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Goodwood Revival: Alles ist wie früher

Dieses Festival vereint Rennsport, Oldtimertreffen, Volksfest und Kostümball - 13.07.2019 08:00 Uhr

Tweedsakkos, Hüte, Einstecktücher: Nur wer historisch gekleidet ist, darf aufs Gelände und bei den Rennen zusehen. © André Ammer


Seit 1998 geht auf dem Goodwood Motor Circuit in Südengland ein dreitägiges Freiluft-Spektakel über die Bühne, das in dieser Konsequenz wohl nur Briten auf die Beine stellen können. Auf dem riesigen Anwesen von Charles Henry Gordon-Lennox, dem 11. Duke of Richmond, treffen sich jedes Jahr im September rund 200 000 Nostalgiker zu einer Mischung aus Rennsport und Oldtimertreffen, Volksfest und Kostümball.

Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg ließ der Earl of March and Kinrara, der Großvater des heutigen Eigentümers, auf dem Gelände eines ehemaligen Militärflugplatzes eine Rennstrecke bauen, auf der sich Motorsport-Legenden wie Stirling Moss oder Juan Manuel Fangio packende Rennen lieferten. 1966 war jedoch Schluss, denn der Hausherr befürchtete, dass die immer schnelleren Rennboliden zu flott für den vier Kilometer langen Rundkurs mit seinen teils sehr engen Kurven seien. 20 Jahre später ließ der jetzige Duke of Richmond die Strecke restaurieren und mit Auslaufzonen an moderne Sicherheitsstandards anpassen.

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Das Goodwood Revival - ein Fest für Nostalgiker

Jedes Jahr im September gehen rund 200 000 Oldtimer-Fans in der malerischen Grafschaft West Sussex auf eine gigantische Zeitreise. Das Goodwood Revival ist eine einzigartige Mischung aus Rennsport, Oldtimertreffen, Volksfest und Kostümball. Und vor allem ist die beliebteste historische Motorsportveranstaltung der Welt very british.


Seitdem dröhnen wieder die Motoren in dieser idyllischen Ecke der Grafschaft West Sussex. Am vergangenen Wochenende fand das Goodwood Festival of Speed statt, ein Bergrennen für alle möglichen Renn- und Rallyefahrzeuge, zwei Monate später dann, vom 13. bis 15. September, das besagte Goodwood Revival, bei dem ein strenger Dresscode herrscht. Wer sich bei seiner Garderobe nicht an den 1950er und 1960er Jahren orientiert, wird vom höflichen Sicherheitspersonal an den Eingängen gestoppt und zum Umziehen weggeschickt.

"Beim ersten Verstoß passiert noch nichts, aber beim zweiten werden T-Shirt-Träger in Handschellen abgeführt und erst einmal weggesperrt", scherzt der Streckensprecher, während die Teilnehmer der Brooklands Trophy in ihren Alfa Romeos, Maseratis und Bentleys aus den 1930er Jahren die Start-Ziel-Gerade entlangrasen. In 15 verschiedenen Rennklassen kämpfen die Teilnehmer jedes Jahr um die Plätze auf dem Siegertreppchen, und die meisten von ihnen reizen ihre Auto- oder Motorrad-Oldtimer dabei voll aus.

Das teuerste Auto aller Zeiten verbeult

"Die Briten sind da völlig schmerzfrei. Die liefern sich Positionskämpfe in den Kurven, dass du meinst, es gehe hier um die Formel-1-Weltmeisterschaft", erzählt Günther Wünning. Im Jahr zuvor bekamen der Oldtimer-Fan aus Aachen und seine Frau mit, wie in einem Wertungslauf gleich drei Fahrer ihre wertvollen Spielzeuge schrotteten.

Alte Rennmotorräder aus den 1960er Jahren treten bei einem der Rennen gegeneinander an. © André Ammer


Und auch ein Ferrari 250 GTO, der wahrscheinlich teuerste Oldtimer der Welt, ist nicht vor Unfällen gefeit. Das zeigt die Kinrara Trophy, das alljährliche, sportliche Highlight des Goodwood Revivals. Nur 36 Exemplare dieses Rennwagens aus den Sechzigern gibt es auf der Welt, einer dieser Klassiker wechselte vor einiger Zeit für 70 Millionen US-Dollar den Besitzer. Und trotz des immensen Werts sind GTOs immer wieder auch im Renneinsatz zu sehen. Manchmal mit fatalem Ausgang, wie ein missglücktes Überholmanöver von Andy Newall zeigt. Die Kenner auf den Zuschauerrängen stöhnen schmerzerfüllt auf, als sein roter Renner unsanft in der Streckenbegrenzungsmauer landet.

Angesichts der verbeulten Zwölfzylinder-Schönheit habe ich erst einmal genug vom Rennsport. Es gibt ja noch so viel anderes zu sehen auf dem weitläufigen Areal. Die Menschen haben sichtlich Spaß an dieser Zeitreise – seien es nun die vielen jungen Frauen in ihren Petticoats oder Hippie-Outfits, die Vintage-Rocker auf ihren alten Harleys oder jene Fans der British Army, die zwischen Imbissbuden und Antiquitätenständen ein kleines Zeltlager aufgeschlagen haben und in ihren alten Uniformen für die Fotografen posieren.

Zwischendurch kreisen historische Jagdflugzeuge und Bomber im Formationsflug über dem Gelände, während die (natürlich) mit historischen Overalls bekleideten Mechaniker im Fahrerlager an den teuren Karossen schrauben. Wer will, kann sich auch in einem im Stil der Fünfziger Jahre ausgestatteten Friseur- und Kosmetiksalon umstylen lassen oder auf dem Rummelplatz ein paar Runden in alten Karussells und Riesenrädern drehen.

In den Boxen schrauben Mechaniker an den Oldies — natürlich nur in alten Overalls und mit Schiebermütze. © André Ammer


Eine "Mischung aus dem Großen Preis von Monaco und den Pferderennen in Ascot", nannte die Sunday Times das Goodwood Revival einmal, und so geht es während der drei Festivaltage natürlich auch ums Sehen und Gesehen werden. Auf den VIP-Tribünen versammelt sich viel Prominenz, neben alten und neuen Rennsport-Heroen sind berühmte "Petrolheads" wie Pink-Floyd-Schlagzeuger und Autosammler Nick Mason oder Komiker Rowan Atkinson zu sehen, der auch schon mal für eine Slapstick-Einlage in beziehungsweise auf seinem gelben Mr.-Bean-Mini auf der Rennstrecke unterwegs ist.

Wer das nötige Kleingeld dabei hat, kann sich hier natürlich auch einen passenden fahrbaren Untersatz zulegen. Zahlreiche Old- und Youngtimer stehen zum Verkauf oder werden bei Auktionen versteigert. Besonders hat es mir ein Jaguar E-Type angetan, doch schon bei der Sitzprobe zerplatzt mein Oldie-Traum wie eine Seifenblase. Für diesen engen Innenraum bin ich mindestens zehn Zentimeter zu groß. Schade, der wunderschöne blaue Lack hätte ausgezeichnet zu meiner neuen Mütze gepasst.

Mehr Informationen:
Goodwood Revival
www.goodwood.com/motorsport/goodwood-revival
hier auch alle Infos zu Tickets und Quartier. Rechtzeitig Tickets sichern!
Anreise:
Per Flugzeug täglich von Nürnberg nach London etwa mit Ryanair, dann
weiter mit öffentlichenVerkehrsmitteln. Per Auto gut 1150 Kilometer über Brüssel und Calais.
Günstig wohnen:
Campingplatz neben dem Festivalgelände
https://ticketing.goodwood.com/
Luxuriös wohnen:
The Goodwood Hotel
www.goodwood.com/stay-dine-relax/the-goodwood-hotel 

André Ammer

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