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Normandie: Was vom Krieg erhalten blieb

Die französische Region hat mehr zu bieten als Erinnerungstourismus - 15.06.2019 08:00 Uhr

Caens Kloster mit der Kirche Saint-Étienne © Wolfgang Heilig-Achneck


Der Preis war hoch: Rund 20 000 Zivilisten starben, Städte wie Cherbourg, Saint-Lô und eben Caen wurden zu großen Teilen zerstört. In der Abbaye des Hommes, damals einer der Zufluchtsorte der Bevölkerung, erinnern erschütternde Fotos an das furchtbare Ringen ums nackte Überleben.

Immerhin: Beim Wiederaufbau der Provinzhauptstadt versuchten Architekten und Stadtplaner Maßstäbe zu setzen – und inmitten der urbanen Neuschöpfungen kommen Relikte aus früheren Jahrhunderten, oft aus dem leuchtend-hellen Kalkstein der Umgebung, eindrucksvoll zur Geltung: ein Paar mittelalterlicher Bürgerhäuser mit überreichem Fachwerkschmuck in der Einkaufsstraße St. Pierre, Palais aus Renaissance und Rokoko und natürlich die zwei grandiosen romanisch-gotischen Abteien, gegründet von Wilhelm dem Eroberer und seiner Frau Mathilde.

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Streifzug durch die Normandie auf den Spuren des D-Day

Von Wilhelm dem Eroberer bis zum D-Day: Im Herzen der Normandie, im Départment Calvados,stößt der Besucher fast auf Schritt und Tritt auf geschichtsträchtige Orte. Aber die Region zwischen Küste und "normannischer Schweiz" bietet auch vielfältige Möglichkeiten zur Erholung und Entspannung. Für Gaumenfreuden ist ohnehin gesorgt.


Es ist, als hielten sie die Stadt wie zwei Pole unter Spannung. Tatsächlich hätten wir nicht vermutet, wie viel zwischen ihnen zu entdecken ist, vom Burgberg mit mehreren Museen und einer Freiluftgalerie über das quirlige Restaurant- und Kneipenviertel Vaugueux bis zum großartigen Mémorial über den Resten eines deutschen Bunkers.

Und wer sich, und sei es nur noch aus purer Nostalgie, für Bücher begeistert – und die in Frankreich als Kult gehandelten Comics –, wird sich an der erstaunlichen Fülle ausgefallener Buchhandlungen kaum sattsehen können. Selbst ohne Sprachkenntnisse lässt sich die Atmosphäre auf einen Kaffee oder Imbiss in dem Buchcafé "Memoranda" genießen. Vor Jahrhunderten konnten Seeschiffe sogar buchstäblich vor den Toren der Stadt festmachen.

Vom Leuchtturm aufs Seine-Delta blicken

Erhalten geblieben ist vom einstigen Hafen nur noch ein mittelalterlicher Turm am Fuß des Burgbergs. Heute können, ein paar Schritte weiter, wenigstens noch Boote und Yachten hier an- und ablegen – und über den Canal de l’Orne die Küste erreichen. Ein Treidelpfad, der ihn begleitet, bringt auch Wanderer und Radfahrer entspannt nach Ouistreham: eine leichte Einstiegs-Tour, mit der sich Caen als idealer Ausgangspunkt zur Erkundung der ganzen Region empfiehlt.

Vom Leuchtturm aus reicht der Blick bei klarer Sicht weit über die Seine-Bucht mit schier endlosen Stränden. Weiter östlich ziehen traditionsreiche Seebäder wie Cabourg, Deauville und Trouville-sur-Mer mit Belle Epoque-Charme die Gäste in ihren Bann. Richtung Westen geht es zu den Landungsstränden der Invasion von 1944 mit den berühmten Codenamen Sword, Juno, Gold, Omaha und Utah. Reiten und Strandsegeln, Stand-up-Paddling oder simples Badevergnügen lassen sich längst auch unbelastet von der bedrückenden Geschichte genießen – die aber mit Gedenkstätten, Museen und Ruinen allgegenwärtig bleibt.

Gedenkort an der normannischen Küste. Hier eine Führung durch die deutschen Befestigungsanlagen an der Batterie Longes-sur-Mer nahe Omaha Beach. © Wolfgang Heilig-Achneck


Natürlich eignet sich die Region, trotz der einen oder anderen Brise, perfekt für Erkundungen per Rad. Bestens ausgeschilderte Routen führen der Küste entlang und beispielsweise von den Landungsstränden zum Mont Saint-Michel oder quer durch die "Normannische Schweiz" zur Loire und bis La Rochelle (Vélofrancette).

Nur zu gerne lassen wir uns unterwegs verführen von kulinarischen Ablenkungen, allen voran von Cidre und Käse. Etwas ausgefallener ist die Herstellung von Karamellen, wie sie in Isigny-sur-Mer demonstriert wird. Und in der Ferme de Vailly bei Arromanches, einem der Hauptorte der Landung, stellen die Landwirte ihre Schneckenzucht vor, samt Verkostung versteht sich. Ebenso natürlich, dass hier Mittelalter-Fans auf ihre Kosten kommen. Mehrere hunderttausend Besucher zieht vor allem der berühmte Webteppich von Bayeux in seinen Bann.

Im Roosevelt-Café neben dem "Utah Beach- Museum" prägen Erinnerungsstücke und Inszenierungen mit Puppen das Ambiente. © Wolfgang Heilig-Achneck


Auf rund 70 mal gut einem Meter wird mit erstaunlichen Details die Geschichte jener anderen großen Invasion erzählt, bei der die Normandie allerdings nicht Ziel, sondern Ausgangspunkt war: Mit einem für damalige Verhältnisse gigantischen Aufgebot setzt Wilhelm der Eroberer 1066 über den Ärmelkanal, um sich in der Schlacht bei Hastings den englischen Thron zu sichern. Dass die Textilie erhalten geblieben ist, grenzt ebenso an ein Wunder wie der Umstand, dass Bayeux als einzige Stadt der Region von Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg verschont blieb.

Auf den Spuren des Normannenherzogs, der in der Männer-Abtei von Caen begraben liegt, führt uns eine Tour schließlich nach Falaise mit der beeindruckenden Burgruine. Aber selbst hier holt uns die jüngere Geschichte mit ihren Abgründen ein: Unerbittlich umkämpft, kostete allein der "Kessel von Falaise" in wenigen Tagen Abertausende von Menschenleben. Ein ultramodernes Mémorial ist ganz den Leiden der Zivilbevölkerung gewidmet.

Mehr Informationen:
Comité Régional de Tourisme de Normandie
www.normandie-urlaub.com, das die Reise unterstützte.
Anreise:
Von Nürnberg über Paris nach Caen sind es mit dem Auto gut 1000 Kilometer. Mit der Bahn (TGV/ICE) oder mit dem Flugzeug nach Paris und weiter bis Caen-Carpiquet, oder weiter mit der Bahn, mit Leihwagen oder Bus nach Caen/Bayeux/Cherbourg und weiteren Orten.
Günstig wohnen:
Premiere Classe Caen Nord - Mémorial
www.premiereclasse.com
Luxuriös wohnen:
Chateau de Colombières
www.chateau-colombieres.fr
Beste Reisezeit: April bis Oktober 

Wolfgang Heilig-Achneck

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