Zum Fest der Frühlingszwiebel

Gutes Lauchgefühl: Kataloniens Schalottenliebe

5.6.2021, 07:25 Uhr
Katalonischer Lauchbub: Junger Mann am Grill beim traditionellen Fest der Frühlingszwiebel.

Katalonischer Lauchbub: Junger Mann am Grill beim traditionellen Fest der Frühlingszwiebel. © Carsten Heinke

Carmes Küche ist ein Tempel der Aromen. Vor allem das Olivenöl, das ihr Mann Antonio und Sohn Àngel selbst herstellen und in großzügigen Mengen hier tagtäglich fließt, scheint seinen Duft von Sonne, Gras und reifen Zitrusfrüchten längst auf das Inventar vererbt zu haben.

Heute riecht es in dem Haus, das im Dorf Tiana nicht weit von Barcelona steht, auch nach frischen Frühlingszwiebeln. Und zwar nach ganz speziellen – Calçots genannt. Ihren milden, lieblichen Geschmack erhalten die Sprösslinge der weißen Knollen durch Veredelung im Boden. Dabei entwickelt sich ein dicker, langer Körper ähnlich wie beim Porree, nur kleiner und viel zarter.
„Die werden uns gut schmecken“, sagt die Katalanin mit der bunten Schürze schwärmerisch, nimmt die grün-weißen dicken Stängel liebevoll aus dem Papier und mustert sie wie echte Kostbarkeiten. Doch weder für Salat noch Suppe sollen die knubbeligen Schalotten dienen.

Im Dachziegel serviert

Als Hauptzutat der Calçotada, Nationalgericht in Katalonien, sind sie zugleich die Hauptakteure bei dem Fest, das man eigens dafür inszeniert – ganz gleich, ob für eine ganze Stadt, einen Tisch im Restaurant oder ganz privat.

Während die Hausfrau nun ein paar der Zwiebeln putzt und wäscht, kümmert sich ihr Gatte um den großen Rest. Als Erstes holt er Feuerholz. Neben den Weinstöcken, an deren krummen Ästen schon junges Laub und Minitrauben sprießen, liegt ein Haufen trockener Rebenzweige aus dem Winter. Der weißhaarige Mann trägt sie zum Gartenhaus, das im Wesentlichen aus einem Ofen, Dach und Tisch besteht.

Calcotada Fest in Barcelona: Calcotada ist ein traditionelles bäuerliches Volksfest in Katalonien. Die Calcots ist eine Art Frühlingszwiebel bzw. Lauchzwiebel.

Calcotada Fest in Barcelona: Calcotada ist ein traditionelles bäuerliches Volksfest in Katalonien. Die Calcots ist eine Art Frühlingszwiebel bzw. Lauchzwiebel. © Emilio Morenatti, dpa

„Die Zwiebel ist die Königin der katalanischen Küche“, erklärt der 83-Jährige feierlich, klemmt das Kultgemüse zwischen zwei Gitter und legt sie in das offene Feuer. Da die Calçots von außen sowieso verkohlen, kann man sich das Saubermachen sparen. Nach fünf bis zehn Minuten nimmt sie Antonio mit Handschuhen vom Grill. Je ein Dutzend – eine durchschnittliche Portion – rollt er in Zeitungspapier ein. „Innen garen sie jetzt noch“, weiß der Profi und legt die heißen Päckchen stilgerecht auf Lehmdachziegel. So bleiben sie warm.
Mutter Carme deckt den Tisch.

Die Calçots, die sie inzwischen mit Ei und Mehl paniert und in der Pfanne mit Olivenöl gebraten hat, liegen duftend, knusprig-goldgelb auf dem Teller. In den Schüsselchen daneben steht Romesco, die pikante Soße. „Jede Familie hat ihr eigenes Rezept dafür“, sagt Carme.

Rekord im Schalotten-Essen

Mindestens eine Nacht sollte man dem Romesco geben, um sich geschmacklich richtig zu entfalten. Eine ebenfalls populäre Tunke mit weniger Tomaten und mehr Paprika ist Salvitxada. Die passt auch wunderbar zum Fleisch, das derzeit überm Feuer röstet. Zu trinken gibt es Rotwein, und zwar aus Porrós – Schnabelkrügen.



Diese stammen ebenso wie die Calçots aus Valls. Die kleine Stadt nördlich von Tarragona, auch berühmt als Heimat der Castells, der berühmten Menschentürme, ist der Austragungsort des Calçotada-Festivals. Zu dessen Höhepunkten zählen Wettbewerbe. Da ringen Zwiebelzüchter wie auch Soßenköche um Pokale. Beim Schnellessen siegt, wer sich in 45 Minuten die größte Menge Grill-Schalotten in den Magen stopft. Der Rekord liegt bei 275 Stück, sprich 3,83 Kilogramm.

Wein gehört traditionell zum Calcotada-Fest der Frühlingszwiebel in Barcelona. 

Wein gehört traditionell zum Calcotada-Fest der Frühlingszwiebel in Barcelona.  © Emilio Morenatti, dpa

Besonders angesichts von solchen Zahlen erklärt es sich von selbst, dass Calçotadas stets an frischer Luft stattfinden. Denn die blähpotenten Schmankerln verfügen wahrlich über explosive Kräfte. Mehr als 15 sollte man – mit Rücksicht auf die Tischgenossen – nicht verzehren.

In Tiana landen endlich die gefüllten Ziegel auf dem Tisch. Wer sich gefragt hat, warum zu einer Calçotada kein feiner Zwirn getragen wird, der weiß es jetzt. Denn dieses urig-deftige Spektakel ist eine Riesen-Matscherei und ein Heidenspaß. Wer dabei alles richtig macht, hat überwiegend rußgeschwärzte linke Finger.

Die rechten sind hingegen überwiegend klebrig rot-orange. Denn während man das angekohlte Außenstück in einer Hand hält, zieht man mit der anderen das weiche Innenteil heraus, tunkt es in die Soße, um es dann im Ganzen mit ausgestrecktem Arm von oben wie eine lange Nudel in den Mund zu führen. Sie schmecken herzhaft-rauchig.

Besteck ist bei der ganzen Sache ebenso tabu wie Sabberlätzchen. Die gibt es nur im Restaurant. Normalerweise sehen Tisch und Leute darum am Ende wie nach einer Vorschulkinderparty aus. Denn beim Zwiebelfest der Katalanen wird nicht geklotzt, sondern gekleckert!

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