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Prättigauer Höhenweg: Pause bei den Steinböcken

Mal entschleunigt, mal rasant unterwegs in Graubünden - 27.06.2020 08:00 Uhr

Eiskalte Erfrischung: Auf dem Weg von St. Antönien zur Carschinahütte lockt der Partnunsee mit einem Bad oder einer Fahrt mit dem Ruderboot.

© Clara Grau


Gian und Giachen, die über Alpinisten und Touristen spottenden Bündener Steinböcke aus den TV-Spots, hätten bestimmt ihre Freude: Mit prall gefüllten Rucksäcken auf dem Rücken, Kameras und Objektiven vor der Brust und roten Köpfen stapft eine Gruppe Journalisten an einem heißen Tag auf das Jägglischhorn im Prättigau. Auf dem 2290 Meter hohen Gipfel lassen sie sich erleichtert ins Gras fallen und genießen die Aussicht.

"Im Norden sehen wir den Rätikon mit der Sulzfluh, Drusenfluh und Schesaplana. Auf der anderen Seite die Fideriser Heuberge, weiter hinten Gotschna und Weissfluhjoch", erklärt Marc Bless das 360-Grad-Panorama. Der 34-Jährige stammt aus der Region, arbeitet für den Tourismusverband Prättigau und kennt den Höhenweg seit vielen Jahren. Er sei die Perle der zahlreichen Bündener Fernwanderwege. Das Besondere an der rund 55 Kilometer lange Route: Wir erblicken eine immer neue herrliche Weite. Gestört werden wir bei der kontemplativen Landschaftsbetrachtung höchstens von einer hungrigen Dohle oder einem pfeifenden Murmeltier: "Der Weg ist sicherlich nicht überlaufen. Hier kann man entschleunigen", so Bless.

Mit dem Trottinett ins Tal

Nach der Gipfelrast und einem knapp einstündigen Abstieg durch blühende Bergwiesen erwartet die Wanderer ein Kontrastprogramm: Be- statt Entschleunigung steht auf dem Programm. Statt noch eine weitere Stunde bergab zu laufen, fahren wir mit Trottinetts (geländetauglichen Tretrollern) rasant ins Tal. Die flotte Fahrt ist ein Riesenspaß und das Etappenziel St. Antönien eigentlich viel zu schnell erreicht.

Dafür reicht die Zeit nun für einen Rundgang in dem kleinen Walserort, der auf knapp 1400 Meter liegt. Ab dem Spätmittelalter besiedelten Menschen aus dem Oberwallis den Alpenraum – unter anderem ließen sie sich auch im Prättigau nieder. Prachtvolle Holzhäuser zeugen in St. Antönien von der handwerklichen Geschicklichkeit der Siedler. Die Nacht verbringt man hier je nach Gusto und Geldbeutel im kleinen und feinen Hotel mit Spitzenküche oder einer einfachen Pension. Wer Hüttenatmosphäre sucht, geht eineinhalb Stunden weiter zum urigen Berghaus Sulzfluh, in dem noch Petroleumlicht die urige Stube beleuchtet. Dort gibt es regionale Spezialitäten, etwa Chäsgetschäder, ein einfaches aber schmackhaftes Gericht aus Brot, Zwiebeln, Kräutern und ganz viel würzigem Bergkäse.

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Schweizer Klassiker: Fernwandern auf dem Prättigauer Höhenweg

Fernwandern ist in und geht auch mit zunehmenden Corona-Lockerungen wieder. Vor allem Alpenüberquerungen sind angesagt. Dabei geraten die Klassiker ein wenig aus dem Blickfeld. Zu Unrecht, wie eine viertägige Tour auf dem Prättigauer Höhenweg im schweizerischen Graubünden zeigt.


Das Berghaus Sulzfluh ist ein beliebter Ausgangspunkt für Kletterer und Klettersteiggeher, die an den steil aufragenden Kalkwänden des Rätikons ihre Herausforderung suchen. Von hier aus geht es auch auf die immer alpiner werdenden, aber immer noch für geübte Wanderer machbaren Streckenabschnitte des Prättigauer Höhenwegs. Nach einem Abstecher zum Partnunsee, in dem man im Sommer sogar baden kann, führt die Tour durch schrofferes, felsigeres Gelände zur Carschina-Hütte des Schweizer Alpen-Clubs. Zwischen Felsenwänden übernachten wir auf 2236 Metern weit weg von der Zivilisation. Eine Vorab-Reservierung ist derzeit auf allen Hütten obligatorisch.

Wer noch nie auf einer Hütte geschlafen hat, wird von den Wirtsleuten Stefan und Stefanie Bodenmann freundlich eingewiesen: Wo tauscht man die dreckigen Bergstiefel gegen die bereitgestellten Hüttenschuhe? Wie verhält man sich in Corona-Zeiten im Matratzenlager. Wozu bracht man einen Hüttenschlafsack. Mit welchem Aufwand transportieren sie die Lebensmittel und Getränke auf den Berg? Und warum wird um 22 Uhr in der holzgetäfelten Stube das Licht ausgedreht? Geduldig beantworten sie jede Frage.

Am nächsten Morgen verteilen die Wirtsleute vor sieben Uhr Kaffee und Käsebrote. Heute steht eine anstrengendere Etappe auf dem Programm. Zunächst zieht sich der Weg noch relativ eben unter den gewaltigen Wänden von Drusenfluh und Kirchlispitzen entlang. Ebenfalls schon unterwegs sind schwer beladene Kletterer. Einige der schwersten Mehrseillängen-Routen Europas, etwa die von Beat Kammerlander eingerichteten Touren "WoGü" und "Silbergeier", sind hier zu finden.

Viel Zeit, um die Sportler beim Klettern zu beobachten bleibt eh nicht. Erstes Foto-Ziel des Tages ist das Cavelljoch auf knapp 2200 Metern. An der Grenze zwischen Schweiz und Österreich zieht es zwar gewaltig, dafür ist die Aussicht auf den bereits in Österreich liegenden, türkis schimmernden Lünersee wunderschön. Über 250 Gipfel, die meisten über 2000 Meter hoch, rund 50 Berge die sogar über 3000 Meter hoch sind, kann man bei guter Sicht von diesem Punkt aus bewundern.

Der Rest des Tages wird gemütlicher: stetig bergab am Fuß der Schesaplana entlang windet sich der Weg. Die Landschaft wird lieblicher. Das Tagesziel Schesaplana-Hütte liegt idyllisch in einem Almgebiet. Weidende Kühe bimmeln mit ihren Glocken, Hühner flattern durch den Garten und von der Terrasse genießt man den Abend.

Eine Variante für Fleißige

Der "normale" Prättigauer Höhenweg, der auch für Familien mit größeren Kindern geeignet ist, führt am nächsten Tag ganz gemütlich zu Fuß oder mit dem Tretroller ins Tal nach Seewis. Doch Marc Bless hat sich für uns zum Abschluss noch eine anstrengende, aber landschaftlich äußerst reizvolle Variante ausgedacht. In den noch kühlen Vormittagsstunden steigt die Gruppe zum Hochjoch auf 2358 Meter und umwandert dann einige hundert Meter auf österreichischem Gebiet den Gipfelaufbau des Tschingels bis zum Barthümeljoch. Dort haben es sich auf einem ausgesetzten Felsen einige Steinböcke bequem gemacht, die sich von den zweibeinigen Besuchern und klickenden Fotoapparaten nicht stören lassen.

Dann heißt es Abschied nehmen vom Hochgebirge: Über Almgebiete geht es zur Bergstation der Älplibahn. Sie besitzt nur zwei kleine Gondeln, und bevor man mit ihnen nach Malans ins Tal schwebt, sollte man auf der Terrasse die Tour unbedingt mit Bündner Nusstorte, Rivella-Limo und Prättigauer Almkäse ausklingen lassen.

Mehr Informationen:

Graubünden Ferien
www.graubuenden.ch

Prättigau-Tourismus

www.praettigau.info
 

Anreise:
Mit dem Auto in rund fünf Stunden ab Nürnberg (450 Kilometer) oder mit der Bahn in sechseinhalb Stunden über Bregenz und Landquart nach Klosters.

Beste Reisezeit:
Ende Juni bis Anfang Oktober.

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