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Immer an der Lahn lang wandern

Das Flusstal ist gesegnet mit Zeugnissen vergangener Jahrhunderte - 08.06.2019 08:00 Uhr

Die mittelalterliche Wassermauer von Dausenau mit dem legendären "Wirtshaus an der Lahn" von 1650. © Gerhard Fitzthum


Streit zerstört Freundschaften und Familien, kann zuweilen aber auch positive Nebenwirkungen haben – für das Baugewerbe etwa. In Runkel hatten Maurer und Zimmerleute zwischen 1276 und 1288 jedenfalls alle Hände voll zu tun. Nachdem sich Heinrich von Runkel-Westerburg mit dem Burgherrn, seinem Vetter, überworfen hatte, ließ er sich einen eigenen Adelssitz bauen.

Nicht irgendwo freilich, sondern direkt gegenüber auf der anderen Lahnseite, gerade mal dreihundert Meter Luftlinie entfernt, aber deutlich höher am Hang. Westerburg wollte auf seinen Intimfeind hinunter blicken.

Gleich zwei Feudalbauten

Kein Zweifel, dass das bei Limburg gelegene Städtchen durch diesen Familienzwist an Attraktivität gewonnen hat: Wo andere einen imposanten Feudalbau haben, hat Runkel derer zwei. Komplettiert wird die mittelalterliche Aura noch durch die vollständig erhaltene Steinbogenbrücke von 1448.

Wer auf dem Lahnwanderweg unterwegs ist, wird nicht übersehen, dass das Lahntal mit Zeugnissen vergangener Jahrhunderte mehr als gesegnet ist. Die Zahl der Burgen ist enorm, alle paar Kilometer steht man vor einem entsprechenden Bauwerk, mal aufwändig restauriert, mal als gespenstisch drohender Torso, der vom Untergang der Ritterkultur erzählt. Dazu kommen Schlösser, Klosteranlagen, archaische Wassermauern, opulente Stadttore und höfische Parkanlagen.

Zu den eindrücklichsten der insgesamt neunzehn Etappen gehören die rund um Runkel – auch wegen der beispiellosen Dichte an Sehenswürdigkeiten am Wegrand: dem berührenden jüdischen Waldfriedhof, dem für Besucher geöffneten Unica-Marmorbruch, der Villmarer Marmorbrücke, dem spektakulären König-Konrad-Felsen und eben den beiden Vesten von Runkel.

Das große Vorbild des Lahnwanderwegs war und ist der nahe Rheinsteig, der den Dörfern und Städtchen zwischen Rüdesheim und Koblenz einen ungeahnten touristischen Aufschwung verschafft hat. Ein vergleichbarer Boom ist an der Lahn nicht zu erwarten, und doch braucht man vor der erfolgreichsten Route der Republik nicht in Ehrfurcht zu erstarren.

Als Wanderrevier hat das Lahntal gegenüber dem Durchbruchstal des Rheins nämlich einen entscheidenden Vorteil: Die Talsohle ist oftmals breiter und nicht vollständig mit Siedlungen, Autostraßen und Bahntrassen verbaut.

Zuweilen bewegt man sich durch herrlich grüne Auenlandschaften, rund um Eschhofen bei Limburg etwa, oder im wildromantischen Seitental der Salzböde zwischen den alten Universitätsstädten Marburg und Gießen.

Im letzten Drittel der Lahn hat der vom Deutschen Wanderverband ausgezeichnete "Qualitätsweg" hin und wieder sogar alpinen Charakter. Das Taunus und Westerwald trennende Tal ist hier so tief eingeschnitten, dass man sich überall wähnt, nur nicht im deutschen Mittelgebirge.

Zwischen Obernhof und Dörnberg folgt man einem so schmalen Felsengrat aufwärts, dass der Steig mit Halteseilen, Metallstufen und Leitern gesichert werden musste. Er endet am sogenannten "Goethepunkt", an dem ein überdachter Aussichtspavillon steht. Wer hier in die Runde schaut, kann nachvollziehen, warum der Dichterfürst diesen Ort anno 1772 "ein Plätzchen zum Sterben schön" genannt hat: Obwohl gerade mal 275 Meter hoch, fühlt man sich der Welt abhanden gekommen.

Sofort erkennbar sind die Wegweiser des Lahnwanderweges. © Gerhard Fitzthum


Die in Balduinstein endende Etappe hat noch einen anderen Superlativ: Zwei Drittel sind Fußwege im besten Sinn des Wortes, behaglich schmale Trassen mit Pfad- oder Steigcharakter. Näher kann man der Natur in Wanderschuhen kaum kommen.

Natürlich werden die mit dem alten Namen "Lei" bezeichneten Panoramafelsen nicht ausgelassen, selbst wenn man dafür kleinere Umweg in Kauf nehmen muss. Die lohnen sich schon deshalb, weil dort fast immer auch eine Sitzbank steht, wenn nicht gar ein kleiner Pavillon, der bei Regen Schutz bietet.

Gewiss, im Sommer kann einen das Lahntal schon mal an eine Modellanlage des Outdoorsports erinnern: kein Flussabschnitt, auf dem nicht wenigstens zwei Kanus zu sehen sind, am Ufer sind die Tourenradler unterwegs, oftmals sogar in der Karawane. In der Vor- und Nachsaison hat der Wanderer aber das Terrain für sich. Dann ist auch in den im Stundentakt verkehrenden Regionalbahnen genug Platz.

Schade ist, dass man an der gesamten oberen und mittleren Lahn kaum etwas vom Fluss sieht und man sich gelegentlich sogar kilometerweit von ihm entfernt. Wanderwege, die nach einem Fluss bezeichnet sind, erwecken nun mal entsprechende Erwartungen.

Doch Glück im Unglück: Ins Gebirge hinaufgetrieben lässt man nicht nur den Outdoor-Trubel hinter sich, man wird auch mit großartigen Aussichten belohnt. Dort zumindest, wo die Berge hoch genug sind und nah genug am Fluss stehen.

Mehr Informationen:

Lahntal Tourismus Verband

www.daslahntal.de

Anreise:

Zur Quelle bei Feudingen 350 km. A3 bis Aschaffenburg, dann A 45, bei Dillenburg auf die B 253. Gut 4 Stunden. Mit dem Zug über Frankfurt nach Marburg, von dort Regionalbahn Richtung Erndtebrück. Gut 4,5 Stunden. Die Mündung erreicht man über Niederlahnstein, nahe am IC/ICE-Bahnhof Koblenz.

Günstig wohnen:

Villa Alexander in Bad Ems

www.villa-alexander.de

Luxuriös wohnen:

Burghotel in Staufenberg

www.burg-hotel-staufenberg.com

Beste Reisezeit:

März bis Ende Juni, September bis November 

Gerhard Fitzthum

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