Paddeln auf der Enns: So entschleunigend ist Flusswandern in der Steiermark

8.5.2021, 07:49 Uhr
Rechts und links Berggipfel, dazwischen das Ennstal: Grüne Weiden, Kühe und Radwege. Inmitten der Enns treibt man meist völlig allein und abseits des Massentourismus dahin. 

Rechts und links Berggipfel, dazwischen das Ennstal: Grüne Weiden, Kühe und Radwege. Inmitten der Enns treibt man meist völlig allein und abseits des Massentourismus dahin.  © Michael Tritscher

Das schönste daran, mehrere Tage auf einem Fluss zu treiben, ist die Angst vor dem Wasser. Denn diese Angst ist gleichzeitig auch befreiend für den Geist. Man hat sein Smartphone nicht dabei - aus Angst, dass es in einem hektischen Moment in die Strömung fallen könnte. Hat keinen Rucksack voller Dinge dabei, die man gerade sowieso alle nicht braucht. Es gibt nur mich, den Fluss, das Paddel. Und ein beeindruckendes Bergpanorama zu beiden Seiten der Enns.

Helmut Knauss versteht sich bestens darin, mit dieser Angst zu spielen. Er selbst strahlt eine Ruhe aus, wie sie nur ein Mann ausstrahlen kann, der seit einem Vierteljahrhundert selbst Kajak fährt. Der 45-Jährige erklärt uns, wie wir das Boot zu lenken haben. Anschließend lässt er mich mit vor Sorgen in Falten gelegter Stirn in das Zweier-Schlauchboot einsteigen. Dann legt unser Guide dieses dreitägigen Flussabenteuers einfach ab und paddelt mit seinem Freund Martin Titscher hinein in die Fluten der Enns.

Aller Anfang ist schwer

Uns bleibt nicht viel anderes übrig, als eifrig hinterher zu paddeln. In Schladming, wo die dreitägige Flussreise beginnt, ist die Enns ein Gewässer mit Wildwassercharakter. Steine auf dem Grund des teilweise nur knietiefen Flusses sorgen dafür, dass sich immer wieder Wellen auf der Oberfläche des Wassers zeigen. Äste ragen rechts und links hinein – Vereinzelt bilden sich Wasserfälle entlang der rund elf Kilometer langen Tour bis zum Örtchen Aich, unserem ersten Zwischenstopp.

Mein Partner und ich sind angespannt, als wir hinter dem Guide in die Mitte des Flusses paddeln. Die Nasenspitze des Schlauchboots ragt dabei zunächst entgegen der Strömung ins Wasser und wird durch dessen Fließrichtung wie von selbst um 180 Grad gedreht. Ein paar ungleichmäßige Paddelschläge später traue ich mich wieder nach Luft zu schnappen. Ich lasse das Paddel sinken und bin umgeben von einem braun-blauen Fluss und sattem Grün entlang des Ufers.

Mit Gepäck und Campingzelt den Fluss entlang

Die Enns ist mit ihren 254 Kilometern der längste Binnenfluss Österreichs. Durch die Steiermark verläuft ein etwa 90 Kilometer langer Abschnitt, keine Wehre regeln hier den natürlichen Fluss des Wassers, man kann in einem Stück zwischen Mandling und Admont paddeln. Genau dieses Erlebnis bietet Knauss seit über zwei Jahren im Ennstal an: An seiner Schule gibt es von Kajakkursen über den Verleih und Transfers der Ausrüstung bis hin zu begleiteten Touren alle Möglichkeiten, die Enns kennenzulernen.

Professionelle Kajakfahrer fahren die gesamte Strecke an einem einzigen Tag. Die meisten suchen allerdings Entspannung. Begnadete Minimalisten können ihr Zelt und sämtliche Besitztümer in einem wasserdichten Beutel am Kajak fixieren und tagelang campieren, denn entlang der Enns gibt es an mehreren Stellen Campingplätze. Menschen, die gerne möglichst viele Orte am Rande der Enns entdecken wollen, paddeln eine Woche lang und legen immer wieder an, um beispielsweise ein Schloss zu erkunden, Rad zu fahren oder zu wandern. Je nach Flussabschnitt und eigenen Fähigkeiten lohnt es sich dabei, auch das Equipment zu wechseln.

Urlaubs-Quiz: Wie gut kennen Sie Österreich?

Wir entscheiden uns ab Aich für das XXL-SUP (Stand-up-paddle-Brett). Mit bis zu acht Personen kann man darauf gleichzeitig stehen und fahren: Auf einer Fläche so groß wie eine Doppel-Luftmatratze stehen wir also und schwanken. Und während jeder Schritt auf dem Brett die Balance aller stört, gibt unser Kajakprofi bereits Kommandos. „Nur rechts, nur rechts“, ruft er etwa – in einer Stimmlage, die nahelegt, dass die Kollision schon kurz bevorsteht.

Also paddele ich, was das Zeug hält. Mit jedem Schlag dreht sich die Nase des SUPs ein Stückchen weiter nach links ab. Eine ganze Weile lang glaube ich, dass er Hindernisse sehen kann, die ich nicht sehe. Doch er macht sich einfach einen Spaß daraus, uns anzutreiben.

Hineintauchen nimmt die Angst

Im Prinzip ist die Enns an dieser Stelle ein dreißig Meter breiter, überaus ruhiger Fluss – man bleibt fast von selbst inmitten der Strömung und muss gar nicht paddeln. Etwa zwanzig Minuten dauert es, bis der Grimming, ein über 2000 Meter hoher isolierter Gebirgsstock, sich links des Flusses in den Himmel erhebt. Von unserer erhöhten Position aus können wir das Bergpanorama prima überblicken: Abschalten, uns treiben lassen und nacheinander in die Enns springen.

SUP aus dem Wasser ziehen, darauf ausruhen und die Aussicht auf die Berge genießen - Diese Ruhemomente sind die Highlights entlang der Tour.

SUP aus dem Wasser ziehen, darauf ausruhen und die Aussicht auf die Berge genießen - Diese Ruhemomente sind die Highlights entlang der Tour. © Lidia Piechulek

Am eigenen Leib erlebe ich, wie die Angst vor dem Wasser schwindet, wenn man an einer tiefen Stelle einfach darin treibt. Wie man sich inmitten der Strömung auf bizarre Weise geborgen fühlen kann. „Die Enns hat niemals mehr als 12 Grad“, erklärt mir Knauss und lacht. Diese 12 Grad können sich in einem Neoprenanzug erstaunlich warm anfühlen.

Am zweiten Tag paddele ich schon wesentlich sicherer. Im Einsitzer-Schlauchboot lerne ich, meinen Fähigkeiten besser zu vertrauen. Für den vermeintlichen Ernstfall wurde am Vormittag ein „bushcraft modul“ eingeplant – die abgespeckte Form eines Überlebenstrainings. Wir stranden auf einer Kiesbank, an der die Enns plötzlich sehr breit und langsam fließt.

Fischrestaurants entlang der Strecke

Dort lernen wir, aus Ästen und Blättern ein Biwak als Unterschlupf für die Nacht zu bauen. Mit Reibung schüren wir ein Feuer und lernen, wie man aus Gräsern entlang des Flusses eine Suppe kochen kann. Beziehungsweise könnte. Denn zum Schlemmen geht es danach doch lieber in eines der umliegenden Fischrestaurants. „Vielleicht isst du dort den Fisch, der gerade noch mit dir in der Enns geschwommen ist“, scherzt der Guide - die Forellen stammen aber eigentlich aus dem angrenzenden Weiher. Trotzdem schmeckt er fein.

Mehr Informationen:
Steiermark Tourismus
www.steiermark.com
Tel.: 0043 / 316 / 40 03 12

Anreise: 397 Kilometer ab Nürnberg mit dem Auto

Beste Reisezeit: Mitte Mai – Mitte September

Redaktioneller Hinweis:
Auch wenn Österreich seine Freizeiteinrichtungen, Hotels und Restaurants trotz relativ hoher Inzidenzwerte Mitte Mai öffnet, ist eine Reise dorthin mit Konsequenzen verbunden. Nachweislich Getestete und durchgeimpfte Deutsche dürfen zwar einreisen, bei der Rückkehr müssen Sie aber in Quarantäne. Über den aktuellen Stand in Österreich informiert die Länderseite des Auswärtigen Amtes.
Die Recherche für manche Artikel auf diesen Seiten wurde von Reiseveranstaltern, Hotels, Fluglinien oder Tourismusverbänden unterstützt. ​Informationen des Umweltbundesamts über die Möglichkeit, den CO₂-Ausstoß Ihrer Reise zu kompensieren:
www.umweltbundesamt.de/themen/freiwillige-co2-kompensation

1 Kommentar