeiten genießt die Region bis heute als Republik Adscharien eine gewisse Autonomie.

Die bewegte Geschichte spiegelt sich auch in den pittoresken Gassen der Altstadt. Neben schlichten Anwesen finden sich stattliche Villen und repräsentative Residenzen; der Jugendstil hat ebenfalls seine Spuren hinterlassen, dazwischen macht sich die Postmoderne breit wie auf einer italienisch angehauchten Piazza. Seine Entstehung und den ursprünglichen Wohlstand verdankt Batumi dem Öl, als um 1900 die erste Pipeline von Baku zum Schwarzen Meer verlegt wurde. Aus der Fördergesellschaft ging die BP hervor. Reich wurden damit nicht zuletzt die Brüder Nobel aus St. Petersburg; ihr einstiges Domizil an der Küste ist heute ein Museum.

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Georgien für Einsteiger

Georgien war vor allem für Russland einmal so etwas wie die Toskana für West- und Nordeuropäer: eine Region, die sich mit subtropisch-mildem Klima und südländischer Vegetation, mit Stränden am Schwarzen Meer und eindrucksvollen Gebirgslandschaften als Urlaubsziel empfiehlt. Die altehrwürdigen Kirchen und Klöster, die dem Land zwischen dem Kleinen und Großen Kaukasus, ein unverwechselbares Gepräge geben, waren den kommunistischen Sowjets freilich ein Dorn im Auge. Heute gehören viele zum Unesco-Weltkulturerbe - und zu den Hauptattraktionen im wachsenden Tourismus.


Schon in der Antike muss in der Grenzregion zu Asien reges Treiben geherrscht haben. Nach der griechischen Sage sind hier, in Kolchos, die Argonauten an Land gegangen, um das berühmte Goldene Vlies zu rauben. Klar, dass dann die Römer ihre Spuren hinterlassen haben, zum Beispiel in der Festung Gonio vor den Toren der Stadt. Heimgesucht wurde das Land in der Folge aber etwa auch von Mongolen oder Persern, schließlich von Osmanen und Russen.

Ehe wir zu einer Tour durchs Land aufbrechen, machen wir noch Station in dem über 100 Jahre alten, mit 5000 Pflanzen aus aller Welt üppig bestückten Botanischen Garten. Naturerlebnisse pur versprechen indes vor allem Abstecher in den Kaukasus, den "Kleinen" im Süden und den majestätisch "Großen" im Norden. Dazwischen erstreckt sich Georgien von West nach Ost mit Sehenswürdigkeiten wie der klosterähnlichen Akademie von Gelati aus dem Mittelalter, mit der Prometheushöhle in Kumastavi oder der urtümlichen Höhlenstadt Uplistsikhe.

Ein Plausch im Schatten unter Nachbarn.

© Wolfgang Heilig-Achneck


Beklemmend-skurril schließlich der Stopp in Gori: Mit einem gigantischen Museumspalast, dem tempelartig umrahmten Geburtshaus und dem gepanzerten Eisenbahnwagen von Josef Stalin huldigt das Provinzstädtchen bis heute dem furchtbaren Diktator – und nur eine bescheidene Installation in Nebenräumen erinnert an das Grauen seines brutalen Regimes. Dabei ist Russland, wenn auch unter anderen Vorzeichen, weiter bedrohlich präsent: Bei der Fahrt auf der Ost-West-Hauptschlagader des Landes, die fast die Grenze zum besetzten Süd-Ossetien berührt, kann schon mal ein mulmiges Gefühl aufkommen.

Nun aber nichts wie ab ins Hochgebirge: Auf der alten Georgischen Heerstraße geht es über den Ski-Ort Gudauri und den Kreuzpass, wo auf einem kleinen Friedhof deutsche Kriegsgefangene ruhen, nach Stepantsminda. Rund um das Denkmal des Gründers Kasbegi bestimmen Outdoor-Fans und Bergsteiger das Bild. Beste Ausrüstung ist unverzichtbar, denn von hier aus geht es in die Einsamkeit, sinnvollerweise mit lokalen Bergführern. Selbst wer den mit gut 5000 Metern höchsten Berg der Region, den Kasbek, bloß bestaunen will, muss zu einer kleinen Tour aufbrechen und hoffen, dass sich die Diva nicht in Wolken und Nebelschwaden hüllt.

Die einstige Höhlenstadt Uplistsikhe im Herzen des Landes mit einer altehrwürdigen Kapelle gehört zu den wichtigsten historischen Sehenswürdigkeiten.

© Wolfgang Heilig-Achneck


Aber der Aufstieg zum schon von Alexander Puschkin besungenen Dreifaltigkeitskloster (Tsminda Sameba) auf einem Bergsporn ist ein Muss. Orte wie dieser vermitteln eine Ahnung davon, wie es den Georgiern gelungen ist, sich über die Jahrhunderte hinweg gegenüber Eindringlingen zu behaupten und trotz Eroberungen die eigene Identität zu wahren: zum einen über die Sprache mit dem eigenen Alphabet, zum anderen über die eigenständige Kirche, die zu den ältesten der Christenheit gehört. In den Dörfern finden sich übrigens auch günstige Privatunterkünfte – und die vielfältige Küche gehört allemal zu den Stärken des Landes.

Kann die Hauptstadt Tiflis das noch toppen? Natürlich lohnt sich auch hier der obligatorische Bummel durch die Altstadt, der Blick in die alten Karawansereien für die Händler auf der Seidenstraße und der Abstecher in die Schatzkammer des Nationalmuseums. Relikte aus der Zarenzeit treffen auf Prunk der Sowjetära und Avantgarde-Architektur, die symbolisch für den Aufbruch unter Präsident Michail Saakaschwili (2004 bis 2013) steht. Unser letztes Glas Gurjaani oder Tsinandali aber genießen wir auf der Terrasse des Hausbergs Mtatsminda über den blinkenden Lichtern der Stadt.

Mehr Informationen:

www.asien.net/georgien

 

Wolfgang Heilig-Achneck

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