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Ob Wettkampf, Handel, Bildung: Schon immer wollten Menschen reisen

Unsere kleine Geschichte des Urlaubs zeigt, dass Fernweh ein uraltes Verlangen ist - 27.02.2021 07:39 Uhr

Badeferien im Jahr 1920. Der Ort ist unbekannt, die Urlauber sind vermutlich sehr wohlhabend. Bis auf die Badeanzüge hat sich nicht viel verändert – Fotos wie dieses knipsen wir noch immer.
 

22.02.2021 © imago stock&people via www.imago, NNZ


Azurblaues Meer, feine Sandstrände, historische Altstädte: So sieht für viele der ideale Sommerurlaub aus. Die Aussicht, vielleicht erst Pfingsten überhaupt wieder über die Grenzen zu dürfen, hat bei vielen das Fernweh noch einmal gesteigert. Doch ist angesichts der grassierenden Coronavirus-Mutationen überhaupt ein Sommerurlaub möglich? Wir fangen schon wieder an, darum zu bibbern.

Die Sehnsucht nach fremden Orten ist kein so neues Phänomen. Sie wurde nur über die Jahre immer mehr sozialisiert – so gut wie jeder kann sich eine kleine oder größere Reise leisten. Nur dass es eben derzeit nicht geht – eine Erfahrung, die sich viele gar nicht vorstellen konnten und die uns in Erinnerung bleiben wird.

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Unterwegs waren die Menschen schon immer, allerdings aus anderen Gründen. Als Nomaden sicherten sie so ihr Überleben, im antiken Griechenland machten sich Privilegierte und Sportler auf den Weg zu den Olympischen Spielen, im alten Ägypten besuchten sie Pyramiden und Tempel, um zu beten. Im Mittelalter bereiste der venezianische Händler Marco Polo die Seidenstraße, 1492 kam der Seefahrer Christoph Kolumbus nach Amerika – auf der Suche nach Reichtum für die Krone.

Auch viele einfache Menschen waren schon mobil und besuchten Verwandte, Handelspartner oder suchten ihr Seelenheil. „Pilgern war eine frühe Form des Reisens“, sagt Harald Pechlaner, der an der Universität Eichstätt-Ingolstadt zu Tourismus forscht. „Erst im 18. Jahrhundert entsteht, was wir heute Tourismus nennen“, betont der Leiter des Historischen Archivs zum Tourismus der Technischen Universität Berlin, Hasso Spode. Es geht dabei um „die Reise als Selbstzweck“, also nicht unbedingt aus einem bestimmten Anlass, sondern als Ziel an sich.

Die Gebildeten erfanden das moderne Reisen

Die Natur wurde nach der Aufklärung nicht mehr als Ort des Schreckens wahrgenommen, an dem Überfälle und andere Gefahren drohten. Im Gegenteil: „Sie wurde zum Reservat der Unberührtheit von den Schrecken der Zivilisation. Vor allem Menschen in den Ballungszentren verspürten eine Sehnsucht nach der Natur“, sagt Pechlaner.

In Deutschland wurde 1793 mit Heiligendamm das erste Seebad gegründet. „Touristisches Reisen ist eine Erfindung der Gebildeten im 18. Jahrhundert“, betont Spode. Der Adel und später auch das gehobene Bürgertum unternahmen Pechlaner zufolge Bildungsreisen vor allem nach Italien. Diese oft Grand Tour genannten Trips dienen noch heute Menschen aus China als Vorbild, wenn sie Europa besuchen.

Die Grand Tour reicher junger Männer war der Prototyp der Bildungsreise, die nur zu ihrem Selbstzweck gemacht wurde. Hier ein Reisender vor Heidelberg.

22.02.2021 © via www.imago-images.de, NNZ


Eine ganz besonders berühmte Grand Tour war Goethes „Italienische Reise“. Sein gleichnamiges Buch basiert auf Reisetagebüchern, die er vor Ort schrieb. Denn schon die Menschen damals korrespondierten eifrig mit der Außenwelt über ihre Reiseerlebnisse. Was heute Instagram ist, war früher das Briefeschreiben. Viel unterwegs war auch der Schriftsteller Theodor Fontane (1819-1898), am berühmtesten wurden seine „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“, also das Umland seines Wohnortes Berlin. Das zeigt, was für die damaligen Menschen schon eine Reise war. Von ihm ist das Zitat überliefert: „Alle Welt reist.“

Das stimmt Spode zufolge jedoch nicht so ganz. „Alle in seiner eigenen Welt – aber die machte nur 10 Prozent der Bevölkerung aus.“ Der Rest hatte noch keinen Anteil an dem Vergnügen. „Aber diejenigen, die reisten, taten es so häufig und oftmals länger als wir heute“, so der Soziologe.

Aufwind bekam der Tourismus den Forschern zufolge noch mal so richtig mit der Erfindung der Eisenbahn im 19. Jahrhundert. „Das Reisen war so viel schneller und billiger“, so Spode. Die Arbeiterschaft begann nach dem Ersten Weltkrieg, Ausflüge zu unternehmen, eine „Spielform des richtigen Tourismus“ nennt Spode das. Richtige Reisen waren für sie aber noch nicht erschwinglich.

Massentourismus zur Kontrolle der Massen

Die Nationalsozialisten erkannten die Sehnsucht der Massen und gründeten mit „Kraft durch Freude“ den damals größten Veranstalter für Reisen und Ausflüge der Welt. Ziel war es dabei aber auch, die Menschen für die eigene Ideologie zu begeistern und sie als Masse auch im Urlaub kontrollieren zu können. Das Wort „Reisefieber“ kam ebenfalls zu jener Zeit auf.

Nach dem Zweiten Weltkrieg erholte sich die Reiseindustrie erst mit dem wachsenden Wohlstand in den 1960er Jahren. Die Aufbaugeneration zog es erst in die Berge, dann darüber, etwa an den Gardasee oder dann sogar bis nach Neapel. In den 1970er Jahren begann der moderne Massentourismus, wie wir ihn lange kannten.

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Die ersten Bundesbürger flogen mit dem Jet nach Spanien oder Tunesien, viele entdeckten mit dem Auto Jugoslawien – alles Ziele, wo die hart erarbeitete D-Mark auch etwas zählte. In den 1970er und 1980er Jahren entstand zudem der Wintertourismus in den Alpen, den viele heuer besonders vermisst haben. Früher waren die Alpen im Winter ein zutiefst lebensfeindlicher Ort.

In der DDR waren die Urlaubsziele beschränkt, es gab keine Reisefreiheit für alle. Aber die Menschen waren dennoch sogar etwas reisefreudiger als im Westen. „Reisen waren hochsubventioniert“, betont Spode, sie konnten über staatliche Reisebüros sehr billig sein. Die Ostdeutschen reisten aber eher innerhalb des eigenen Staates. Beliebt waren die Ostsee-Inseln oder die Sächsische Schweiz. Im Ausland trafen sich Ost- und Westdeutsche dann am Plattensee in Ungarn, wo wie nirgends sonst sichtbar wurde, wer sich etwas leisten konnte oder wer sich jedes kleine Urlaubsglück vom Munde absparen musste.

Ist der Trip in die Ferne noch sinnvoll?

Reisen ist heute ein Massenphänomen. „75 Prozent der Deutschen über 14 Jahre machten vor der Pandemie mindestens eine richtige Reise pro Jahr“, so Spode. Das galt bereits Ende der 1980er Jahre. Freiberufler reisen dabei aus Zeitgründen weniger als der Schnitt, Jugendliche mehr als ältere Leute, Frauen etwas häufiger als Männer. Fernreisen machten bislang mit unter zehn Prozent nur einen kleinen Teil aller Reisen aus.

„Reisen bedeuten Ablenkung und Flucht ins Paradies“, sagt Harald Pechlaner. „Es geht dabei nicht nur um Erholung und darum, Neues zu entdecken, sondern auch um Prestige.“ Auch der Tourismus sei globalisiert worden, an vielen Orten gab es ein Zuviel davon, zu viele Menschen in Venedig, Barcelona, am Gardasee.

Banken warben in den 1950er Jahren damit, auf eine Reise zu sparen - sie war damals noch etwas ganz Besonderes.

22.02.2021 © e-arc-tmp_20180712-153304-003.jpg, NNZ


Nun waren viele Touristenziele auf einmal menschenleer und entfalteten für kurze Zeit einen ganz eigenen Reiz, den man kaum noch kannte. Es hat Umfragen zufolge ein Umdenken begonnen: Die Menschen wollen zunehmend nachhaltiger und klimaneutral reisen, eher kürzer, mit Familie und Freunden und im Einklang mit denjenigen, die sie bereisen.

Es wird sogar hinterfragt, ob Reisen überhaupt sinnvoll ist. Gerade von Menschen, die schon viel von der Welt gesehen haben. Harald Pechlaner ist aber überzeugt: „Das Reisen wird uns erhalten bleiben, solange es Gesellschaft gibt.“ Das werden wir vermutlich schon in diesem Jahr wieder erleben.

CINDY RIECHAU (dpa) und MATTHIAS NIESE

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