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Querulanten auf Reisen: Ich werde Sie verklagen!

Guides werden mit speziellen Trainings auf Besserwisser vorbereitet - 27.07.2019 08:00 Uhr

Das Gemotze von Miesepetern macht bei Gruppenreisen nicht nur den Reiseleiter wahnsinnig, sondern auch die Mitreisenden. Die könnten den Nörgler oft zum Mond schießen. © Kues/shutterstock.com


Besserwisser, die dem Reiseleiter das Heft aus der Hand nehmen, notorische Beschwerdeführer, die an allem und jedem etwas auszusetzen haben.

Diese Spezies Mensch gibt es in jeder Reisekategorie, von der Kaffeefahrt bis zur Studienreise. In letzterer Sparte gibt es vornehmlich die Besserwisser, die sich ärgern, dass sie nicht die Hoheit über das Mikrofon des kundigen Reiseleiters bekommen, nicht lehren dürfen, sondern etwas lernen sollen.

So sitzt dann auf einer Großwild-Safari etwa das Raubtier mitten im Geländewagen, lauernd und zum Sprung bereit, bis der Guide einen Fehler macht. Wo sie nicht korrigieren, stressen sie mit Co-Referaten, trumpfen auf mit Angelesenem aus Kulturführern.

Von den Querulanten genervt sind nicht nur die Mitreisenden. Auch Reiseveranstalter und Guides wissen davon ein Lied zu singen. Der Israeli Jacky Schwarz etwa, seit gut 20 Jahren in Jerusalem als Fremdenführer im Geschäft. Sein Spezialgebiet: pietistische Christen aus dem schwäbischen Raum, deren Vorfahren sich in Jerusalem als Templer niederließen.

Bildungshuber streiten selten ums Geld

Einmal, berichtet Schwarz, habe ihn eine beherzte Stuttgarterin in breitem Schwäbisch angeherrscht: "Saget Se mal, wenn Sie so gut über unsern Heiland Bescheid wisset, wieso sind Sie dann net schon längscht Chrischd worde?" Die Antwort verschreckte die forsche Christin: "Seien Sie doch froh, dass wir Ihren Laden nicht auch unterwandert haben, das hätten Sie sicher gegen uns Juden ausgelegt."

So anstrengend solche Bildungshuber sein mögen, sie gehören weniger zu denen, die sich nach der Heimkehr eine Reisekostenminderung erstreiten. "Reisende beschweren sich eher, wenn die Qualität des Service nicht stimmt oder die Animation nicht animiert", sagt Marcus Minzlaff, der beim Branchenführer Tui im Beschwerdemanagement arbeitet. Seit 1970 gibt es dort eine Abteilung, die sich um die Klagen kümmert und sie am besten noch vor Ort behebt.

Mitte der 1990er Jahre kreierte Minzlaff das "ZAK". Diese drei Buchstaben stehen für "Zügige Abhilfe und Kommunikation". Den Beschwerden vor Ort wird fast schon detektivisch nachgegangen, andere Reisegäste und der Reiseleiter werden um ihre Version gebeten, um zu sehen, wo die Kritik berechtigt ist. Denn letztlich schlägt eine Beschwerde, vor allem in Zeiten der Kundenbewertung im Internet, auf die Unternehmen zurück.

Die Kölner Reiseleiterin Elisabeth Baumgart (Name geändert) hat sich auf teure Luxusreisen in exotische Gebiete spezialisiert – von der Antarktis bis zu den Papageieninseln, also Reisen, die nicht unter 10 000 Euro zu haben sind. Auch sie kann von Erlebnissen mit Querulanten berichten.

Die anderen Reisenden behelligt

In einer Gruppe von Orchideen-Liebhabern etwa, die sich besonders exotische Exemplare an ihrem Ursprungsort ansehen wollten, habe es einmal einen Chefarzt gegeben, der die anderen Reisenden mit ständig neuen Missliebigkeiten behelligte. Am Ende der Reise waren ein paar Badetage an einem traumhaften Strand eingeplant. Der Arzt wurde im Wasser bewusstlos, Baumgart zog ihn aus den Fluten und reanimierte ihn nach allen Regeln der medizinischen Kunst. Als der Gerettete erwachte, raunte er: "Das Meer entspricht nicht der von ihnen angekündigten Reisebeschreibung, ich werde Sie verklagen."

In solchen Momenten, gesteht die Reiseleiterin, dächten sie und ihre Kollegen schon mal daran, den Beruf zu wechseln. Doch zum Glück sei sie in jahrelangen Trainings auf solche Krisenmomente vorbereitet worden. "Anti-Agressionstraining und Planspiele, in denen Deeskalation geübt wird, sind Voraussetzung für diesen Beruf", sagt Baumgart. "Wer glaubt, das sei ein paradiesischer Job mit Sonne, Palmen und Strand gratis, wird meist bitter enttäuscht."

Und doch: Sie ist nach 30 Jahren immer noch dabeigeblieben, denn die Dankschreiben überwogen schließlich.

Andreas Öhler

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