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Heilfasten auf Sylt

Das ist viel mehr als nichts zu essen, wie ein Selbstversuch zeigt - 15.02.2019 15:32 Uhr

Schnee in den Dünen — auf Nordseeinseln ist das eher selten. © Ulrike Löw


Es ist Samstagabend, gut zwei Dutzend Männer und Frauen sitzen im Fastenhaus Ahlers. Wir haben uns entschlossen, hier im Schlemmerparadies Sylt eine Woche lang nur Obstsäfte, ungesüßten Tee und eine Gemüsesuppe (besser als fade, salzlose Wasserbrühe zu beschreiben) zu uns zu nehmen. 350 Euro Seminargebühr plus die Kosten der Unterkunft, wir zahlen nicht wenig Geld für leere Teller.

Aber von vorne. Alle Jahre wieder beginnen in der ganzen Welt Christen am Aschermittwoch zu fasten – als Vorbereitung auf Ostern. Gläubige verzichten auf Fleisch, Milchprodukte und Eier, andere auf Alkohol und Süßigkeiten oder die Stunden vor dem Fernsehgerät und dem Internet. In der Bibel ist die Fastenzeit ein Zeichen der Buße und der inneren Reinigung.

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Heute geht’s beim Fasten längst nicht mehr nur um Religion. Wir sitzen im Speisesaal des Fastenhauses, gelegen im ruhigen Süden Westerlands, trinken Tee und unterhalten uns über Verzicht. Dabei zeigt sich: Keiner von uns ist ein Anti-Genuss-Asket oder ein Schlankheitsfanatiker.

Verzicht heißt für Anne aus Hamburg Gewinn: CO2-Fasten betreibt sie schon. Sie und ihr Mann verzichten so häufig wie möglich aufs Auto, fahren Fahrrad und Bus. Die Heizung auch mal runterzudrehen gehört dazu und der Verzicht auf Plastik.

Morgens Saft, abends Suppe

Vergleichsweise einfach ist es da, gleich ganz auf Essen zu verzichten. Sich eine Woche Auszeit nehmen, zum Frühstück an frisch gepressten Gemüse- und Obstsäften nippen und am Abend Gemüsesuppen auszulöffeln, die keine Stücke enthalten, um bloß den Speichelfluss nicht anzuregen. Im Speisesaal finden wir ein "Buffet" vor, das 30 verschiedene Teebeutel anbietet — sonst nichts.

Fasten, egal nach welcher Methode, ist ein Luxus, den sich nur Menschen aus reichen Industrieländern leisten können. Das sollte uns allen klar sein. Die zentrale Frage dieser Welt: Wie können acht, neun oder zehn Milliarden Menschen künftig satt werden? Wie nachhaltig ist der eigene Speiseplan für unsere Gesundheit und für die des Planeten? Auch Fragen wie diese werden wir diskutieren, etwa mit Lars Rohde, unserem Fastenleiter. Die Regeln: Kaffee, Alkohol, Zigaretten – verboten. Und Fasten heißt: nichts essen. "Auch kein Fischbrötchen!" Rohde spricht aus Erfahrung.

Manche hier sehen die Fastenwoche als Übergang in ein gesünderes Leben mit bewusster Ernährung und mehr Sport, andere suchen sich selbst. Fast alle wollen ihrem Hamsterrad ein paar Tage entkommen, sprechen vom Stress im Arbeitsalltag, dem Wunsch nach "Neustart". Um zu viel Hüftgold geht’s nur nebenbei. Die Idee ist Entgiftung. Regeneration.

Ein weiter Blick aufs Meer weitet auch die Seele. © Ulrike Löw


Von Sonntag bis Freitag steht Frühsport und eine Wanderung, gut vier Stunden täglich, auf dem Programm. Am Abend gibt es Futter fürs Hirn in Form von Vorträgen zu Themen wie Ernährung und Entspannung. An zwei Nachmittagen kommt Yoga hinzu. Wer mag, bucht Massagen oder eine "Colon-Hydro-Therapie", eine professionelle Enddarm-Reinigung.

Die ersten Tage bedeuten vor allem eines: Müdigkeit. Einige schlafen die Nächte durch und auch die freien Nachmittage. Wir keuchen auf unseren Wanderungen, trinken literweise Tee und pausieren zwangsweise häufig an öffentlichen Toiletten. Nach den ersten Tagen fühlen sich die meisten, als könnten sie Bäume ausreißen. Das Hungergefühl (nicht der Appetit!) schwindet, der Blick wird klarer.

Wir laufen zur windumtosten Südspitze, genießen die Fernsicht bis zu den Inseln Föhr und Amrum. Wir bewundern die reetgedeckten Häuser von Kampen – und lästern über Prominente wie Johannes B. Kerner oder Jürgen Klopp, die im versnobten Teil der Insel Millionen hinblättern für kaum genutzte Ferienhäuser. Porsche-fahren gilt hier, wo 800-Euro-Kaschmirpullis in den Läden weggehen wie anderen Orts frische Semmeln, als beinahe peinlich. "Sylt-Golf" nennt man hier den Sportwagen, auf Sylt fahren Bentleys und Rolls-Royce.

Die Bewegung und die Meeresluft sind gut für den Kreislauf und die Laune. Wir sind stolz auf den leeren Magen, reden über Lieblingslokale und all das, was wir am liebsten (also nur theoretisch) essen würden. Anne aus Hamburg etwa flüstert, sie habe in der vergangenen Nacht von tanzenden Käsebroten geträumt. "Ist das irgendwie seltsam?" Nö.

Vorsicht, Jo-Jo-Effekt!

Am Heilfasten scheiden sich die Geister: Auf keinen Fall ist die Methode geeignet, wenn es nur darum geht, Gewicht zu verlieren. Fasten ohne Eiweißzufuhr führt zum Abbau von Muskulatur, der Körper senkt den Grundumsatz, deshalb kann nach der Fastenkur bei normaler Nahrungsaufnahme das Gewicht wieder ansteigen – der berühmte Jojo-Effekt.

In der Fastenwoche gerät der Körper in einen Ausnahmezustand: Manche klagen über Schwindel und Kopfschmerzen, bei fast allen legt sich das nach zwei bis drei Tagen. Die Wanderungen und Yoga-Stunden sollen die Muskulatur erhalten. Eine neue Studie der Berliner Charité beobachtet positive Effekte bei Rheuma und Diabetes. Eine Studie der University South California hat an Mäusen nachgewiesen, dass Kurzzeit-Fasten die Nebenwirkungen von Chemotherapien beeinflusst: Gesunde Körperzellen sind bei Nahrungsentzug resistenter gegen das Gift. Ärzte raten dagegen Krebspatienten dringend von dauerhaftem Diäten ab.

Mehr Informationen:
Fastenwandern in Franken: https://fastenwandernwellness.de
sowie Fastenhaus Ahlers, https://www.fasten-sylt.de 

Ulrike Löw

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