Italien mal ganz ruhig

Im westlichen Piemont finden Outdoor-Liebhaber stille Pfade

11.9.2021, 07:20 Uhr
Wer es die felsigen Bergpfade am Monte Viso hinaufschafft, wird mit dieser Aussicht auf den Lago Fiorenza und die dahinterliegenden Gipfel belohnt.

Wer es die felsigen Bergpfade am Monte Viso hinaufschafft, wird mit dieser Aussicht auf den Lago Fiorenza und die dahinterliegenden Gipfel belohnt. © Jana Vogel, NNZ

Ein bisschen klingt es, als würde der Berg über uns explodieren. Ein heftiges Krachen, dann ächzt und poltert der über uns thronende Gipfel, bevor er mit dem prasselnden Klang herabstürzender Steine wieder zur Ruhe kommt. Einen Moment halten wir Ausschau nach verräterischen Staubfahnen, doch der Steinschlag ist auf der uns abgewandten Bergflanke niedergegangen.

Und so geht es weiter bergan. Der Pfad windet sich langsam den sattgrünen Hang hinauf, wo jetzt im Hochsommer in dieser Höhe zahllose Wildblumen blühen. Unsere beiden Guides legen ein straffes Tempo vor, und wir folgen, so gut es geht, schnaufend, aber sehr zufrieden. Eine kleine Kuppe wird überwunden, und dann leuchtet uns das blaugrüne Wasser eines kleinen Gletschersees entgegen. Über ihm erhebt sich, stolze 3.841 Meter hoch, der Monte Viso.

Wandern im Po-Tal

Der höchste Gipfel der südlichen Alpen, direkt an der Grenze zwischen Italien und Frankreich gelegen, ist kein ganz unbekannter. Gipfel und Rundwanderwege ziehen Bergsteiger in die westlichste Ecke des Piemonts. Hier liegt auch die Quelle des Po-Flusses. Ganz unscheinbar kommt er unter einem großen Felsbrocken hervor und sucht sich sanft gluckernd seinen Weg bergab. Vom mächtigen Strom in der italienischen Tiefebene ist hier noch nichts zu erahnen.

Den Naturdenkmälern zum Trotz steht die Zahl der Touristen in den schmalen Bergtälern von Monviso in keinem Vergleich zu den teils überlaufenen Alpenpfaden, die man beispielsweise aus den Dolomiten kennt. Erst seit 2016 genießt die Gegend den Status eines geschützten Naturparkes, berichten unsere Guides Fabio Santo und Debora Barolin, die als Parkranger sowohl für die Sicherheit als auch die Information der Besucher zuständig sind. Anfangs seien die Bewohner der Täler nicht unbedingt glücklich gewesen über die strengen Schutzmaßnahmen, aber "langsam hat man sich aneinander gewöhnt."

Reiche Geschichte

Mittlerweile hofft man, mit dem Naturpark einen nachhaltigen Tourismus entwickeln zu können, der ganzjährig mehr Menschen in die Täler oberhalb des historischen Städtchens Saluzzo bringt. Jahrzehntelang sind hier mehr Menschen abgewandert als in anderen Gegenden Europas. In kleinen Bergdörfern wie San Martino mit seinen alten, steingedeckten Häusern leben im Winter nur fünf Menschen, früher waren es 400.

Früher diente die Kirche von Stroppo mit ihren Glocken als Kommunikationsmittel für das gesamte Tal, heute bewundern vorwiegend Touristen die mittelalterlichen Fresken samt eher unbiblischem Steinbock und Dudelsack.

Früher diente die Kirche von Stroppo mit ihren Glocken als Kommunikationsmittel für das gesamte Tal, heute bewundern vorwiegend Touristen die mittelalterlichen Fresken samt eher unbiblischem Steinbock und Dudelsack. © Jana Vogel, NNZ

Einer davon ist Sven Heinitz. Der Liebe wegen war der Dresdener vor einigen Jahren ins Piemont gekommen und blieb dort in den Bergen. "Ich habe zweimal versucht, nach Deutschland zurückzukehren", erzählt der 33-Jährige lachend, "und bin kläglich gescheitert." Nun arbeitet er für den lokalen Tourismusverband und führt Gäste zu den kleinen historischen Orten, die sich überall im westlichen Piemont verbergen. In der Kirche von Stroppo hoch am Hang zeugen zahlreiche mittelalterliche Fresken von der lokalen Kunsttradition ebenso wie vom Stolz der Bauern und Händler in den Tälern.

"Damals herrschte noch großer Wohlstand dank alter Handelsrouten und Gasthäuser", erzählt Sven. Später jedoch verarmte die Gegend, und das wenige Einkommen kam beispielsweise aus dem Schmuggel von Salz. Um die hohen Steuern und Zölle zu umgehen, kauften die Einwohner Sardellen an der Küste und legten sie oben in die Salzfässer. Daher gibt es bis heute hier, weit vom Meer, traditionelle Gerichte mit Anchovis zu essen.

Entdeckungen für Käsefreunde

An gutem Essen mangelt es der Region ohnehin nicht. Unten in der piemontesischen Ebene werden seit Jahrhunderten Obst und Gemüse angebaut, an den Berghängen wachsen Getreide, Esskastanien oder Haselnüsse. Vor allem aber entsteht hier hoch oben im Val Grana der Castelmagno-Käse, für den die Gegend bekannt ist.

Dessen Geruch ist unverkennbar. Schon bevor wir das erste Kellergewölbe betreten, weht uns der Duft von etwa 2000 Laib Bergkäse entgegen. "Einmal im Monat muss der Käse mit Wasser, Essig und Salz gewaschen werden", erklärt uns Giorgio Amedeo, der seit vielen Jahren mit seiner Familie die Käserei von La Meiro führt. Vier oder fünf Leute sind mit dem allmonatlichen Ritual beschäftigt. Dann legen sie den Castelmagno Käse wieder auf die alten Holzregale und lassen ihn bei gut zehn Grad weiter reifen, teils über Jahre hinweg. Der 2020er Jahrgang hat einen angenehm würzigen Geschmack, der 2013er hingegen ist schon eher etwas für hartgesottene Liebhaber.

Auf zwei Rädern zum Pass

Neben Wanderern und Essens-Pilgern entdeckt mittlerweile auch eine weitere Gruppe die Täler des Monviso für sich: Auf zwei Rädern strampeln Sportbegeisterte die Serpentinenstraßen hinauf zu den weit über 2000 Meter liegenden Passhöhen der Cottischen Alpen - stets auf den Spuren des Radrennens Giro d'Italia. Wer es einfacher haben will, so wie wir, nutzt dafür ein E-Mountainbike.

Gemeinsam mit seinem Sohn führt Giorgio Amedeo die Käserei von La Meiro hoch oben im Val di Grana. Einige der Käselaibe reifen hier seit mehr als fünf Jahren - an der Farbe erkennt man das Alter.

Gemeinsam mit seinem Sohn führt Giorgio Amedeo die Käserei von La Meiro hoch oben im Val di Grana. Einige der Käselaibe reifen hier seit mehr als fünf Jahren - an der Farbe erkennt man das Alter. © Jana Vogel, NNZ

Fast mühelos geht es dank des kleinen Motors bergauf, vorbei an smaragdgrünen Wäldern und winzigen Bergdörfern mit alten Steinhäusern. Dank der breiten Reifen sind auch die unebenen Stein- und Schotterpisten kein Problem. An einem Wasserfall weit oben im Val di Maira ist Schluss. Hier entdecken wir sogar ein Murmeltier, das aufmerksam wachend zwischen den Felsbrocken sitzt. Wer Glück hat, kann weiter oben am Monte Viso auch Steinböcke und Gämsen beobachten. Erst wenn zu viele Wanderer unterwegs sind, verziehen sich diese in unzugänglichere Lagen.

Auch bei bestem Sommerwetter haben wir aber nur wenige Schritte vom Parkplatz entfernt die Bergpfade des Monte Viso fast für uns. Auf dem Rückweg begegnen wir wieder anderen Wanderern. Mit treuherzigem Blick sitzt ein Hund am Ufer des Lago Fiorenza und bewacht zwei Haufen mit Kleidung, während sich seine Besitzer im eiskalten Wasser des Gletschersees erfrischen. Ganz legal übrigens, wie uns die Ranger versichern. Wären sie nicht im Dienst, meint Fabio Santo augenzwinkernd, wären sie sofort dabei beim Bad mit Bergblick.

Mehr Informationen:
Hauser Exkursionen
www.hauser-exkursionen.de

Der Veranstalter von nachhaltigen Slow-Trekking-Reisen hat diese Reise unterstützt und bietet mehrere neue Reisen ins Piemont an, darunter

https://www.hauser-exkursionen.de/reise/selfguided-mtb-reise-italien-piemont

https://www.hauser-exkursionen.de/reise/italien-piemont-e-bike-erlebnis-in-den-wunderbaren-monviso-taelern

Keine Kommentare