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Overtourism: Wenn zu viele Urlauber alles lahmlegen

Viele Reiseziele ächzen unter Touristenmassen, die Bevölkerung protestiert - 22.09.2018 07:21 Uhr

Ein Kreuzfahrtschiff zwängt sich in Venedig durch den Canale della Giudecca. © Andrea Merola / dpa


Dabei verkündeten die Touristiker noch im Frühjahr voller Stolz ihre Zahlen auf der ITB. Wiederholt war das Wachstum in vielen Destinationen zweistellig, fast alle sahen sich als Gewinner. Gerade Fernreisen und Kreuzfahrten boomen. Was die einen freut, lässt die anderen stöhnen, wie man diesen Sommer wieder in vielen Urlaubsgebieten und vor allem Hafenstädten erleben konnte.

Neben tausenden Kreuzfahrttouristen ergossen sich Tag für Tag noch die normalen Urlauber in die Altstädte. Die Einheimischen nervt das, sie meiden zu den Stoßzeiten ihre eigenen Stadtzentren.

Und sie erleben nun selbst im eigenen Wohnviertel, wie über Vermietungsportale wie airbnb oder Wimdu immer mehr Privatwohnungen dauerhaft an ständig wechselnde Nachbarn vermietet werden. Gleichzeitig steigen die Mieten, weil es weniger freie Wohnungen gibt. In Deutschland ist davon vor allem Berlin betroffen. Aber auch andernorts regt sich seit zwei Jahren Widerstand. Auf Mallorca etwa schrien bei Demonstrationen tausende Menschen: "Es reicht!" Auf Hauswänden in Barcelona liest man Grafitti wie "Tourists go home".

"Man muss nur mal bedenken, dass seit den Achtzigerjahren der weltweite Tourismus jedes Jahr um zirka vier Prozent gestiegen ist. Seit über 30 Jahren jedes Jahr vier Prozent mehr. Da kann man sich vorstellen, welche Ausmaße der Tourismus inzwischen angenommen hat", begründet Wolfgang Strasdas, Professor für Nachhaltiges Tourismusmanagement an der Hochschule für Nachhaltige Entwicklung in Eberswalde, die Entwicklung.

Es macht kaum noch Spaß, ein Kreuzfahrtschiff zu verlassen

Extrem beschleunigt wurde der Trend, weil nun auch Menschen in Schwellenländern wie China oder Indien Geld und Zeit für eine Reise haben. Chinesen sind heute die größte Touristengruppe weltweit — besonders gern reisen sie nach Europa.

Spätestens während der letzten, extrem gut laufenden Sommersaison ist der Branche klargeworden, dass sie Lösungen finden muss, um die steigenden Besucherzahlen so zu steuern, dass es den Besuchern überhaupt noch Spaß macht, aus dem Bus oder von Bord eines Kreuzfahrtschiffes zu steigen und sich in der Fremde willkommen zu fühlen.

Immer öfter spüren Reisende die Ablehnung der Einheimischen. Ein authentisches Reiseerlebnis ist innerhalb solcher Massen jedenfalls nicht mehr möglich.

Um den Groll in der Bevölkerung zu besänftigen, schlugen Experten auf der ITB unter anderem vor, dass die Bewohner mehr vom Tourismus profitieren müssen — oft genug fließt das meiste Geld, das an schönen Orten verdient wird, zu fernen Investoren. Die Lösung: Noch mehr Arbeitsplätze im Tourismus oder mehr Geld für die Infrastruktur und den Schutz von Natur- und Kulturgütern.

Entspannte Begegnungen auf Island - hier bevölkern Schafe die Straßen. © Matthias Niese


Erste Anzeichen eines Umdenkens zeigen sich an vielen Orten. Island etwa wirbt gezielt damit, dass Touristen auf der Insel keinen Overtourism erleben werden. Auch Service-Anbieter wie das Portal GetYourGuide springen auf den Zug auf: "Mit unserer Hilfe können sie dem Overtourism begegnen, indem sie einen professionellen Reiseführer buchen, der die Hotspots zu den Spitzenzeiten umgeht oder der sie an Orte führt, an die die Masse nicht kommt", sagt William Gluckin, PR-Chef des Unternehmens mit Hauptsitz in Berlin.

Manche Länder werben damit, doch nicht immer nur die Hauptstadt zu besuchen. Kleinere Städte wie etwa in Spanien Valencia oder Sevilla seien schließlich auch schöne Ziele.

Dass vielen nicht mehr ganz wohl im Urlaub ist, belegt die Umfrage des World Travel Monitors vom Herbst 2017 unter 29 000 internationalen Reisenden in 24 Ländern Europas, Asiens und Amerikas.

Heraus kam: Ein Viertel aller internationalen Touristen meinte, dass das Urlaubsziel überlaufen war. Neun Prozent – hochgerechnet immerhin 100 Millionen internationaler Touristen – sagten, dass sich die Masse an Besuchern negativ auf ihr Reiseerlebnis ausgewirkt habe.

Fast alle sind von anderen Urlaubern genervt

Sonderbarerweise reagierten mit 15 Prozent gerade die Asiaten am sensibelsten auf überlaufene Destinationen — vielleicht auch deshalb, weil gerade sie meist in besonders großen Gruppen reisen.

Die Studie ergab auch: Massentourismus findet nicht nur in Großstädten statt. Er nervt jeden Zehnten auf einer Rundreise, Kreuzfahrt, Städtereise, beim Sonnen- und Strandurlaub. Als besonders betroffene Städte gelten das chinesische Guangzhou, mit 24 Prozent der Spitzenreiter, in Europa etwa Amsterdam und Istanbul (je 19 Prozent) sowie Barcelona, Florenz und Venedig (jeweils 18 Prozent). In der Wintersaison bemängeln gut 20 Prozent, dass ihr Wintersportort überlaufen ist und sie zum Beispiel ewig am Skilift warten mussten.

Für diese Ziele ist Overtourism schlecht, während sich andere freuen würden, mehr Gäste zu haben. Daher gilt es unter Touristikern als ausgemacht, dass sie unter anderem die Touristenströme intelligent kanalisieren müssen, etwa durch eine Verteilung auf noch mehr unterschiedliche Orte oder auf Uhrzeiten.

"Der Tourismus hat also kein Wachstumsproblem, sondern ein regionales und saisonales Problem", schreibt der Tourismusberater Rolf Freitag, Mitinitiator der Studie.

Mehr Kosten als Nutzen

Das besonders betroffene Venedig packt die Probleme nun an. In seinem historischen Kern leben nur 50 000 Menschen, die auf 30 Millionen Touristen jährlich treffen. Die Stadt schätzt, dass der Massentourismus durch Überfüllung, Umweltverschmutzung und Preisanstieg weit mehr Kosten als Vorteile für die Kommune verursacht.

Die Stadtregierung ergriff daher etliche Maßnahmen: Kreuzfahrtschiffe werden daran gehindert, direkt am Markusplatz vorbeizufahren, Reisende werden zu weniger bekannten Sehenswürdigkeiten geführt, und die Initiative "Enjoy Respect Venice" hält die Gäste zu verantwortungsbewusstem Verhalten an. Besucher müssen zum Beispiel Strafen zahlen, wenn sie etwa eine Getränkedose einfach wegwerfen. Überlegt wird, für den Markusplatz ein tägliches Eintrittskarten-Kontingent zu verkaufen, eine Touristensteuer zu erheben und eine App mit Infos zur Auslastung der wichtigsten Orte anzubieten, die man bei Überfüllung meiden kann.

Muss man mögen: Die volle Playa de Palma bei El Arenal auf Mallorca. © Matthias Niese


Mallorca geht einen anderen Weg, es verdoppelte die 2016 eingeführte Ökosteuer für Touristen in diesem Jahr auf vier Euro pro Tag und Person, sie gilt aber nur für Kreuzfahrt-Passagiere und Hotelgäste. Wer ohne Lizenz eine Wohnung als Ferienapartement vermietet, dem drohen bis zu 40 000 Euro Strafe. Autovermieter müssen ab 2020 den Anteil an Elektroautos in ihrer Flotte jedes Jahr um zehn Prozent steigern, 2030 sollen alle elektrisch fahren. Heute kurven im Sommer 90 000 Mietautos auf den meist kleinen Straßen herum, auf 100 Einwohner kommen 85 Autos.

Berlin hat das Tourismuskonzept 2018+ ausgerufen. In ihm geht es nicht mehr darum, die Zahlen der Touristen zu steigern, sondern Qualität zu bieten. Die Berliner wünschen sich etwa weniger Partytouristen und hoffen auf mehr Kongress- und Messebesucher, Gourmets und Kulturinteressierte.

Um die Berliner zu besänftigen, werden Fahrradwege ausgebaut und Touristen von der Straße geholt und in Boote aufs Wasser geschickt. Die Parks werden häufiger gereinigt und mehr öffentliche Toiletten aufgestellt.

Und es muss nicht immer "Berlin Mitte" sein, so die Botschaft der Touristiker. Auch an den Rändern der Metropole gebe es von Wannsee bis Marzahn genug attraktive Ausflugsziele (siehe auch unsere Serie "Baumers Berlin"). 

Matthias Niese Magazin am Wochenende / Gute REISE E-Mail

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