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Manchmal klopft der Eisbär: Unterwegs in Grönlands Einsamkeit

Wer mit dem Schlitten im Nordosten des riesigen Landes unterwegs ist, erlebt Abenteuer - 09.01.2021 07:24 Uhr

In Grönland sind Nordlichter das ganze Jahr über zu sehen - vorausgesetzt, die Nacht ist dunkel. Aber an dunklen Nächten mangelt es im Winter nicht. 100 Tage lang herrscht dann Finsternis.

04.01.2021 © imago


Fast eine Million Quadratkilometer – so groß ist die Fläche des weltweit größten Nationalparks, der von Elitesoldaten in Grönland überwacht wird. Im Winter sind sie fünf Monate lang zumeist in völliger Dunkelheit mit Hundeschlitten unterwegs. Und übernachten bei Temperaturen von bis zu minus 50 Grad in Baumwollzelten oder Holzhütten. Nur wer körperlich topfit und auch psychisch extrem belastbar ist, hält den Job durch, bei dem das autonome dänische Territorium hoch im Norden überwacht wird.
So wie Mathis Huse Nørgaad, der inzwischen als Guide in der Arktis arbeitet. Zwei Jahre diente er bei Sirius und hat in dieser Zeit 10 000 Kilometer in Eis und Schnee zurückgelegt hat. "Das war wirklich hart", sagt der 30-Jährige rückblickend.

Gewicht sparen - bis zur Unterwäsche

Sechs Gespanne mit jeweils zwölf Tieren patrouillieren im Winter getrennt auf unterschiedlichen Routen entlang der zugefrorenen 18000 Kilometer langen Küste. Ein Soldat läuft auf Skiern, sein Kamerad steuert den selbstgebauten Schlitten. Und das bis zu 50 Kilometer am Tag.
Um die Schlitten nicht zu überladen, muss an Gewicht gespart werden, wo es nur geht. Selbst bei der Unterwäsche. "Es gibt nur zwei Unterhosen. Eine für den Tag, die andere für die Nacht", sagt Mathis. Waschen ist bei der Kälte nicht möglich. Dass dies etwas ekelhaft ist, das gibt er unumwunden zu.

Ein Eisbär mit Baby auf einer Scholle - dabei sind die Tiere alles andere als niedlich. Begegnungen mit den Menschen sind lebensgefährlich.

04.01.2021 © Thomas Krämer, imago


Seit 1950 kontrolliert Sirius ein riesiges Gebiet, das sich vom 71. bis zum 84. Breitengrad erstreckt. Es ist das Reich von Eisbären und Moschusochsen. "Ich bin während meiner Dienstzeit 78 Bären begegnet", erzählt Mathis. Einer kam ihm gefährlich nahe, als er in einer Hütte übernachtete. "Der Bär stand in der Tür und steckte den Kopf hinein." Mathis knallte ihm die Tür gegen den Schädel, doch das mächtige Tier drückte von außen dagegen, bis es sich schließlich trollte.

Die Hauptnahrung der Bären besteht zwar aus Robben. Doch die Vorräte von Sirius sind auch nicht zu verachten. "Bären werden durch Essensgerüche angezogen, die sie noch 40 Kilometer entfernt wahrnehmen", weiß Mathis. Einmal drang ein Tier in eine Versorgungshütte ein und fraß sämtliche Lebensmittel auf. Darunter auch mehrere Gläser Nutella. Die Hütte wurde bei dem "Einbruch" völlig zerstört. "Der Bär ist zur einen Seite rein und zur anderen raus."

Blick auf einen grönländischen Gletscher.

04.01.2021 © Felipe Dana, dpa


In Acht nehmen müssen sich die Soldaten auch vor den Moschusochsen mit ihren spitzen Hörnern. Die mächtigen Pflanzenfresser sind bis zu 400 Kilo schwer und können so schnell rennen wie ein Pferd. Mathis hat im Winter eine haarsträubende Geschichte erlebt: In völliger Dunkelheit wollte er seine Hunde füttern, als er auf etwas Warmes und Weiches stieß. Es war ein zugeschneiter Moschusochse.

Keuschheitsgürtel für die Schlittenhündin

Das Ganze ging jedoch gut aus. Der schlafende Koloss ließ sich nicht stören. Auch für die Schlittenhunde sind die Moschusochsen eine ernste Gefahr. Mehrere wurden bereits getötet.
Die Hunde stammen aus eigener Zucht und gelten als besonders zäh und laufstark. Als ein weibliches Tier im tiefsten Winter läufig wurde, bekam sie eine Hose verpasst. Dieser "Keuschheitsgürtel" sollte eine ungewollte Schwangerschaft verhindern. Dann ließen die Soldaten das Tier an der Spitze des Gespanns laufen. Die Rüden rasten hinterher mit dem verführerischen Duft in der Nase. "So schnell waren sie noch nie", erzählt Mathis lachend.

Zerfurchter Eisberg, der durch das Nordmeer treibt.

04.01.2021 © imago


Der Kalorienverbrauch der Hunde ist enorm. Futter für mehrere Monate mitzuschleppen, ist aber unmöglich. Und so hat Sirius 65 Depots mit Nahrung für Mensch und Hund angelegt. Hier können die Soldaten ihre Vorräte auffüllen und manchmal auch übernachten. Zum Teil sind es kleine Holzhütten, die einst von Polarforschern oder Trappern gezimmert wurden. So wie das Alborgshus, eine frühere Jagdstation aus dem Jahr 1938. Hier verbrachte die dänische Königin 2006 einen einwöchigen Urlaub mit ihrem Sohn. Und spendierte den Soldaten danach einen neuen Ofen.
Während ihrer fünfmonatigen Patrouille sind die Männer völlig auf sich gestellt. In dieser Zeit herrscht an 100 Tagen völlige Finsternis. "Das ist schon eine Herausforderung zu zweit", sagt Mathis. Manchmal sei man so genervt von dem anderen, dann störten schon dessen Kaugeräusche. Nach einigen Wochen geht der Gesprächsstoff aus. "Es ist alles gesagt." Der einzige Kontakt zur Außenwelt läuft über Funk mit dem Hauptquartier in Daneborg, wo zwei Kameraden Dienst tun. Jeden Abend werden Neuigkeiten ausgetauscht und Liebesbriefe von Freundinnen vorgelesen. Und alle hören mit.

Weihnachtsgeschenke per Fallschirm

Auch an Weihnachten bleiben die Männer von Sirius in Grönland. Auf ihre Geschenke müssen sie trotzdem nicht verzichten, die aus einem Flugzeug abgeworfen werden. Das klappt nicht immer. Einmal hat sich der Fallschirm nicht geöffnet. Ein Paket, in dem sich auch Streichhölzer befanden, ging beim Aufprall in Flammen auf. Mitsamt einem teuren Notebook. Nur ein Zettel blieb unversehrt. Darauf war zu lesen: "Geschenke für Mathis."

Dieses Schiff umfährt in der Abenddämmerung einen Eisberg in Grönland.

21.08.2019 © Felipe Dana, dpa


Viele junge Männer bewerben sich jedes Jahr für einen der härtesten Einsätze weltweit. Nur wenige überstehen das gnadenlose Auswahlverfahren. Zwei Jahre dauert der überaus gefährliche Dienst bei Sirius. Drei Soldaten haben dabei ihr Leben verloren. Zwei ertranken, als ihr Schlitten im Eis einbrach, ein Kamerad starb bei einem Lawinenunglück.
Mathis studiert inzwischen Medizin. Im Sommer ist er als Guide auf Kreuzfahrtschiffen in der Arktis unterwegs. Wenn es das Wetter zulässt, steht ein Besuch im Hauptquartier von Sirius in Daneborg auf dem Programm. Die Schlittenhunde freuen sich riesig über die Abwechslung und begrüßen die Touristen mit lautem Wolfsgeheul.

Ulrich Willenberg

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