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Gruppenpauschalreise? Ein Lauf mit Hindernissen

Kompliziert bis unmöglich könnte die Durchführung werden, verrät eine Insiderin - 06.06.2020 08:00 Uhr

Aussichtspunkt nach einer langen Gruppenwanderung über einem Dorf auf den Kapverden.

© Matthias Niese


Die neue Normalität des Reisens wird vermutlich ein komplizierter Hindernislauf mit Mund-Nasenschutz durch bürokratische nationale oder regionale Verordnungen, skurrile Regeln und ungeahnte Engstellen. Besonders knifflig wird die Corona-konforme Gruppenreise, deren Grundgedanke ja gerade das gemeinsame Reiseerlebnis ist.

Veranstalter halten trotzdem schon aus wirtschaftlicher Todesangst an ihren Terminen für geführte Städtetrips, Studien-, Wander- oder Fahrradreisen im Sommer und Herbst fest, als wären regelmäßiges Händewaschen und Distanzregeln das Einzige, was sich durch Corona ändert. Harald Jung, Vorsitzender des Verbandes der Studienreiseleiter, sieht das anders: "Unbeschwertes Reisen europa- und weltweit wird es erst wieder geben, wenn ein wirksamer Impfstoff gefunden und angewandt wird".

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Kapverden: Afrikanisches Wanderziel im Atlantik

Die Kapverden sind Afrika für Einsteiger. Wie die Kanaren oder die Azoren liegt der Archipel im Atlantik, doch die Bevölkerung ist nicht weiß, sondern bunt bis schwarz. Viel exotischer geht es hier zu, was Wanderer bei wunderbaren Touren durch Dörfer, Städte, tropische Täler und auf Vulkane erleben.


Hannah Neumann ist seit 35 Jahren Studienreiseleiterin in der halben Welt: "Ich bin alle meine Reisen im Kopf nach den Coronabestimmungen durchgegangen: 80 Prozent sind derzeit nicht mehr durchführbar! Die Reisebranche ist naiv, wenn sie denkt, es gehe so weiter wie bisher."

Statt einer drei Gruppen, der Rest wartet in der Sonne

Ein Beispiel: Im Unesco-Welterbe Universität Coimbra, Portugal, sind statt 24- jetzt nur noch zehnköpfige Gruppen für eine Führung durch Aula und Bibliothek erlaubt, mit Abstand, Mund-Nasen-Schutz und desinfizierten Audiosets, die der Veranstalter stellen und die Reiseleiterin warten, putzen, bereithalten muss. Nun müsste sie drei Durchgänge führen, die restlichen Gäste müssten irgendwo in der Sonne warten, bis sie an der Reihe sind. "Mein Schleichweg zur Bibliothek für gehbehinderte Gäste ist geschlossen, ich weiß nicht, wie ich alle über die steilen Treppen scheuchen soll. Und das noch mit jeweils zwei Metern Abstand!"

Wanderführer Matthias Ressel ist mit seinen Gruppen auf Rhodos und in der Mongolei vor allem draußen unterwegs. "Da ist genug Platz, die Hoteliers servieren das Abendessen auf der Terrasse. Besuche im Museum können wir aber streichen. Die Reisen werden teurer, weil Flüge und Busfahrten wegen der Auflagen mehr kosten. Und die Gruppen werden kleiner." Viele Reiseleiter schlagen sich bislang mit Arbeitslosengeld durch, Ressel verdiente in Brandenburg auf Spargelfeldern sein Geld. Jetzt wartet er, dass es endlich wieder losgeht, mit ausreichend Desinfektionsmittel im Rucksack und landeskundlichen Infos durch die Schutzmaske.

Touristen besichtigen im Rahmen einer geführten Gruppenwanderreise mit Wikinger eine Kirche auf den Kapverden.

© Matthias Niese


Mehr Gepäck, mehr Komplikationen im Tagesablauf, mehr Abstand beim gemeinsamen Erleben – diese neue Normalität einer Gruppenreise gefällt vielen Gästen gar nicht. "Viele stornieren oder verschieben ihre Reisen auf 2021, weil sie keine Lust auf Distanzvorgaben haben. Sie haben Angst vor Quarantäne und davor, wegen undurchsichtiger Bestimmungen in den Zielländern hängen zu bleiben. Gebucht wird fast überhaupt nicht mehr", verrät ein Mitarbeiter einer der großen Pauschalgruppenreisenanbieter Studiosus, Wikinger Reisen, GeBeCo und Hauser Exkursionen hinter vorgehaltener Hand.

Offiell optimistisch, intern skeptisch

Offiziell zeigen sich die Spezialveranstalter vorsichtig optimistisch, sie basteln auf die Schnelle Gruppenreisen in Deutschland, hoffen auf Buchungen fürs Reisejahr 2021 und veröffentlichen Corona-Leitfäden, die praktische wie auch rechtliche Probleme rhetorisch umgehen. Wikinger Reisen etwa sagt alle Termine bis einschließlich 29. Juni 2020 ab – für Deutschland und ganz Europa. Grund: Die "Verlängerung der Kontaktbeschränkung." Ab 30. Juni hofft der Veranstalter auf einen Re-Start des Aktivurlaubs.

"Was passiert denn, wenn im Bus ein Gast hustet? Vielleicht sogar mehrmals und ohne Maske?", fragt etwa Lena Lamerzt, die sich als Neuling in der Reiseleiterbranche über die ersten Aufträge freute und nun mit der Soforthilfe des Landes Baden-Württemberg gerade so über die Runden kommt. Nach dem Hygienekonzept der deutschen Busbranche gilt ein "fester Prozess" im Umgang mit Covid-19-Verdachtsfällen: "Der betroffene Fahrgast ist sofort zu isolieren, jeglicher Kontakt zu anderen Fahrgästen und zum Fahrer muss vermieden, die Bundespolizei informiert werden." Diese Situation mag sich keine Reiseleiterin vorstellen, schon gar nicht im Ausland.

Bei einer Gruppenpressereise wie dieser geführten Wandertour auf die Kapverden ist hoffentlich nur das gelegentlich schlechte Wetter eine Widrigkeit.

© Matthias Niese


Als direkte Ansprechpartner im Auftrag des Veranstalters haben die Reiseleiter demnächst eine Menge zusätzlicher Aufgaben vor und während einer Gruppenreise, prognostiziert Harald Jung: "Sie müssen noch darauf achten, dass mögliche Infektionsketten nachvollziehbar sind, Kontaktdaten zusammenstellen, die Einhaltung der Sicherheitsregeln im Auge haben – das alles stresst nicht nur uns, sondern vor allem die Gäste. Das mindert das Urlaubsgefühl." Hannah Neumann sieht auch das positive Gruppenerlebnis in Gefahr: "Der Besuch in der engen Werkstatt eines Instrumentenbauers geht nicht mehr. Singen können wir vergessen! Die ganzen Reiseabläufe müssen geändert werden."

Es wird noch etwas dauern, bis geführte Gruppenreisen ins Ausland in größerer Zahl wieder durchgeführt werden, befürchten die Studienreiseleiter Harald Jung und Hannah Neumann. Aber sie sehen auch eine Chance: "Die negativen Folgen des Reisens waren unübersehbar – Overtourism (zu viele Urlauber an einem Ort), hektische Tagesabläufe. Ab sofort ist es keine Selbstverständlichkeit, überall schnell und günstig gewesen zu sein." Mehr Wertschätzung für andere Kulturen, für Mitreisende und die Dienstleister in den Zielgebieten, mehr Respekt für die Welt und ihren Erhalt könne die geführte Gruppenreise in der Zeit nach Corona leiten. Allen aktuellen Widrigkeiten zum Trotz.

Christine Rettenmeier

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