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Historische Perlen jenseits von Prag: im Silberrausch

Das Metall machte Böhmen einst reich, was man an vielen Orten auch sieht - 31.08.2019 08:00 Uhr

Ort der Einkehr und des Besinnung auf die Endlichkeit allen Lebens: In der Friedhofskapelle von Sedlec bei Kutná Hora sollen die Gebeine von rund 40.000 Toten ruhen. © Wolfgang Heilig-Achneck


Silber war fast so wertvoll wie Gold. Allein die vage Aussicht auf sagenhaften Reichtum brachte Tausende Glücksritter und Habenichtse dazu, sich auf die Suche nach dem Ort zu machen, der bald Kuttenberg genannt werden sollte. Denn der Legende nach hatte der Entdecker, weil er sich nicht anders zu helfen wusste, die Fundstelle auf einer Anhöhe mit seiner Kutte markiert – und war nackt vor der Klosterpforte aufgetaucht.

Parallelen zum späteren Goldrausch dürften kein Zufall sein. Und Gold wert war die Entdeckung allemal für die böhmischen Herrscher. Alsbald wurde Kuttenberg zur privilegierten und zentralen Münzstätte des Landes. Der hier geprägte "Prager Groschen" soll in ganz Europa für bare Münze genommen worden sein. Die Einwohnerzahl des Städtchens explodierte auf über 60 000, es dürfte einigermaßen chaotisch zugegangen sein. Der Reichtum schützte freilich nicht vor Zerstörung: Die Hussitenkämpfe und der Dreißigjährige Krieg brachten Not und Elend.

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Böhmen: Historische Juwelen abseits von Prag

Prag zieht Touristen in hellen Scharen aus aller Welt an - und oft genug leidet das Flair der Stadt schon unter dem Ansturm. Aber eher selten reicht der touristische Horizont schon über die Metropole an der Moldau hinaus: Dabei sind in Mittel- und Ostböhmen und Mähren hochkarätige Kunst- und Kulturschätze zu entdecken, etliche haben Städten wie Kutná Hora oder Litomyšl den Weltkulturerbe-Titel eingebracht. Und die allenfalls leicht hügelige Landschaft lässt sich auch perfekt mit Fahrrädern erkunden.


Gestärkt durch Spezialitäten aus der böhmischen Küche des legendenumwobenen Traditionslokals Dačický tauchen wir auf den Silberpfaden tief ein in die Geschichte – ganz buchstäblich: In weiße Mäntel gehüllt und mit Schutzhelmen versehen, geht es hinab in neu gesicherte Schaustollen, durch niedrige und enge Gruben. Wir beginnen wenigstens etwas zu ahnen von der einstigen Schinderei unter Tage. Übrigens waren offenbar auch Nürnberger Patrizier hier im Geschäft, im Welschen Hof wird jedenfalls von einem Harsdörffer erzählt.

Heute sind es gerade mal um die 20.000 Einwohner, die sich über einen Reichtum anderer Art freuen dürfen: Kutná Hora, wie der Ort jetzt heißt, gehört zu den zwölf Unesco-Weltkulturerbestätten Tschechiens. In nur gut einer Stunde von Prag Richtung Osten leicht zu erreichen, liegt sie doch für viele Besucher in einer Art Niemandsland: Der Horizont der meisten Touristen aus Westeuropa reicht immer noch kaum über die Metropole an der Moldau hinaus. Dabei erschöpft sich der kulturelle Reichtum Kuttenbergs nicht im Silberschimmer: Ein gotisches Juwel wie die Barbara-Kathedrale, die gut in der französischen Champagne stehen könnte, vermuten hier bis heute wohl nur erfahrenere Böhmenreisende. Dass unterhalb Traminer- und Pinot-Noir-Trauben reifen, rundet die Postkarten-Idylle ab.

Knochen zu Kunstwerken arrangiert

Schier den Atem verschlägt es uns allerdings beim Abstieg in die Gruft des Ossariums im Vorort Sedletz. In der Barockzeit wurden die Knochen von Verstorbenen hier nicht in Nischen geschlichtet, sondern zu Kunstwerken arrangiert, etwa einem ausladenden Leuchter oder einem Wappen der Fürstenfamilie von Schwarzenberg.

Was die Menschen einst als Warnung vor dem allgegenwärtigen Tod (Memento Mori) empfanden, elektrisiert heute Gothic- und Metal-Fans. Black-Sabbath-Star Ozzy Osbourne soll Millionen für eine Nacht in diesem makabren Ambiente geboten haben. Und für ein US-Magazin gehört die Totenkapelle zu den gruseligsten Orten der Welt.

Auf ihre Kosten kommen aber auch Freunde der Moderne: Im ausgedehnten Barockkomplex des einstigen Jesuitenkollegs stellt die Kunstgalerie der Region Mittelböhmen (GASK) eine breite Palette von Werken tschechischer und internationaler Künstler der Gegenwart vor. In den historischen Fluren und Sälen kommt das Zeitgenössische womöglich besser zur Geltung als in kühlen Betonbauten.

Beim Stadtfest, jeweils Ende April, versetzen sich Bürger und Besucher ein paar Jahrzehnte zurück in die Vergangenheit - dazu sind jede Menge Oldtimer zu bewundern. © Wolfgang Heilig-Achneck


Mit noch mehr Überraschungen punkten noch ein Stück weiter östlich historische Städte in Ostböhmen und Mähren. Allen voran das Landstädtchen Leitomischl (Litomyšl), der Geburtsort des tschechischen Nationalkomponisten Bedřich Smetana.

In seinem Geburtshaus erinnert ein kleines Museum an den Schöpfer der "Moldau". Die Hauptattraktion aber ist das mächtige Renaissanceschloss gegenüber. Es birgt neben den üblichen Repräsentationsräumen ein Barocktheater, das samt Vorhängen und 16 Kulissensätzen fast original erhalten geblieben ist. Der Schritt in die Gegenwart ist auch hier nicht weit – und führt hinab in die Kellergewölbe, die der Künstler Olbram Zoubek mit ausdrucksstarken Skulpturen belebt.

Teufel, Kobolde und Gespenster

Etwas verrückt, auf jeden Fall aber kurios mutet schließlich das winzigste Museum weit und breit an: Vor knapp 100 Jahren hatte sich Josef Portman, ein Beamter mit einem Faible für Ausgefallenes, die Wohnräume seines Siedlungshäuschens vom Boden bis zur Decke ausmalen lassen. In satten Farben hat Josef Váchal das "Portmoneum" als Panoptikum aus Teufeln, Kobolden und Gespenstern wie auch Figuren aus dem Christentum mit Verweisen auf Hinduismus und orientalische Lehren gestaltet.

Wer sich noch nicht sattgesehen hat, kommt um die einstige Festungs- und heute stark von studentischem Leben geprägte Stadt Olmütz (Olomouc) nicht herum. Auch sie ist gerade mal 200 Kilometer von Prag entfernt – und wartet mit Sehenswürdigkeiten für mehr als einen Tag auf. Am besten genießen lässt sich die Atmosphäre vermutlich bei einem der Feste und Festivals, von verschiedenen Gartenmärkten über das Liederfest im Juni und ein Orgelfestival Anfang September bis zum Tusch auf Josef Graf Radetzky.

Im Lauf seiner schillernden Karriere war der Feldherr auch mal Festungskommandant in Olmütz – eine Art Strafversetzung nach einer Degradierung. Aber die Erinnerung daran ist längst verblichen, sicher auch weggeblasen von der schwungvollen und unverwüstlichen Marschmusik aus der Feder von Johann Strauß.

Mehr Informationen:
Tschechische Zentrale für Tourismus
www.czechtourism.com,
die diese Reise unterstützte.
Anreise bis Kuttenberg:
Mit dem Auto A6 Nürnberg-Prag, dann Bundesstraße, 380 km (etwa vier Stunden). Mit Bus und Bahn IC-Bus Nürnberg-Prag, dann Regionalbahn (etwa sechs Stunden)
Günstig wohnen:
House of Roses
www.houseofroses.cz
Luxuriös wohnen:
Chateau Třebeŝice
www.trebesice.com
Beste Reisezeit:
Frühjahr bis Herbst. Smetana-Festival in Litomyšl, jeweils drei Wochen ab Mitte Juni. 

Wolfgang Heilig-Achneck

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