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Litauens ungleiche Schwestern

Vilnius, Kaunas und Trakai zeugen von der wechselvollen Geschichte des Landes - 24.11.2018 08:00 Uhr

Vilnius ist jung, hip und beliebt bei Studenten aus aller Welt, auch aus Deutschland.

© Roland Englisch


Egle Kalibataite liebt ihr Vilnius. Sie kennt die kleinen Ecken, die verwunschenen Winkel, die großen Promenaden. Wenn sie Touristen durch die heutige Hauptstadt Litauens führt, zeigt sie ihnen die schönen Seiten ihrer Stadt. Die aufwändig restaurierten barocken Fassaden der alten Häuser – Vilnius, sagt Egle, sei die nördlichste Barockstadt nördlich der Alpen. Ihre Innenhöfe mit den kleinen Läden, den Boutiquen, Kunsthändlern. Die Krämerin, die die Pilze in der Auslage selbst gesucht hat und jeden Morgen in aller Frühe das Brot backt, das sie in ihrem Laden anbietet, eine litauische Spezialität mit pechschwarzer Kruste und einem leicht süßen Aroma.

Brot, sagt Egle, ist den Litauern heilig. Sie werfen nichts davon weg, verwenden es auch noch, wenn es auf den Boden gefallen ist. Brot ist Teil der litauischen Identität. Traditionell backen die Familien ihr Brot in Holzöfen, die überall im Land, in den Städten wie den Dörfern stehen.

Wer ein Volk unterdrücken will, der muss ihm seine Identität nehmen. Das haben auch die Litauer schmerzvoll erlitten in der Zeit der sowjetischen Besatzung. Die Sowjets sperrten die öffentlichen Backöfen; sie schlossen die Kirchen, bauten sie um zu Fabriken, zu Lagerstätten, zu Mehrzweckhallen. Selbst die Sprache wollten sie den Litauern nehmen, eine der zehn ältesten Sprachen dieser Welt, wie Egle Kalibataite erzählt. Litauisch, sagt sie, gehe zurück auf das altindische Sanskrit.

Brutale Zeiten

Die Litauer haben widerstanden, auf ihre Weise. Sie haben die Schätze aus ihren Kirchen gerettet und versteckt, ihre Sprache, ihre Folklore, ihren Glauben aus dem öffentlichen in den privaten Bereich verlegt. Es waren harte, brutale Zeiten. Ihre Großeltern, erzählt Egle, einfache Bauern, Überlebende des Zweiten Weltkriegs, hatten die Sowjets erst enteignet und dann nach Ulan deportiert. Neun Jahre überlebten sie dort, ehe sie zurückkehren durften.

Vielleicht erklärt sich aus diesem kollektiven Trauma die unbändige Lebenslust, die Vilnius durchströmt. Sobald es die Temperaturen im Frühjahr zulassen, beginnt die Saison der Straßenfestivals. Öffentliche kostenfreie Konzerte, Schlemmermeilen, Kunst-Events füllen jedes Wochenende. Die Szene der Stadt ist jung – auch, aber nicht nur dank der Universität, die Studenten aus ganz Europa anzieht und letzte Hoffnung sein kann für jene, denen der Numerus Clausus zuhause das Traumstudium verhindert.

Trakai mit seiner Wasserburg bietet von der Luft aus einen beeindruckenden Anblick.

© Roland Englisch


Es liegt natürlich auch an der Geschichte Litauens. Trakai, nur knapp 30 Kilometer von Vilnius entfernt, lässt aber nur erahnen, was für eine Macht Litauen einst gewesen ist. Im 14. Jahrhundert war Trakaj das Zentrum des Landes – und das Zentrum eines kleinen Weltreichs von der Ostsee bis hinunter zum Schwarzen Meer. Von der Wasserburg Trakai aus regierte der Großfürst – und verteidigte sein Land gegen den aus dem Westen anstürmenden Deutschen Orden.

Am Boden ist Trakai, nun ja, eine Burg im Wasser mit ein paar Häusern auf dem Land außen herum. Nichts, wo sich Stunden verbringen ließen. Außer, Zeit und Muse reichen für eine Ballonfahrt. Die führt, je nach Wetter und Windrichtung, mal über den See und die Burg, mal auch über die Altstadt von Vilnius. Der Blick von oben ist das Geld allemal wert – besonders wenn Kestutis Petronis den Ballon lenkt und ihn präzise über die Burg steuert.

Spitzenrestaurants zeigen den Trend an

Der Kontrast könnte kaum größer sein zwischen der Beschaulichkeit Trakais, immerhin einstiges Zentrum eines riesigen Reiches, und dem pulsierenden Vilnius, dem Regierungssitz Litauens, das mit 2,7 Millionen Einwohnern so viele Bürger zählt wie Schleswig-Holstein, aber mehr als viermal so groß ist. Hanseatische Zurückhaltung allerdings ist den Litauern fremd, und besonders ist sie das den Menschen in Vilnius. Die Stadt strebt nach oben. Spitzenrestaurants zeigen den Trend an. Auch wenn sie für Westeuropäer noch sensationell billig erscheinen – für den Durchschnittsbürger in Litauen sind sie in unerreichbaren Sphären angelangt.

Nicht ganz so leicht ist der Pulsschlag von Kaunas, der dritten Hauptstadt Litauens. Kaunas schickt sich an, Kulturhauptstadt Europas zu werden. Es ist vielleicht auch ein Weg, wie die Stadt ihre widersprüchliche Geschichte aufarbeiten kann. Und einer, der die schüchterne Schöne aus dem Schatten ihrer großen Schwester Vilnius locken kann.

Frei interpretierter Bauhausstil

In der Zwischenkriegszeit, wie die Litauer die Phase zwischen Erstem und Zweitem Weltkrieg nennen, war Kaunas für einige Jahre das Zentrum Litauens gewesen, als Polen Vilnius besetzt hielt. Es war ein unglaublicher Baumboom, weil Dutzende von Verwaltungsgebäuden neu entstanden, Villen für die Botschafter aus aller Welt, Dienstsitze für die Ministerien – alle in einem recht frei interpretierten Bauhausstil.

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Vilnius, Hauptstadt Litauens, Pulsgeber des Landes, jung, vorwärtsdrängend, modern. Trakai, alt, mittelalterlich, kaum mehr als eine Burg und doch einst das Zentrum eines kleinen Weltreichs, das bis ans Schwarze Meer gereicht hat. Und dazwischen Kaunas, der hässliche Schwan, der seinen Platz in der Welt noch sucht.


Selbstverständlich hat auch Kaunas eine Altstadt, fast so fein restauriert wie die von Vilnius und ähnlich pittoresk. Selbstverständlich hat auch Kaunas seine ganz eigene Form der Kultur entwickelt, der Street Art mit fassadenhohen Gemälden. Doch Kaunas trägt schwer an seiner Geschichte, an der Vertreibung und Ermordung der rund 150.000 litauischen Juden etwa. 2022, wenn sich Kaunas den Titel Kulturhauptstadt Europas mit dem luxemburgischen Esch teilt, soll die Geschichte der litauischen Juden endlich aufgearbeitet werden.

Vilnius hat sich von dieser geschichtlichen Last befreit, vielleicht auch auf Kosten von Kaunas; die Stadt atmet freier, beschwingter, erstrahlt in unbeschwertem Glanz und manchmal ausgelassener Fröhlichkeit. Doch Kaunas holt auf, auch wenn es das ungleiche Rennen der beiden Schönen in Litauen nie wird für sich entscheiden können.

Mehr Informationen:

Fremdenverkehrsamt Litauen

www.lithuania.travel,

das diese Reise unterstützt hat.

Roland Englisch

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