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Indien vs. Pakistan: Grimmig gucken beim Grenzkonflikt

Dieses inszenierte Spektakel sollten sich Touristen nicht entgehen lassen - 22.02.2020 07:08 Uhr

Synchron holen indische (vorne mit braunen Uniformen) und pakistanische Soldaten ihre jeweilige Fahne ein. Sie stehen dabei Seite an Seite, genau zwischen Ihnen verläuft die weiße Grenzlinie.

20.02.2020 © Narinder Nanu/afp


Der Einpeitscher trägt Tarnanzug, Springerstiefel und eine schusssichere Weste. Statt einer Waffe hält er ein Mikrophon in der Hand und heizt ein wie der Trommler vor einem großen Fußballspiel oder ein Leadsänger beim Rockkonzert. "Hindustan!", schreit er ins Mikro. "Zindabadh", grölt die Menge zurück. Das heißt: "Indien!" – "Lang lebe es!"

Die Menge, das sind rund 13 000 Zuschauer in einem halbrunden Stadion, das nur für diesen Grenzzirkus gebaut wurde. Auch eine Handvoll Touristen strömt jeden Tag gegen 17 Uhr in dieses Stadion. Die Menschen dort suchen Gemeinschaftsgefühl, pflegen ihren Nationalstolz und wollen dabei auch ihren Spaß haben. Viele haben sich indische Flaggen auf die Wangen gemalt, Fahnen werden geschwenkt – ähnlich wie bei uns beim Fußball-Länderspiel.

Mitten durchs Stadion verläuft tatsächlich die Grenze zwischen Indien und Pakistan. Die Attari-Wagah-Grenze ist von sieben bis 17 Uhr geöffnet. Sie liegt an der Grand Trunk Road zwischen Amritsar im indischen Teil der Region Punjab und Lahore im pakistanischen Teil von Punjab. Es ist der einzige offizielle Grenzübergang in diesen beiden Bundesstaaten zwischen Indien und Pakistan. Auf der indischen Seite heißt der Grenzort Attari, auf der pakistanischen Seite Wagah.

Auf der anderen Seite herrscht Friedhofsstimmung

Die Show ist nun 60 Jahre alt geworden, ist aber immer noch mächtig populär – zumindest auf der indischen Seite. Das andere Halbrund des Stadions liegt auf pakistanischem Boden. Die Ränge dort sind ziemlich leer. Nur ein paar Hundert Pakistani haben sich eingefunden, nach Männlein und Weiblein getrennt. Und während es im indischen Rund brodelt, herrscht auf der pakistanischen Seite Friedhofstimmung, als hätte die Cricket-Nationalmannschaft gerade mit 92 Runs gegen Indien verloren. Cricket ist Nationalsport in beiden Ländern, solch ein Ergebnis käme einem 0:6 im Fußball gleich.

Die Zeremonie wurde einst eingeführt, um zu verbinden, denn seit der Teilung 1947 sind die Atommächte Erzfeinde. "Seit 1959 findet dieses Spektakel jeden Abend statt, selbst als Indien und Pakistan andernorts Konflikte bewaffnet austrugen!", erklärt Reiseführer Mudita Joshi. "Denn eigentlich haben die Leute nichts gegeneinander. Es sind alles Punjabi. Die Inder besuchen die Pakistani, die Pakistani besuchen die Inder".

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"Hindustan!", schreit der Einpeitscher wieder ins Mikrofon. "Zindabadh", grölt die Menge abermals zurück. Immer und immer wieder, unterbrochen nur von einem "Vandhe Matharm" – "Respekt fürs Mutterland". Dann beginnt der Einpeitscher mit der eigentlichen Show und lässt zwei geschminkte Soldatinnen los. Im Stechschritt geht’s Richtung Pakistan, von wo synchron zwei pakistanische Soldatinnen gen Indien marschieren. Alles ist einstudiert und die Choreografie lässt die vier Frauen genau an der Grenzlinie Halt machen. Ihre grimmigen Blicke werden über Großleinwand übertragen. "Hindustan!" – "Zindabadh", immer wieder.

Die nächste Staffel – indische Soldaten in brauner, die Pakistani in schwarzer Paradeuniform – marschieren aufeinander los. Im Stechschritt mit umgehängten Maschinengewehren. Die Fußspitzen weit über Kopfhöhe und dem Fächer, der wie ein Hahnenkamm als Kopfschmuck dient. Da gehört hartes Training dazu, so etwas zu können! Es wirkt, als ob Marionetten einen Sandkastenkrieg inszenieren.

Die Menge kreischt! Die Indische wohlgemerkt; aus Pakistan ist nichts zu vernehmen.

Einer der indischen Soldaten zwirbelt ostentativ vor seinem Kollegen aus Pakistan seinen getrimmten Bart und man ahnt es schon: "Hindustan!" – "Zindabadh" tönt es aus 13 000 Kehlen noch inbrünstiger. Was für die meisten Touristen geradezu albern wirkt, sehen die Inder ganz anders: Einige stehen auf und salutieren.

Hindustan wird zu Absurdistan

Auf der Grenzstraße geht es nun knapp 30 Minuten lang hin und her: Stechschritt und Eilmarsch, Aufstampfen und Umdrehen, High-Kicks – der Einpeitscher hält nur noch die Hand hinter sein Ohr. Die 13 000 wissen sofort, was zu tun ist: "Hindustan!" – "Zindabadh", viermal, fünfmal, zehnmal. Das Volk ist kaum noch zu bändigen. Hindustan wird zu Absurdistan.

Das Ministerium für alberne Gangarten hat sich vermutlich dieses provokante Defilee ausgedacht.

20.02.2020 © Narinder Nanu/afp


Im Alltag haben die Soldaten der Grenzzeremonie ganz normale Pflichten, werden fürs Training der Choreografie allerdings freigestellt. Ausgewählt werden stets die besten der Kompanie. In der Regel haben sie in Amritsar etwa zwei Jahre Dienst, ehe sie an einen anderen Ort versetzt werden.

Der Schluss ist geradezu staatstragend. Es wird ruhig im Halbrund. Die Flaggen werden eingeholt, Zentimeter für Zentimeter und exakt gleich. Dann wird das Tor geschlossen und bleibt zu bis zum Sonnenaufgang. Und um 17 Uhr heißt es dann wieder: "Hindustan!" – "Zindabadh". Wie jeden Abend seit 60 Jahren.

Mehr Informationen:
Ausländer mit Reisepass haben eigene Eingänge und reservierte Plätze.
Incredible India
www.incredibleindia.org
Anreise:
Gut acht Stunden mit dem Flugzeug nach Neu-Delhi, von dort weiter nach Amritsar mit Air India oder – viel spannender – mit dem Zug in sechs Stunden.
Günstig wohnen:
Holiday Inn
www.holidayinn.hotelsgroup.in/holiday-inn-amritsar.html
Luxuriös wohnen:
Taj Swarna
www.tajhotels.com/en-in/taj/taj-amritsar
Beste Reisezeit: Oktober bis April (Trockenzeit)

Redaktioneller Hinweis:
Die Recherche für manche Artikel auf diesen Seiten wurde von Reiseveranstaltern, Hotels, Fluglinien oder Tourismusverbänden unterstützt. ​Informationen des Umweltbundesamts über die Möglichkeit, den CO₂-Ausstoß Ihrer Reise zu kompensieren:
www.umweltbundesamt.de/themen/freiwillige-co2-kompensation

Jochen Müssig

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