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Pippi Langstrumpf macht euch die Welt, wie sie euch gefällt

In der südschwedischen Provinz Småland lassen sich Astrid Lindgrens Figuren hautnah erleben - 29.12.2018 08:00 Uhr

Typisch Schweden, dieses Dorf. Es diente als Kulisse für den Bullerbü-Film. © Matthias Niese


Von der Bettkante über einen Hocker auf den kaum handbreiten Kaminsims klettern. Festklammern, nur nicht abrutschen! Dann rüber auf die Kommode springen, von dort mit Zwischenlandung im Sofa, weiter über den Ankleidetisch zurück ins Bett. "Nicht-den-Boden-berühren!" heißt dieses Spiel. "Astrid Lindgren hat‘s mit ihrem ein Jahr älteren Bruder Gunnar gespielt", erzählt Anna Aspenskog, "hier im Schlafzimmer ihres Elternhauses."

Blümchentapete, Wanduhr, Tütenlampen, Flickenteppich – dieser düstere, vielleicht 15 Quadratmeter kleine Raum sieht nicht gerade aus wie eine Indoor-Tobehalle. War er aber für Astrid. "1907 geboren, hatte sie enorm tolerante Eltern, die ihren Kindern ungewöhnliche Freiheiten ließen", sagt Anna, während sie ihre Besuchergruppe durch das rot-weiße Holzhaus führt, das Astrid Lindgren Ende der 1980er Jahre so weit wie möglich in den Zustand ihrer Kindheit zurückversetzte – die Zeit also, als sie schon mal auf dem Dach herumkletterte und in der fast hohlen Ulme.

Von diesem "Limonadenbaum", dem "Nicht-den-Boden-berühren"-Spiel und waghalsigen Balanceakten in zehn Meter Höhe erfährt die ganze Welt gut 30 Jahre später – in "Pippi Langstrumpf", Astrid Lindgrens im September 1945 erschienener Geschichte, geschrieben für Tochter Karin. Sie erfand auch den Namen für dieses starke, freche, selbstbewusste und waghalsige Mädchen, wohnhaft mit Affe und Pferd im gelben Holzhaus.

Personenkult ist hier nicht erwünscht

Inger Nilsson als Pippi Langstrumpf, reitet zusammen mit Pär Sundberg als Tommy und Maria Persson als Annika auf dem Pferd „Kleiner Onkel“ (Filmszene 1969). © epd-bild / Keystone / Scanpix


"Das Vorbild dieser Villa Kunterbunt steht da drüben", sagt Anna und zeigt durchs Fenster: "Astrids zweites Elternhaus, erbaut vom Vater, als das rote Haus zu klein wurde." Angenehm unaufgeregt, kenntnisreich und anekdotisch erzählt die 37-Jährige aus dem Familienleben der berühmten Autorin. Es ist der prägende Sound rund ums Lindgren-Erbe, gut drei Autostunden südlich von Stockholm, in ihrem Geburtsort.

In diesem Vimmerby, heute 9.000 Einwohner zählend, schlendern Besucher nahtlos von einer Lindgren-Geschichte in die nächste: "Hauptstraße und kleine Straße, das war alles, was es gab. Und den Marktplatz natürlich", so beschreibt die Autorin den Schauplatz von "Kalle Blomquist". "Der heißt zwar Kleinköping, aber sie hatte Vimmerby vor Augen", verriet Astrid Lindgrens Tochter Karin mal. Pastellfarbene, geriffelte Holzfassaden, Kopfsteinpflaster, altertümliche Laternen, so sieht’s hier bis heute aus, in der Straße Storgatan etwa. Haus Nr. 14 bewohnte Kalle, und in Nr. 40 kaufte Pippi für die Kinder des Ortes 60 Zuckerstangen, 72 Pakete Sahnebonbons und 103 Schokozigaretten. Steht so im Rundgangs-Stadtplan, prangt aber nirgendwo emailliert an Zaun oder Ladentür. Denn jeglicher Lindgren-Heldenkult ist verpönt in ihrer Heimat.

Keine Plakate, keine Statuen. Astrid sitzt bloß versonnen in Bronze hinter ihrer Schreibmaschine auf dem Marktplatz. Selbst in der "Astrid Lindgrens Värld", dem Freizeitpark am Rande der Stadt, sind die Macher immun gegen jeden Disney-Virus: Weder Achter- noch Bimmelbahn, keine Burger und Pommes. Dafür schattige Picknickwiesen und sechs Bühnen, auf denen Pippi und Michel, Ronja und die Bullerbü-Kinder sehr nah am Original inszeniert werden.

Lindrens Figuren hatten reale Vorbilder

Nach deren Drehorten im Umkreis von Vimmerby zu suchen, ist eine unterhaltsame Schnitzeljagd. Kein Bullerbü im Navi, aber Bullerbyn auf einem Straßenschild – leicht zu übersehen und verwittert zwischen allerlei anderen Ortsnamen. Das versteckte Ensemble aus den drei nebeneinander liegenden Höfen mit blutroten Fassaden war ab 1986 Schauplatz für Außenaufnahmen der Bullerbü-Filme und ist heute Kulisse für Gruppenfotos radelnder Familien sowie Selfies bärtiger Biker in Lederkluft. Rein in Nordhof, Mittelhof und Südhof darf keiner – Privatbesitz. Steht unübersehbar am Gartentor und muss es wohl auch, sonst würden die Lindgren-Fans hier nicht nur die Vorgärten belagern. So toben die Kinder gegenüber im Schober durchs Heu, streicheln Hasen und drehen eine Runde auf "Snicka", dem Pony.

Bei Pudding-Teilchen und Zitronenlimo in Karina Svenssons Scheunencafé verabreichen manche Eltern dann den – meist aus Reiseführern angelesenen – Bildungsteil: "Vorbild für den schnell rennenden, meist lauten Lasse ist Gunnar, Astrid Lindgrens großer Bruder. Und ihre Oma sorgte hier in Bullerbü stets dafür, dass große Kinder die Kirschen ganz unten am Baum für die Kleinen zum Pflücken hängen lassen – so, wie später der Bullerbü-Opa im Buch."

Im Freizeitpark „Astrid Lindgrens Värld“ können Besucher Pippi Langstrumpf oder Karlsson vom Dach in deren Häusern besuchen. © Matthias Niese


Småland heißt diese Gegend, in der die meisten Lindgren-Klassiker spielen – und in der auch Michel zu Hause ist. Aber nicht in Lönneberga, dem wirklich existierenden Dorf aus den Michel-Büchern. Denn gedreht wurden die Streiche des struppig-blonden Strolchs auf Katthult. Ein Lindgren-Phantasie-Name, inzwischen aber als Wegweiser existent. Das rot-weiße Hof-Ensemble der Familie Johansson war ideal für die Verfilmung des Lausbuben-Klassikers Anfang der Siebziger Jahre. 

Thomas Johansson, heute Hofbesitzer in vierter Generation, war dabei: "Mit fünf Jahren, ich hab mich oft unterm Küchentisch versteckt, weil Anton, Michels Vater, immer so brüllte." Zum Beispiel als er von Michel in die "Trissebude", das Plumpsklo gesperrt wurde. "Später", sagt Johansson, "durfte ich Michels dressiertes Schwein spazierenführen." Auch an die berühmte Fahnenstangen-Szene erinnert sich der 49-Jährige: "Michel zog seine Schwester Klein-Ida am Mast hoch, damit sie mal bis nach Mariannelund schauen kann. In Wirklichkeit wurde eine Puppe gehisst."

"Ich war neidisch auf die Schauspieler"

Der Tischlerschuppen, in den Michel zur Strafe gesperrt wurde und in dem er seine Holzmännchen schnitzte, Knecht Alfreds Gesindestube und das Klohäuschen – alles steht den Besuchern offen. Nur das Wohnhaus nicht, da lebt Familie Johansson bis heute selbst. Und schaut jedes Jahr im Winter einmal alle Michel-Filme, "als Nachhilfe – damit wir unseren Gästen nichts Falsches erzählen", sagt Thomas Johansson augenzwinkernd.

Klein-Idas Rat, einen Blick nach Mariannelund zu werfen, ist gut. Im dortigen "Barnfilmbyn" (Kinderfilmdorf) gibt’s ein ganzes Haus voll Kulissen, Requisiten und Fotos der Michel-Filme, ein Verkleidungszimmer für Kinder, vor allem aber noch mehr Geschichten vom Dreh: "Unter der Suppenschüssel steckt gar nicht der Kopf des Michel-Darstellers Jan Ohlsson. Er war krank und wurde gedoubelt", erzählt Sara Schwardt in bestem Deutsch bei der Museumsführung. Als Zwölfjährige schrieb sie damals an Astrid Lindgren und mäkelte, die Kinder-Schauspieler in ihren Verfilmungen agierten hochnäsig und gekünstelt.

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"Ich war neidisch, wollte selbst eine der Rollen", sagt die Museumsführerin – noch heute ein wenig verschämt. Lindgren schrieb ihr postwendend einen energischen Brief zurück, den Sara erschrocken im Klo hinunterspülte. Doch dabei blieb es nicht. Ab 1971 entwickelte sich dann tatsächlich eine innige Freundschaft zwischen beiden, die bis zu Astrid Lindgrens Tod im Jahre 2002 hielt.

Pippi, Kalle, die Bullerbü-Kinder oder Michel – nach einer Reise durch Smålands lieblichen Lindgren-Kosmos sinniert man schon, ob die Bestseller-Autorin wohl einen Lieblingshelden hatte. "Ja, den Michel", vermuten viele Lindgren-Experten in und um Vimmerby. Michel hat angeblich viel von Astrids Vater, Michels Mutter an ihre eigene Mutter angelehnt. Michels Vater Anton wiederum ist die Kopie eines kauzigen, geizigen Lindgren-Verwandten, und Knecht Alfred - Michels bester Freund - ist Pelle nachempfunden, einem Knecht in Astrids Familie. Nachdem sie die finalen Zeilen des letzten Michel-Buchs getippt hatte, soll die Autorin geweint haben: "Den Jungen sehe ich nun nie wieder. . ."

 

Mehr Informationen 

Schwedischer Tourismusverband

www.visitsweden.de

Stephan Brünjes

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