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Livigno: Skifahren, Shoppen und etwas Kultur

Ein abgeschiedenes Bergdorf hat sich zum Hotspot des italienischen Wintersports entwickelt. - 14.12.2019 08:00 Uhr

Der langgezogene Ort liegt verschneit in einem weiten, einer Hochebene ähnlichen Tal. © marchello74/shutterstock.com


Anders. Das ist der erste Eindruck, wenn nach der kostspieligen Fahrt durch den einspurigen, von einem Schweizer Energieversorger betriebenen Tunnel und am Ende der langen Fahrt an einem Stausee Livigno beginnt. Es ist anders als österreichische Skidörfer, die häufig dank des alpenländischen Baustils durch Gemütlichkeit auf sich aufmerksam machen. Und auch anders als die französischen Retorten-Skistationen, die vergeblich versuchen, den alpenländischen Stil zu kopieren und ob der Dimension der Appartement-Bunker regelmäßig daran scheitern.

Livigno ist anders. Oder eben eigen. Ein langgezogenes Straßendorf mit einer bemerkenswert großen und lebhaften Fußgängerzone sowie vielen kleinen Hotels und Pensionen. Wo die 6500 Einwohner des auf einer Hochebene liegenden Ortes selbst leben, erschließt sich auf den ersten Blick nicht.

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Abseits in Livigno

Freeriden, das Abseitsfahren, wie es neudeutsch heißt, ist in Italien verboten. Außer in Livigno. Der Ort, der in vielen Punkten eine Sonderstellung einnimmt, erlaubt nicht nur das Abseitsfahren, er lässt auch Heliskiing zu. Ein Ausflug in den Süden, der sich lohnt.


Beherbergungsbetrieb, Ristorante oder Duty-free-Shop: Das sind die drei häufigsten Nutzungen der Gebäude des bis 1951 im Winter von der Außenwelt komplett abgeschlossenen Dorfes. Mit der Öffnung der Passstraße nach Bormio im Winter und dann dem Bau des Munt-la-Schera-Tunnels in Richtung Engadin war es mit der Beschaulichkeit schnell vorbei. Das bettelarme Bergdorf, in dem sechs Monate lang der Schnee den Takt der Menschen vorgab, mutierte zum Hotspot des italienischen Wintertourismus. Von null auf hundert, so hört sich die Geschichte der 1970er Jahre an, die Desirè Castellani im Dorfmuseum "Mus!" erzählt.

Eine alte Ortsansicht aus den 1960er Jahren bestätigt jedes ihrer Worte. Damals gab es Bauernhöfe und -häuser, heute gibt es Betten für Gäste. Und Läden. Und Skipisten. Auf 115 Kilometer summieren sich die Abfahrten, die auf beiden Seiten des Tales Skispaß total ermöglichen. Dank der Ausgangslage auf 1800 Metern trotzt Livigno nach wie vor von Ende November bis Anfang Mai dem Klimawandel.

Möglich machen dies teure Beschneiungsanlagen und die üblichen Tricks: Für den Frühstart des Langlaufzentrums wird den Winter über ein beachtlicher Schneeberg angehäuft, der im April mit Holzhackschnitzeln bedeckt und somit zu einem riesigen Eisschrank verwandelt wird. Im Herbst dient der übriggebliebene Schnee dann dem Präparieren der Langlaufspuren.

Desirè Castellani beschreibt in dem von ihr aufgebauten und betreuten Museum die Geschichten ihres Dorfes, auch dem Tourismus ist ein Kapitel gewidmet. Die junge Frau, die in Mailand studiert hat, tut dies mit spürbarer Liebe zu ihrer Heimat. Sie ist typisch für einen jungen Menschen aus Livigno: Zur Ausbildung geht es weit weg, schon die Schüler müssen lange Fahrzeiten zum nächstgelegenen Gymnasium auf sich nehmen. Doch am Ende kommen sie dann alle wieder zurück.

"Hier wohnt meine Familie, ich bin stolz, die Geschichte dieses Ortes erzählen zu dürfen", sagt die Frau, deren Museum es in jeder Großstadt ob der modernen Präsentation zu vielen Besuchern brächte. In Livigno, dem Skidorf, sind es gerade mal 3000 bis 4000 Menschen, die sich in das ehemalige Anwesen eines Viehhändlers verirren.

Ausflug in die Freiheit

Shoppen genießt eindeutig Vorrang vor der Kultur. Martina Bormolini würde das so nie formulieren. Sie arbeitet im Tourismusmarketing und hat ebenfalls für viele Jahre ihr Heimatdorf verlassen müssen. Erst, um in Bozen zur Schule zu gehen, dann, um in Mailand zu studieren. Auch sie ist wiedergekommen. Voller Stolz führt auch sie die Besucher in die Latteria, eine große Molkerei mit noch größerem Gastronomiebetrieb, am Ortsrand von Livigno.

Hier dürfen auch die Kleinsten bis ganz nach oben. © Michael Husarek


Dort gibt es ausschließlich einheimische Milchprodukte – wunderbaren Käse ebenso wie geschmackvolle Joghurts und sehr gelungenes Eis. Diese Produktpalette liefert neben der ausgesprochen reizvollen Lage einen weiteren Grund, zurückzukommen.

Federico ist erst gar nicht weg: Nach der Ausbildung zum Skilehrer fährt er mit Gästen die Hänge hinunter, die er schon als Kind hinabgesaust ist. Als Lehrer der Skischule "Centrale" kennt er jeden Hang. Selbst mit den ihm anvertrauten kleinen Kindern scheut er sich nicht, die höchsten Gipfel bis auf 2700 Meter Höhe via Sessellift zu erklimmen. Der Nachwuchs, andernorts oft in Skikindergärten mit Förderbändern untergebracht, macht den Ausflug begeistert mit. Dank Federicos selbst gebastelten Federschmuck, der zwischen Helm und Skibrille wie eine Antenne nach oben wächst, sehen die Eltern ihre Kinder auf den Pisten auch immer wieder. Livigno ist eben anders.

Mehr Informationen:
Tourismusverband Livigno
www.livigno.eu/de
der die Reise unterstützt hat.
Anreise:
Mit dem Auto von Nürnberg aus 480 Kilometer in knapp sechs Stunden. Beste Route über Garmisch-Partenkirchen und Nauders. Bei der
Alternative über den Bodensee sind eine Schweizer Vignette und Maut für die Kosten der Bahnfähre bei Klosters nötig.
Luxuriös wohnen:
Hotel Sporting Family Hospitality
www.hotelsportinglivigno.com
Günstig wohnen:
Hotel Cassana
www.hotelcassanalivigno.com

 

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