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Reisen im Osten: "Bist du Deutscher oder DDR?"

Mangels Alternativen ging es meist mit Trabi und Zelt in sozialistische Bruderländer - 08.11.2019 15:19 Uhr

Zeltidyll mit Trabi auf einem Campingplatz in Bulgarien, aufgenommen in den 1960er Jahren. © akg-images/Sammlung Berliner Verlag/Archiv


Da gab es zunächst die staatlich organisierten Ferienheime des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes (FDGB) und der Betriebe. Sie waren subventioniert, also spottbillig, deckten aber nur einen Bruchteil der Nachfrage an Ferienquartieren. Außerdem waren organisierte Reisen in der DDR immer Reisen unter Beobachtung mit wenig individuellem Spielraum. Darauf hatten viele keine Lust.

Für die organisierte Auslandsreise war das Reisebüro der DDR und Jugendtourist zuständig. Sie führte bis in die Mongolei oder nach Jugoslawien, nach Bulgarien und in andere "sozialistische Bruderländer". Diese viel zu wenigen Reisen waren nicht billig, aber auch nicht unerschwinglich.

Wer eine Reise ins Ausland ergattert hatte, durfte sicher sein, dass in der Reisegruppe mindestens ein Teilnehmer vom Ministerium für Staatssicherheit (MfS) unterwegs war. Auch das hielt viele DDR-Bürger davon ab, überhaupt erst einen Antrag beim Reisebüro zu stellen.

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Mit Jugendtourist führte manche Reise für junge Leute sogar ins "kapitalistische Ausland", die Reisenden wurden allerdings auf politische Zuverlässigkeit überprüft. Und die Reise musste allein angetreten werden, Freund oder Freundin, Ehefrau oder Ehemann blieben sicherheitshalber zu Hause.

In den ihnen vorgegebenen Grenzen waren auch die DDR-Bürger Reiseweltmeister – auf ihre Art. Denn während in der BRD die Pauschalreise immer populärer wurde, war in der DDR individuelles Engagement angesagt. "Gelernter DDR-Bürger" in Sachen Urlaub hieß, Reiserouten selbst zu planen, das ideale Ferienquartier aufzuspüren und alle Beziehungen spielen zu lassen. Drei Wochen Sommerurlaub wollten langfristig und akribisch vorbereitet sein. Spontaneität hätte höchstens für Balkonien gereicht. Und das war keine Option.

Im eigenen Staat fehlte es nicht an landschaftlich schönen Ecken und interessanten Städten: Harz, Thüringer Wald, Spreewald oder das Elbsandsteingebirge, Berlin, Dresden und Leipzig. Doch das blieben meist Wochenendausflüge. Das Land war klein genug, um abends wieder heimzufahren. Wenn schon Urlaub daheim, dann an der Ostsee.

Die langen Strände von Rügen, Usedom, Fischland-Darß-Zingst und Hiddensee hatten genug Platz für alle, die sich in den Schulferienmonaten Juli und August an die Küste begaben. Für die Einheimischen an der Küste waren die Sommermonate Segen und Fluch in einem. Segen, weil sie alles vermieten konnten, was einigermaßen bewohnbar war.

Die Urlauber stellten ihre Zelte auch auf privaten Grundstücken auf und waren offiziell nur "zu Besuch" bei guten Freunden oder Verwandten. Die "örtlichen Organe" verloren jedes Jahr aufs Neue den Überblick, wie viele Urlauber sich an der Ostsee aufhielten. Und so folgte der Fluch in Form von massiven Versorgungsschwierigkeiten. Brötchen und Kuchen waren beim Bäcker schon am frühen Morgen ausverkauft, vor den Gaststätten und Eisdielen bildeten sich lange Schlangen. Mal gab es in der Kaufhalle kein Blatt Toilettenpapier mehr, mal keine Kerzen, mal keine Salami.

Mit Kinderkleidung den Rumänien-Urlaub bezahlt

In den 1970er-Jahren wurde das Reisen ins "sozialistische Ausland" mit der Einführung des visafreien Reiseverkehrs in die Tschechoslowakei, nach Polen, Ungarn, Bulgarien und Rumänien einfacher. Trotzdem musste Wochen vor der Abreise ein "Antrag für eine Reise ins Ausland" bei der Meldestelle der Deutschen Volkspolizei eingereicht werden, der aber meistens genehmigt wurde. Für die Angabe des Urlaubsdomizils reichte neben dem Ort auch eine vage Angabe, wie "Zeltplatz".

Der Haken war die dazugehörige "Reiseanlage für den visafreien Verkehr", die in den Personalausweis geklebt wurde. Mit diesem Papier konnte bei der Staatsbank der DDR Geld in die jeweiligen Landeswährungen umgetauscht werden: pro Person rund 40 Mark pro Tag. Das war zu wenig, um zum Beispiel ein Hotel zu buchen. Also waren die meisten mit Auto und Zelt auf Tour.

Der Tauschhandel blühte. Es gab immer etwas, woran es in einem der "Bruderländer" gerade mangelte. Die Palette reichte von Kameras und Objektiven von Carl-Zeiss-Jena über Esda-Feinstrumpfhosen bis zu Kaffee und Pfeffer. In Rumänien konnte man seinen Aufenthalt auf einem Zeltplatz am Schwarzen Meer zum Beispiel komplett mit Kinderkleidung bezahlen.

Die Grenzkontrollen – vor allem bei Reisen, die bis nach Bulgarien führten – kosteten allerdings immer Nerven, denn natürlich hatte man viel mehr Geld in verschiedenen Währungen dabei, als erlaubt war. Auch der gefüllte Benzinkanister unter all den Schlafsäcken, Luftmatratzen, Lebensmittelvorräten und Campingzubehör, hätte Ärger verursacht. Ein bisschen Mut gehörte dazu.

Mit solchen Unterlagen, Dokumenten und Schecks reisten DDR-Bürger in „Bruderländer“. © Patrick Pleul/dpa


Da Jugoslawien wegen der besonders hohen Fluchtgefahr für Individualreisende tabu war, führte die Strecke an die über 2000 Kilometer entfernten warmen bulgarischen Strände über Prag und Bratislava nach Ungarn und durch Rumänien ans Schwarze Meer. Die Anreise dauerte drei Tage. Unterwegs gab es aber ein paar Highlights: Wiener Schnitzel und Bier in Prag, Einkehr im Ufo-Brückenrestaurant in Bratislava, Badestopp am Balaton, die Besichtigung der antiken Tempel von Histria oder des Rila-Klosters.

Wer dann als DDR-Urlauber endlich am Goldstrand von Varna oder am Sonnenstrand von Nessebar in einem vom Reisebüro gebuchten Hotel untergekommen war, konnte sich schon mal als Tourist zweiter Klasse fühlen. Denn dort verbrachten auch viele westdeutsche Neckermann-Reisende ihren Billigurlaub, die selbst nicht mehr unbedingt auf dem Schirm hatten, dass ihre Flurnachbarn Deutsche waren – häufig waren das nur noch die "DDR-ler". Und auch das bulgarische Personal fragte in Restaurants oft: "Bist du Deutscher oder DDR?", bevor man in einem Restaurant Platz nehmen durfte – oder eben auch nicht.

Solche Schmach ersparten sich die meisten Bulgarienurlauber aus der DDR und schlugen ihre Zelte auf Campingplätzen ein paar Kilometer jenseits der Touristenhochburgen auf. Dort war der Strand genauso breit und mangels Hotels wunderbar leer. Dafür freuten sich die Restaurantbesitzer, deren Cevapcici und Schopska-Salate dort mindestens genauso gut schmeckten wie am Goldstrand, umso mehr über die Gäste aus Ostdeutschland.

Andere DDR-Urlauber bestiegen die Gipfel der Hohen Tatra und in Zakopane, wanderten in den Karpaten, sonnten sich am Balaton, am Schwarzen Meer, am Slowakischen Meer, an den Masurischen Seen und auf der Halbinsel Hela – allesamt wunderschöne Orte, die aber nie die Sehnsucht nach grenzenlosem Reisen stillen konnten.

Heidrun Braun

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