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Kreuzfahrtschiffe: Wirbel um übertriebene Zahlen

Experten entlarven Vergleiche, die Passagierdampfer an den Pranger stellen - 12.04.2018 05:00 Uhr

Mitglieder des Naturschutzbundes NABU weisen vor dem Kreuzfahrtterminal in Bremerhaven auf die Umweltbelastung durch Kreuzfahrtschiffe hin. Im Hintergrund ist der Kreuzfahrtschiff-Neubau «Disney Fantasy» als ein Vertreter der ganz großen Klasse von Passagierschiffen an der Columbuspier zu erkennen. Der NABU fordert unter anderem Rußfilter, schwefelarmen Diesel und Landstromanschluss für Ozeanriesen. © Ingo Wagner / dpa


Die 15 größten Seeschiffe der Welt stoßen jährlich mehr schädliche Schwefeloxide aus als alle Autos weltweit.

Ein einzelner Ozeanriese stößt auf einer Kreuzfahrt so viele Schadstoffe aus wie fünf Millionen Pkw auf gleicher Strecke.

Zucken Sie da nicht auch zusammen, wenn Sie das lesen? Seit 2012 läuft die Nabu-Kampagne "Mir stinkt‘s - für eine saubere Kreuzschifffahrt". Von ihm stammen die zwei eingangs genannten Thesen, die seitdem Schlagzeilen machen und nach wie vor zitiert werden. Oft ersetzt man dabei "Schwefeloxide" verkürzt durch "Schadstoffe" oder durch das Treibhausgas CO2. "Bereits eine einfache Plausibilitätsrechnung sollte zeigen, dass die Nabu-Vergleichszahlen unrealistisch sind", schreibt Holger Watter, Schiffsingenieur und Professor an der Fachhochschule Flensburg. Er ist bei den Zahlen des Nabu auf zahlreiche Unstimmigkeiten gestoßen. Auch einem Faktencheck der Zeit hielten die Behauptungen des Nabu nicht stand.

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Kreuzfahrten: Vom Umweltsünder zum sauberen Schiff

Kaum eine Tourismusbranche steht so in der Kritik wie Kreuzfahrtschiffe. Die meisten blasen noch immer giftige Schweröldämpfe in die Luft. Doch die Reeder fürchten um ihr Image. Soll der Boom anhalten, müssen die Schiffe sauberer werden. Hier viele schlechte, aber auch gute Beispiele.


So wurden laut Watter offensichtlich Äpfel, Birnen, Kirschen und Tomaten zusammengezählt und durch vier geteilt. "Ein Auto, das fast den ganzen Tag parkt und im Schnitt nur 36 Kilometer täglich fährt, wird einem 24 Stunden operierenden Schiff gegenübergestellt", sagt Hochschullehrer Watter. Seine Ergebnisse waschen die Kreuzfahrtbranche zwar nicht rein, bringen aber mehr Sachlichkeit in die Diskussion.

Denn betrachtet man laut Faktencheck etwa den Anteil am CO2-Ausstoß, liegt er beim weltweiten Schiffsverkehr bei drei, beim Straßenverkehr bei 17 Prozent. Kein Verkehrsmittel erzeugt pro Passagier oder transportiertem Gewicht weniger CO2 als das Schiff, fast nirgends ist der Verbrauch geringer - ein modernes Containerschiff wie die Emma Maersk schluckt unter Vollast pro Container auf 100 Kilometer etwa 2,6 Liter Schweröl.

"Bei Kreuzfahrtschiffen halte ich einen Vergleich pro Passagier für sinnvoll", sagt Robert Sausen vom Deutschen Institut für Luft- und Raumfahrt (DLR) in Oberpfaffenhofen. Er hat berechnet, dass je nach Größe des Schiffs bei einer 14-tägigen Kreuzfahrt pro Person zwischen einer und drei Tonnen CO² anfallen. Das ist weniger als bei einem einzigen Flug von Frankfurt nach New York (2,8 Tonnen) und erst recht auf der Strecke Frankfurt-Sydney (8,6 Tonnen). Sein Fazit: "Schiffe sind die effizienteste Art, etwas zu bewegen. Sie haben wenig Widerstand und fahren relativ langsam."

Einen direkten Vergleich mit einem Auto halten die Experten wegen der völlig unterschiedlichen Systeme für so gut wie unmöglich, zumal ein Kreuzfahrtschiff auch noch ein schwimmendes Hotel ist, für dessen Betrieb man wiederum Energiekosten herausrechnen müsste.

"Eher Kampagne denn Erkenntnisgewinn"

Sicher ist: Schiffe stoßen etwa 100 mal mehr Schwefeloxide aus als der Autoverkehr - das liegt aber daran, dass die Kraftstoffe an Land so gut wie schwefelfrei sind. Um maximale Aufmerksamkeit zu erregen, wird diese Zahl jedoch gern herangezogen.

Auch Stickoxide und Feinstaub stoßen Kreuzfahrtschiffe nicht so deutlich viel mehr aus, wie oft behauptet wird. Schreibt der Nabu, ein Schiff mache so viel Dreck wie fünf Millionen Autos, errechnen unabhängige Experten unter Berücksichtigung der Passagierkilometer ein Verhältnis von 1:100. Watter glaubt daher, in der Diskussion "geht es wohl mehr um eine Kampagne als um die Wahrheit oder Erkenntnisgewinn." 

Matthias Niese Magazin am Wochenende / Gute REISE E-Mail

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