Ferien auf dem Fluss

Hausbooturlaub ist Trend: Burgund vom Wasser aus

22.5.2021, 07:38 Uhr
Mit dem Hausboot in einer der vielen Schleusen warten - das entspannt die Reise ungemein.

Mit dem Hausboot in einer der vielen Schleusen warten - das entspannt die Reise ungemein. © Matthias Niese

"Der Mann macht sicher Witze", denken wir uns. Doch dann deutet der hagere Schleusenwärter in seinem blauen Uniformhemd mit Nachdruck auf die uralte Uhr an seinem ebenso alten Bruchsteinhäuschen: Drei Minuten vor zwölf, "Il est temps pour le déjeuner", gleich ist Zeit fürs Mittagessen. Bei Augy, Canal de Nivernais, Schleuse 79 gezählt ab der Seine, hat er uns noch die Tore von Hand aufgekurbelt. Hat uns mit dem Boot hineinfahren lassen und die Tore hinter uns zugekurbelt. Jetzt dreht er uns den Rücken zu, wickelt eine Kordel ums Gartentürchen und verschwindet erst mal eine Stunde für eine Mahlzeit und ein Nickerchen.

Wir hängen derweil mit unserem Hausboot an zwei blauen Stricken fest und werden auf unserer Fahrt über die Wasserstraßen der französischen Provinz Burgund-Franche-Comté für eine Stunde gestoppt. Wir ertappen uns beim innerlichen Maulen über die Überprivilegierung französischer Staatsbeamter, die hier nur wegen der Touristen überhaupt ab und an etwas zu tun haben.

Zum Lümmeln gezwungen

Und merken doch nach zehn Minuten, wie schön es ist, dass er uns frisch aus der Hektik des Alltags Angekommenen ordentlich die Bremse reingehauen hat. Wir sind zur Untätigkeit verdammt, nehmen es, wie es ist und lümmeln uns mit einem Buch im Schatten einer Platane auf die Bänke des Oberdecks. Erst jetzt sehen wir die schönen Blumen in den Töpfchen am winzigen Kai und lauschen dem Rauschen des Wasser, dass durch die Ritzen der morschen Schleusentore drängt.

Der Kanal wurde zwischen 1784 und 1843 gebaut. Er verbindet die Loire mit der Seine, und seine Schleusen sehen nicht so aus, als seien sie schon mal erneuert worden. Berufsschifffahrt gibt es hier nicht mehr, nur noch Freizeitkapitäne steuern ihre eigenen oder gemietete Hausboote durch den Kanal. Und somit durch eine Region, die für ihre Burgunderweine – südöstlich von Auxerre unter anderem der Weißwein Chablis – und ihre schönen Dörfer, Städtchen und Schlösser bekannt ist. Viele davon liegen direkt am Wasser – wer mag, legt einfach davor an und kann auch gern eine Nacht oder länger hier verbringen – Liegeplatz, Strom und Wasser sind in der Regel umsonst.

Den Kühlschrank immer voller Käse

Wer schlemmen will, findet in jedem Ort kleine Restaurants mit Menüs ab 20 Euro oder holt sich in einer der kleinen Epiceries (Tante-Emma-Läden, die immer auch explizit regionale Produkte anbieten) Käse wie den Tomme, den Morbain, den Comté oder Pastetchen und Würste von kleinen Dorfmetzgereien. Dazu muss unbedingt jeden Morgen ein warmes Baguette in die Bordküche, wie es nur eine französische Boulangerie backen kann.

Viele haben Fahrräder dabei und machen vom Bootssteg aus Radtouren in die umliegenden Weinberge oder die Dörfer am Kanal, aber auch in die Stadt Auxerre mit ihren mächtigen Kathedralen und Fachwerkhäusern direkt am Wasser.

Vor der Reise hatten wir ordentlich Respekt, die 13,25 Meter lange und 4,10 Meter breite Calypso über uralte, enge französische Wasserstraßen zu steuern. Wohlgemerkt: Man braucht dafür nicht einmal einen Bootsführerschein.

Ein Handbuch (das man unbedingt gelesen haben sollte, es dauert nur eine Stunde) und eine Einweisung mit einer Runde im Becken der Übergabestelle in Migennes oder anderswo genügt, und selbst ausgewiesene Landratten werden ein paar Tage, manchmal auch zwei Wochen alleine mit ihrem acht Tonnen schweren Boot auf Tour gelassen. "Bonne journée" rufen die Mitarbeiter von Le Boat dann im Hafen und winken einem bis zur ersten Schleuse hinterher. Na wenn das mal gutgeht.

Das Steuern ist kinderleicht

Es geht in der Regel gut, die Boote sehen nicht aus, als würden sie dauernd mit Volldampf in die Kanalmauern gerammt. Das Steuern ist sogar kinderleicht, man lenkt wie im Auto und es gibt einen Hebel für Vorwärts Volldampf oder behutsam, für neutral und Rückwärts Volldampf oder behutsam. Ist die Schleuse noch zu, wird Geschwindigkeit herausgenommen, mit dem Rückwärtsgang bis zum Stillstand gebremst und dann mit der Bugschraube und einem entsprechenden Wippschalter die Front auf Position zur Schleuse gehalten.

Das Fahren der Hausboote ist so einfach, dass sogar die Kleinen unter Anleitung mal ans Steuer dürfen.

Das Fahren der Hausboote ist so einfach, dass sogar die Kleinen unter Anleitung mal ans Steuer dürfen. © Matthias Niese

Wer sich nicht stresst, gleitet gelassen in die Kammer – immer ist hier auch ein Wärter zur Stelle, der gerne hilft und die Leinen zum Festmachen entgegennimmt. Ein zweiter Erwachsener muss sowieso Teil der Crew sein und hilft beim Anlegen mit. Jedes weitere Mitglied bekommt vor Fahrtantritt feste Aufgaben zugeteilt, der Kapitän auf Zeit erteilt vom Steuer an Deck seine Anweisungen. Hier zeigt sich, ob so manche Hausbootfamilie auch im Urlaub Disziplin an den Tag legen kann.

Schon am ersten Tag stellt sich eine Entschleunigung ein, die man so nur selten erlebt. Das gemächliche Tempo des Schiffes, das nur etwas über vier Knoten (rund 8 Km/h) fährt, sowie die vielen Schleusen bestimmen den Tagesablauf. Immer wieder muss man Zwangspausen einlegen in einem Kanal, der mit seiner Dampftechnik, seinen uralten Dörfern, den Graureihern und quakenden Enten ein hübsches Gegenstück ist zu der hochtechnisierten Welt, aus der die meisten hier für kurze Zeit ausbrechen.

Vier Tipps auf der Fahrt durchs Burgund zum Hausboot:

Wer durch Burgund-Franche-Comté fährt, sollte sich das hier anschauen. Wer zur Übergabestelle nach Migennes im äußersten Nordwesten von Burgund-Franche-Comté fährt, sollte sich ein paar Tage Zeit nehmen und einen Bogen durch die Region schlagen.

Hier quillt der Fluss aus dem Fels - im Tal der Loue. Startpunkt einer tollen Wanderung.

Hier quillt der Fluss aus dem Fels - im Tal der Loue. Startpunkt einer tollen Wanderung. © Matthias Niese

Das idyllische Flüsschen Loue etwa schlängelt sich auf 126 Kilometern durch das Departement Doubs im Osten. Schon die Quelle rauscht nahe Ouhans Atem beraubend in einer riesigen Fontäne aus dem Schlund einer Jurakalk-Felswand, hier beginnt eine schöne Wanderung durch die Schlucht der Loue. Im weiteren Verlauf des Tals kommen seichte Stellen zum Baden, schöne Dörfer und Schlösser.

Weiter gen Westen liegt die Hauptstadt Besancon – über der mittelalterlichen Altstadt an der Doubs thront mit der Zitadelle eines der größten Werke des französischen Festungsbaumeisters Vauban. In ihr befinden sich mehrere hochrangige Museen sowie ein Zoo.

Nach so viel Kultur kommt auf der Weiterfahrt durch die tiefste französische Provinz voller Milchkühe auf grünen Weiden ein Stopp am Stausee Lac de Pont bei Semur-en-Auxois gerade recht. Hier hat die Gemeinde ein hübsches Freibad direkt vor dem Campingplatz eingerichtet. Das Städtchen selbst gilt als eines der schönsten Burgunds, es ziert manches Cover von Reiseführern.

Blick durch eine Fensterrosette auf die Baustelle der Burg Guedélon.

Blick durch eine Fensterrosette auf die Baustelle der Burg Guedélon. © Matthias Niese

Südwestlich von Migennes liegt ein weiteres Highlight der Region, die Burg Guedélon. Seit 1997 errichten hier Mittelalter-Enthusiasten und Forscher eine mittelalterliche Burg – exakt mit den Methoden und Naturalien, wie sie einst den Handwerkern zur Verfügung standen. Besucher können ihnen dabei über die Schulter schauen und sich im dazugehörigen mittelalterlichen Handwerkerdorf erklären lassen, wie schwer damals die Arbeit war.

Mehr Informationen:
Le Boat, Hausbootferien, www.leboat.de, Tel.: 06101 / 5 57 91 75
sowie
Burgund-Franche-Comté-Tourismus, www.burgund-tourismus.com, Tel.: 0033/8/ 92 70 05 58

Anreise:
Ab Nürnberg nach Migennes mit dem Auto über A6 und A4 knapp 750 Kilometer, mit dem Zug über Straßburg rund 10 Stunden.

Beste Reisezeit:
Frühling bis Herbst sind Hausboottrips möglich.