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Mallorca: Der Kiez von Palma

Ins ehemalige Rotlichtviertel Sa Gerreria zieht es Künstler, Hipster und Studenten - 14.09.2019 08:00 Uhr

Zwei Prostituierte und ein Mann zeugen noch vom alten Flair des Barrios. © Oliver Schindler


Hier und da bröckelt etwas Putz von den Fassaden. Farbe blättert von Fensterläden, Lamellentüren und Balkonen. Die Anzahl der Geschäfte und Restaurants nimmt schlagartig ab. Es sind plötzlich deutlich weniger Menschen in den Gassen unterwegs. Die Einheimischen sind in der Mehrzahl.

Das Viertel Sa Gerreria in der Altstadt von Palma de Mallorca ist nur ein paar Schritte von der Plaça Major und dem Mercat de l’Olivar entfernt und doch ist das ehemalige Rotlichtviertel unter Touristen bisher kaum bekannt. Im Nordwesten grenzt Sa Gerreria an die Einkaufsstraße Carrer del Sindicat. Wer von dieser Shopping-Meile abbiegt, taucht in eine andere Welt ein.

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Kein Gedränge, keine Schlangen und schon gar kein Ballermann: Im Winter, Frühling und Herbst ist es kühl und dennoch meist sonnig auf der Baleareninsel. Wer fein essen, in Ruhe Städte erkunden und am leeren Strand entspannen will, der ist dann hier richtig.


Grüne Kronleuchter, rote Vorhänge, Marmortische mit Holzstühlen, ein goldener Spiegel und üppige Blumensträuße in Porzellanvasen prägen das Interieur der Chocolatería Ca’n Joan de S’aigo. Schwarz gekleidete Kellner mit weinroten Schürzen eilen um die Tische. Vor allem Einheimische haben es sich hier gemütlich gemacht. Die Chocolatería liegt versteckt in einer Gasse am südlichen Ende der Carrer del Sindicat. Seit 1977 bietet die Familie Martorell hier mallorquinische Leckereien an.

"Damals arbeitete dort eine einzige Frau, es gab einen großen Ofen, die Schmalzschnecke Ensaimada oder die Biskuitschnitte Cuarto, dazu heiße Schokolade oder Mandeleis", sagt der Chef Pere Joan Massanet. Die vier Spezialitäten sind die gleichen wie damals, die Preise niedrig. "Das Ca’n Joan de S’aigo soll für alle sein", sagt Massanet.

Viele trauten sich nicht  hierher

In den Gassen von Sa Gerreria flattert auf einem schmiedeeisernen Balkon Wäsche hin und her. Erdfarbene Hauswände mit bunten Graffiti wechseln sich mit frisch sanierten Fassaden ab. Auch brachliegende Baulücken und Gerüste, die Balkone oder ganze Häuser abstützen, sind jetzt zu sehen. "Ins Rotlichtviertel Sa Gerreria trauten sich früher viele nicht hinein", sagt Marc Morell, Sozialanthropologe an der Universität der Balearen in Palma.

Prostitution, Drogenhandel, Kriminalität – alles viel zu gefährlich. Bis 2007, da stand schon mitten im Viertel der neue Justizpalast. Investoren kauften für wenig Geld heruntergekommene Häuser, sanierten und modernisierten sie und verkauften sie für viel Geld weiter. Die Mieten stiegen und viele Bewohner wurden aus dem Viertel verdrängt.

Auf der Plaça de Sant Antoni stehen zwei Prostituierte vor einem baufälligen Haus. Nur das Erdgeschoss gibt es noch, bis auf eine Tür mit Vorhängeschloss ist es zugemauert. Die beiden sprechen mit einem alten Mann mit Schiebermütze, der in einer Ecke auf einer Kiste hockt und Zeitung liest. Zwischen ihnen ist eine lilafarbene Wandmalerei – Frida Kahlo sieht besorgt aus, aber es rankt sich ein Baum um sie herum.

Drogen gibt es jetzt woanders

Vor dem leerstehenden Gebäude auf der anderen Straßenseite sitzen zwei Betrunkene im Hauseingang. Ein Tattooladen, ein Beautysalon, ein Erotik-Shop, Rotlichtkneipen, aber auch zwei neue Szene-Cafés, Designer-Geschäfte für Büromöbel und Lampen, zwei große Banken und eine Immobilienfirma liegen hier.

Die Plaça de Sant Antoni am nördlichen Ende der Carrer del Sindicat ist der einzige Ort in Sa Gerreria, der noch an das frühere Rotlichtviertel erinnert. Einige wenige Prostituierte sind geblieben, der Drogenhandel hingegen hat sich an einen anderen Ort verlagert, die Kriminalitätsrate ist gering. In einer Ecke des Platzes befinden sich die derzeit geschlossene Bar Michelis und die Bar La Puerta, zwei letzte Rotlichtkneipen im Viertel.

Vom Viertel Sa Gerreria kann man bis zur berühmten Kathedrale schauen, so weit ist sie gar nicht entfernt. © oh


"An der Plaça de Sant Antoni sieht man noch die die letzten Mohikaner von Sa Gerreria", sagt Marc Morell. Ein paar Häuser weiter ist es voll geworden im Lolì Cafè. Eine Fototapete mit Palmen ist der Blickfang in dem kleinen Café mit Mittagstisch. Reiseführer und Stadtpläne von touristischen Hotspots wie Barcelona, Berlin und Amsterdam stehen im Regal.

Manager, Künstler, Hipster, Studenten, Nachbarn und Leute aus dem Rotlichtmilieu essen hier hausgemachte italienische Pasta. "Wir haben einen bunten Mix an Gästen", sagt Lorenzo Benelli. "Touristen kommen bisher nur selten."

Er und seine Frau Lia stammen aus der Nähe von Bologna. Sie haben das Café Anfang 2018 aufgemacht: "Wir haben uns nach einer Woche Urlaub auf Mallorca entschieden, hier ein Café zu eröffnen", sagt Benelli. "In Rimini geht die Saison nur drei Monate, in Palma ist das ganze Jahr etwas los."

In der Chocolatería Ca’n Joan de S’aigo stehen wie immer Ensaimadas und Cuartos, heiße Schokolade und Mandeleis, auf den Tischen. Und eine Karte gibt es inzwischen auch.

Verdrängung durch Mietwucher ist hier nicht möglich. Das Haus ist im Besitz der Familie Martorell.

Mehr Informationen:
Turisme de Mallorca
www.fomentmallorca.org/de
Anreise:
Tägliche Flüge von Nürnberg nach Palma de Mallorca in gut zwei Stunden.
Günstig wohnen:
Hostal Pinar
www.hostalpinar.esI
Luxuriös wohnen:
Hotel Bonsol
www.hotelbonsol.es/de
Beste Reisezeit:
Ganzjährig.

Oliver Schindler

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