Österreichs Geheimtipp

In der Hochsteiermark wandern und radeln Familien entspannt und unter sich

12.6.2021, 07:36 Uhr
Die Hochsteiermark ist für Familien ein lohnenswertes Ziel.

Die Hochsteiermark ist für Familien ein lohnenswertes Ziel. © Michael Husarek

Tatsächlich führt die Region ein touristisches Schattendasein. Viele der Einheimischen räumen ganz offen ein, "im Entwicklungsland" zu leben. Natürlich nur, wenn es um die Zahl der Gäste geht. Die kommen im Winter zwar zahlreich aus Wien, um am Stuhleck oder am Semmering Ski zu fahren, im Sommer geht es dagegen ausgesprochen ruhig zu.

Dabei ist das hier ein Eldorado für die immer weiter wachsende Gruppe der Radtouristen. Vor allem für diejenigen, die keine Lust auf übervolle Wege, unfreundliche Wirte und Stress im Urlaub haben. Die Flüsse und Berge der Hochsteiermark sind am leichtesten mit E-Bikes zu erkunden. Denn Bergauf-Passagen gibt es immer wieder.

Peter Perner hat sich auf den E-Bike-Tourismus spezialisiert und bietet begleitete Touren an. Er nimmt uns mit auf eine wunderbare Tagesrundfahrt, die auch etliche gemütliche Einkehrmöglichkeiten bietet - in der Ganzalm, im Roseggerhaus und in der Friedrichhütte bleibt Zeit zum Durchschnaufen und für ein Gespräch mit den Hüttenwirten. Die sind, passend zum Landstrich, stets für einen Plausch zu haben.

Mit E-Bikes kommen selbst Kinder mühelos Berge hinauf

Ansonsten heißt es trotz Akkumotor kräftig in die Pedale treten, insgesamt sind es 1400 Höhenmeter, die bis zum Ziel, der Talstation in Spital am Semmering, bewältigt werden müssen. "Bei uns geht es gemütlich zu, weil wir keine extremen Strecken fahren, wir bewegen uns immer auf den Wegen der Bikeregion Mürztal", erklärt unser Guide. Und tatsächlich sind nach den ersten Kilometern alle Vorurteile gegenüber den E-Mountainbikes abgebaut. Es macht einfach Spaß!

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Und von den Kindern ist niemals der sonst so vertraute Satz zu hören: "Papa, ist das anstrengend. Wann sind wir da?" Wer will, fährt mit viel Unterstützung, wer sich auspowern möchte, nutzt nur die niedrigste Antriebsstufe. Gemeinsam bleibt so viel Zeit für die waldreiche Landschaft zwischen Semmering und Bruck an der Mur. Und wenn der Akku doch mal leer zu werden droht, warten alle paar Kilometer Aufladestationen. Die Bikeregion ist ein perfekt ausgebautes E-Bike-Areal.

Der Wirt führt ins Angeln ein

Nicht nur am Berg. Auch im Tal kann die Gegend autofrei erkundet werden. Auf 68 Kilometern führt der Mürztalweg am Fluss entlang, oft auf eigener Radtrasse, selten auf kaum befahrenen Nebenstraßen. Was für die Bergwelt gilt, trifft unten umso mehr zu: Wohl kaum ein anderer Familienradweg ist so entspannt zu befahren.

Hannes Rothwangl war erfolgreich: Eine Forelle hat angebissen. Allerdings ist das Tier zu klein, so dass es weiter in der Mürz schwimmen kann. Erst ab circa 30 Zentimeter Größe werden die Fische mitgenommen und fangfrisch im Gasthaus von Rothwangl serviert.

Hannes Rothwangl war erfolgreich: Eine Forelle hat angebissen. Allerdings ist das Tier zu klein, so dass es weiter in der Mürz schwimmen kann. Erst ab circa 30 Zentimeter Größe werden die Fische mitgenommen und fangfrisch im Gasthaus von Rothwangl serviert. © Michael Husarek

Wer etwa in Krieglach Halt macht, kann dort Hannes Rothwangl treffen. Der Gastwirt ist zugleich Fischereipächter eines Mürzabschnitts und führt seine Gäste gerne ins Angeln ein. "Ruhig und herrlich entspannt, vor allem wenn abends die Sonne untergeht und alles flimmert", erzählt er begeistert und erklärt ein ums andere Mal die richtige Wurftechnik beim Auswerfen des Köders.

Tatsächlich beißt eine halbe Stunde später die erste Bachforelle an. "Petri Heil!", freut sich Rothwangl über das Anfängerglück. Der drahtige 52-Jährige ist fest in seiner Heimat verwurzelt und betreibt das Dorfwirtshaus in der dritten Generation. An seiner Heimat schätzt er die "Natur, die uns genauso gefällt wir den Touristen". Und schon schwärmt er von E-Bike-Touren mit seiner Frau in der Umgebung.

Fast könnte man denken, dass ja nicht zu viele Gäste kommen sollen, um den Einheimischen ihre Hochsteiermark nicht streitig zu machen. Doch dieser Eindruck täuscht: "Natürlich brauchen wir mehr Gäste", schlägt Wolfgang Leopold auf dem Marktplatz von Kindberg andere Töne an. Der Apotheker ist ehrenamtlich Obmann des Tourismusverbandes und rührt kräftig die Werbetrommel für die Gegend entlang der Mürz.

Urlaub bei den Einheimischen

Wer mit ihm ins für die selbstgemachten Lebkuchen berühmte Café Krikac geht, kennt hinterher fast alle Passanten und die Menschen an den Nachbartischen. Und erneut verdichtet sich der Eindruck, dass der Fremdenverkehr noch großes Potenzial in der Gegend hat. Natürlich empfängt auch Leopold seine Besucher am Stadtrand mit dem E-Bike, einem gleichermaßen beliebten wie praktischen Verkehrsmittel zum Erkunden der bergigen Umgebung.

Spätestens in Oberkapfenberg, wenn es zwei Kilometer zur hoch über der Stadt gelegenen Burg geht, wissen wir unser E-Bike endgültig zu schätzen. Der steile Anstieg wäre mit dem normalen Rad kaum zu machen, lohnt aber umso mehr: Denn die Burg ist aus einem lange währenden Dornröschenschlaf erweckt worden und mittlerweile eine echte Sehenswürdigkeit.

Vom Museum mit einem spannenden Exkurs über Kreuzzüge der ehemaligen Burgherren über Alchimisten, die vor Jahrhunderten vergeblich versucht hatten, Gold und Silber herzustellen, bis zur Greifvogelshow reicht das üppige Angebot hoch oben am Burgberg.

Wer möchte, kann sich auch einem der "Ritter der Tafelrunde", einem Kreis älterer Herren, anvertrauen. Die Experten fürs Mittelalter bieten Armbrustschießen in dem alten Gemäuer an. Die Ergebnisse sind erstaunlich: Dank der guten Einführung durch "unseren Ritter" Erich Stebegg gelingen einige Treffer ins Schwarze.

Kulinarische Volltreffer

Volltreffer sind in der Region auch kulinarisch möglich: Ob beim Restaurant Schicker in der schönen Kapfenberger Innenstadt oder weiter oben im Mürztal in Langewang im Hotel-Restaurant Krainer - exzellentes Essen schätzten die Hochsteirer ganz offenbar.

Denn auch in den Wirtshaussälen gilt, was auf den Radwegen und in den Bergen der Fall ist: Die meisten Menschen, die man trifft, sind Einheimische. Wer Molche im Hochmoor entdecken und eine nicht überlaufene Region kennenlernen möchte, der ist entlang der Mürz goldrichtig. Mit oder ohne E-Bike.

Die Burg in Oberkapfenberg ist aus einem lange währenden Dornröschenschlaf geweckt worden und mittlerweile eine echte Sehenswürdigkeit.

Die Burg in Oberkapfenberg ist aus einem lange währenden Dornröschenschlaf geweckt worden und mittlerweile eine echte Sehenswürdigkeit. © Michael Husarek

Mehr Informationen:
Tourismusverband Hochsteiermark, www.hochsteiermark.at oder telefonisch unter 0043/386 25 50 20.
Anreise:
Vom Großraum Nürnberg aus ist die Region mit dem Auto über die Pyhrn-Autobahn (via Passau) in knapp 5 Stunden zu erreichen.