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Indiens Pracht und Elend

Das Land ist trotz bitterer Armut auch der Ort von Protz und Prunk - 10.10.2015 05:59 Uhr

Frauen in bunten Saris auf dem Weg zum Taj Mahal in Agra. Kleiner Tipp: Drehen Sie das Bild mal auf den Kopf - eigentlich müsste die Spiegelung im Wasser unten sein - ein toller Effekt, der suggeriert, man blicke von unten aus dem Wasser. © Matthias Niese


In Indien lebte eine wunderschöne Prinzessin im goldenen Käfig eines Palastes. Sie war das einzige Kind des Maharajas und hatte niemanden, der mit ihr spielte. Das machte sie sehr traurig. Eines Tages nahm der Chauffeur der Familie seinen Sohn mit in den Herrschaftssitz. Die Kinder scherten sich nicht um Standesunterschiede, spielten im Garten und wurden Freunde.

Ein paar Jahre später reiste die Prinzessin zum Studium nach England, wie es häufiger Brauch ist bei den Reichen Indiens. Der Maharaja gab ihr noch einen Wächter mit ins ferne Europa: ausgerechnet den Sohn des Chauffeurs.

Aus Freundschaft wurde Liebe.

Als die Prinzessin ihren Eltern verkündete, dass sie ihn heiraten wolle, gab es Aufruhr im Palast: „Niemals werde ich der Hochzeit zustimmen“, tobte der Maharaja. „Dann bringe ich mich um“, drohte die Prinzessin. Schließlich gab der König, der seine Tochter über alles liebte, nach: „Wenigstens stammt er aus derselben Kaste“, seufzte er noch.

Viele Tage feierten sie Hochzeit, mit Elefanten, Feuerwerk, mit Gesang, Tanz und tausenden von Gästen. Zwei Jahre später wurde dem Paar ein junger Prinz geboren.

Ihr Leben lang hatte man der Prinzessin jeden Wunsch von den Lippen abgelesen. Ihr Mann hingegen war in einem Dorf aufgewachsen. Die Gegensätze waren zu groß, immer öfter stritten sie. Als das Gerücht aufkam, die Prinzessin träfe sich gelegentlich mit ihrem Koch, zog der Prinzgemahl aus.

„Schande über meiner Familie“, rief der Maharaja. Nun drohte er, sich umzubringen: „Das Volk tuschelt über uns. Raufe dich wieder mit deinem Gemahl zusammen, er muss unbedingt wieder im Palast einziehen!“

Er zog wieder ein, und kurz darauf konnte der alte Maharaja in Frieden sterben. Sein blutjunger Enkel folgte ihm auf den Thron, wo er noch heute sitzt.

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Pracht und Elend in Nordindiens Goldenem Dreieck

Wer Indien besucht, reist meist zu den berühmten Sehenswürdigkeiten im so genannten Goldenen Dreieck. Hier sieht er die prächtigen Baudenkmäler der Moguln und Maharajas, aber auch die Schwierigkeiten, mit denen die Menschen ihren Alltag meistern.


Die Reichen sind immer für einen Klatsch gut

Untermalt mit viel Musik, Gesang und Tanz ist die Erzählung, die Sie oben lesen, exakt der Stoff, aus dem Indien seine Bollywood-Filme webt. Diese zwei bis vier Stunden langen Schmachtfetzen werden meist in den Studios der Filmcity Mumbai (Bombay), in prächtigen Maharajapalästen, aber auch in London, den USA oder auf Schweizer Berggipfeln mit riesigem Aufwand und Budget gedreht.

Die indische Filmindustrie ist inzwischen die größte der Welt, Bollywood (eine Verbindung aus den Wörtern Bombay und Hollywood) hat mit mehr als 150 Studios und knapp 2000 Filmen pro Jahr dem kalifornischen Original längst den Rang abgelaufen.

Das 1,2 Milliarden-Volk liebt seine eigenen Filme, in denen die immergleichen Dramen um Liebe, Heldentum, Komik und Schrecken, um Wundersames, Wut und Frieden die Kinobesucher faszinieren. Sie spielen meist in der Welt der Schönen und Reichen, vor allem aber in den Palästen der Maharajas.

Diese einstigen Könige Indiens, deren schwerreiche Nachkommen noch heute Hof halten und vom Volk verehrt werden, sind wie unser eigener Adel immer für einen Klatsch gut. Und so erzählt man sich gerne unter der Hand die angeblich wahre Geschichte von der Königsfamilie, in der die Prinzessin ihren Chauffeur geheiratet hat, um ihn dann mit dem Koch zu betrügen.

Schon immer haben die Mächtigen Indiens reichlich Gesprächsstoff geliefert. Gerade die Moguln waren die Meister vollendeter orientalischer Prachtentfaltung. Als muslimische Eroberer kamen sie aus Zentralasien und unterwarfen in der Mitte des letzten Jahrtausends Stück für Stück den gesamten hinduistischen Subkontinent.

Das bitterarme Volk arbeitete für ihre Prunksucht, mit der die Herrscher den Menschen wiederum zeigten, wie gottgleich und unberührbar sie waren — sie legitimierten ihre Herrschaft mit reichlich Protz. Die Stadt Agra etwa bauten sie unter anderem mit dem Roten Fort zur neuen, prächtigen Hauptstadt aus.

In der Festung lag die Palastanlage mit ihrer vergoldeten Audienzhalle, gegen die Sommerhitze wurden sämtliche Höfe mit Tüchern überspannt. Auch alle Kuppeln glänzten golden, und wenn abends an die Dachtraufen Fackeln gesteckt wurden, strahlte der Palast über der Stadt wie eine geöffnete Schatztruhe. Im Zentrum der Anlage stand auch der berühmte Pfauenthron, mit 27 000 Brillianten besetzt und später als Stuhl des Schahs von Persien berühmt geworden.

Reich und ungeniert

Das Bett des Herrschers hing in seinem zu allen Seiten offenen Privatgemach wie eine Schaukel an der Decke. Schlief der Mogul in den Seidenkissen ein, fächelten ihm acht Dienerinnen Kühlung zu. War ihm nicht nach Schlaf zumute, dienten ihm die Frauen auch anders.

Ein Zeugnis der Mogulkaiser ist in aller Welt berühmt: Das Taj Mahal in Agra, dieses verschwenderische Symbol der Trauer um den Verlust einer geliebten Frau. Vielen gilt es als das schönste Gebäude der Welt, das selbst dann noch seinen Reiz entfaltet, wenn es jeden Tag von Tausenden Indern aller Schichten und Touristen aus aller Welt eingenommen wird.

Glanz und Elend liegen in Indien so dicht beieinander: In Jaipur, dieser prächtigen Residenzstadt der Maharajas, verschläft ein Tagelöhner die Mittagshitze in der staubigen Nische einer Tordurchfahrt.


Noch immer leben die meisten Inder in bitterer Armut, über 40 Prozent können weder lesen noch schreiben. Inzwischen bildet sich jedoch eine Mittelschicht heraus, die sich Eigentumswohnungen und Autos leisten kann. Die Superreichen des Landes zeigen — ganz in der Tradition der Moguln und Maharajas — völlig ungeniert ihren Reichtum.

In Mumbai, wo mehr Dollarmillionäre leben als in Manhattan, steht im teuersten Viertel der Turm Antilia, das größte und teuerste Einfamilienhaus der Welt und Wohnsitz des reichsten Inders. Auf 173 Metern Höhe verteilen sich 27 Stockwerke, fünf alleine für seinen Fuhrpark. Mit seiner Frau und drei Kindern lebt er auf 37 000 Quadratmetern — das ist mehr als die Fläche des Versailler Schlosses.

Nur ein paar Straßen weiter spielen verschmutzte Kinder bei 40 Grad im Schatten unter einer Straßenbrücke in Müll und Staub. Ihre Mutter versucht derweil, den Touristen ein paar Postkarten zu verkaufen. Die Reisenden sitzen Minuten später mit den Postkarten auf dem Schoß im eiskalt klimatisierten Reisebus und betrachten durch getönte Scheiben das Wimmelbild, das sich ihnen auf indischen Straßen bietet.

Sie sehen Menschenmassen und Berge von Bauschutt und Müll, sehen schiefe Schilder vor verfallenden Häusern und Garküchen, in denen Gemüse im Teig frittiert und zu Pyramiden aufgetürmt wird. Sie blicken in einen Laden voller Hühnerkäfige, in dem ein junger Mann gerade einem Huhn den Kopf abschneidet und ein anderer Fleisch auf die Auslage in die Sonne legt und die Fliegen vertreibt. Sie hören das nie verstummende Hupen der Autos und der Tuk-Tuk-Taxis.

Schlagartig wird die geschäftige Welt ausgeknipst, als der Bus durch ein unauffälliges Tor biegt. Hinter hohen Mauern liegt ein Palasthotel, ein Pfau stolziert durch den gepflegten Garten, das Wasser eines Brunnens plätschert in den Pool, und ein dekorierter Page hält den weit gereisten Fremden die Türe auf.

Gegensätze, denen man in Gedanken noch lange nachhängt.

Weitere Informationen:

„Incredible India!“, www.india-tourism.com, Tel.: (069) 2 42 94 90 sowie bei der Reisemesse CMT in Stuttgart, die vom 16. bis 24. 1. 2016 Indien als Gastland begrüßt. www.messe-stuttgart.de/cmt, Tel.: (07 11) 18 56 00.

Beide haben diese Reise unterstützt.

Ein weiteres, längeres Reisevideo in deutscher Sprache zum Goldenen Dreieck finden sie hier.

 

Matthias Niese Magazin am Wochenende / Gute REISE E-Mail

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