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Saragossa - Spaniens verkannte Schönheit

Hier gehen die Uhren anders als im Rest des Landes - 01.11.2019 07:56 Uhr

Die Kathedrale von Saragossa ist das Wahrzeichen der Stadt, besonders eindrucksvoll als Spiegelung im Fluss Ebro. © Hans von Draminski


Es ist schwierig, das Anderssein auf einen einfachen Nenner zu bringen. Besonders wird Saragossa schon durch die wechselhafte Geschichte, die starken Einfluss auf die Gegenwart hat. Kann man doch hier lernen, wie sich die drei großen monotheistischen Weltreligionen und eine multiethnische Gesellschaft zu einem friedlichen, spannungsarmen Miteinander bewegen lassen.

Von den Römern gegründet, von den Westgoten zum blühenden Handelszentrum aufgebaut, war Saragossa vom achten bis zum zwölften Jahrhundert muslimisch und lange Zeit ein Teil des Kalifats von Córdoba, eine Art Bollwerk gegen die Christen. Die holten sich die Stadt 1118 zurück: Das christliche Königreich Aragón unter seinem Herrscher Alfonso I. besetzte Saragossa.

Antisemitische Progrome blieben hier aus

Was blieb und der zentrale Unterschied zu vielen anderen spanischen Städten ist: Hier gingen die Bevölkerungsgruppen miteinander weiter ganz normal um, es kam weder zu antisemitischen Pogromen noch zur Vertreibung des muslimischen Teils der Bevölkerung, im Gegenteil.

Die neuen christlichen Herrscher bedienten sich unter anderem des Wissens der muslimischen Architekten und Ingenieure, die christliche Kirchen und andere Sakralbauten mitgestalteten. Der "Mudejár-Stil" ist eine Mischung aus christlichen und muslimischen Bauelementen, der in der Altstadt von Saragossa bis heute allgegenwärtig ist.

Prächtige Baukunst in der gesamten Altstadt – hier ein Durchgang an der Kathedrale. © Hans von Draminski


"Saragossa ist dennoch eine moderne und lebendige Stadt", weiß Karin von Przychowski. Sie zählt als Beispiel auch gleich ein paar der berühmtesten Töchter und Söhne auf: Hier wurde etwa der Maler Francisco José de Goya y Lucientes geboren und die Sopranistin Pilar Lorengar, hier gründete sich die berühmte spanische Band "Héroes del Silencio".

Karin rast mit den Touristen durch die Stadt

Karins Tätigkeit ist mit dem Begriff "Fremdenführerin" eher unzureichend beschrieben: Mit Besuchern rast die ehemalige Leichtathletin flott durch die Stadt, weil es so viel zu sehen gibt und weil eine Woche kaum ausreicht, um auch nur die wichtigsten Highlights dieser quirligen und immer wieder überraschenden Mini-Metropole zu entdecken. Karin blieb vor Jahrzehnten in Saragossa hängen, nicht nur der Liebe wegen, und hat das Dableiben nie bereut.

Wer schon in den Morgenstunden in der Altstadt unterwegs ist, sieht unzählige korrekt gekleideter Business-Menschen, für die Zuspätkommen eine Todsünde wäre. Keine Spur von jener "Mañana"-Mentalität, die Teutonen andernorts in Spanien so nerven kann. Eher geht es in Saragossa darum, die Tradition hochzuhalten, ohne die Stadt in ein erstarrtes Museum zu verwandeln. Das passt gut zu dem Trend, dem Overtourism in den Hotspots des Tourismus zu entgehen und Authentischeres in kleineren Städten zu erleben.

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Saragossa - die Schöne im Schatten der Berge

Diese Stadt steht im Schatten der spanischen Metropolen Sevilla, Barcelona und Madrid. Echte Entdeckungen macht man allerdings eher in Saragossa (spanisch Zaragoza). Denn dort blieben die verschiedenen Religionen und Ethnien über Jahrhunderte unangetastet und verschmolzen zu einem spannenden Mix.


In Saragossa erinnert etwa das wieder ausgegrabene römische Forum inmitten eines eher tristen Mietskasernen-Wohnviertels an die Stadtgründer. Das "Museo del Foro de Caesaraugusta" liegt unter dem heutigen Platz La Seo und zeigt in museumspädagogisch ganz aktueller Manier die Reste des antiken Forum Romanum unter Kaiser Tiberius.

Von Tapas bis zum mehrstündigen Menü

Wen viel Geschichte hungrig macht, der findet zum Verschnaufen zwischen den Sehenswürdigkeiten eine Vielzahl kleiner Bodegas und Speiselokale, in denen es Tapas gibt, wo aber auch ganz bodenständige Küche mit scharfer gebratener Chorizo-Wurst und anderen Leckereien auf den Tisch kommt. Daran, den Sonntagnachmittag mit einem mehrgängigen (und mehrstündigen) Menü zuzubringen, kann man sich gewöhnen, zumal zu Fisch und Fleisch ganz viel frisches Gemüse und Obst gereicht werden.

Frisch gestärkt widmet man sich dann Riesenbauten wie der die Altstadt dominierenden Basilika Nuestra Señora del Pilar. Eine gigantische Kathedrale am Ufer des Ebro, die vor barocker Pracht strotzt und für die ein halber Tag Besichtigungszeit nicht annähernd ausreicht.

In Saragossa zieht nicht nur altes Gemäuer das Interesse der Besucher auf sich: 2008 war die Stadt Gastgeberin der Internationalen Weltausstellung – das Expo-Gelände wirkt bis heute wie die aufwändige Kulisse eines anspruchsvollen Science-Fiction-Films. "Leider hat die Stadt daraus zu wenig gemacht", meint Karin von Przychowski angesichts des verblassten, ja teils verfallenen Expo-Glanzes.

Saragossas Tanz heißt Jota

Der Gegenentwurf zum Modernismus der "Expo": folkloristische Traditionspflege, wie sie sich Noé Larraz auf die Fahnen geschrieben hat. Der Reise-Profi organisiert nicht nur Städtetouren in seine Heimatstadt Saragossa, er promotet auch die Jota Aragonesa als Gegenentwurf zum viel bekannteren Flamenco. Die Jota ist betulicher und näher an der Volksmusik als die getanzte Erotik des Flamenco. In Aragón hat sie dennoch oder gerade deswegen Kultstatus bei Alt und Jung.

Beine hoch: Der Volkstanz Jota aragonesa ist betulicher und näher an der Volksmusik als Flaménco. © Hans von Draminski


Am Ende ist es die Harmonie, die jene Widersprüche, die einem in Saragossa auf Schritt und Tritt begegnen, bei weitem überwiegt. Ja, auch diese Stadt hat Probleme, ja, auch hier sind sich nicht alle Bevölkerungsgruppen immer grün. Aber über die Jahrhunderte haben sie hier, im Schatten der Pyrenäen, gelernt, mit den Differenzen umzugehen. Und Lösungen zu finden, die tragen. Gerne ein paar Jahrhunderte lang.

Mehr Informationen:

araturis Excursionarte

www.araturis.com, der die Reise unterstützte.

Anreise:

Mit dem Auto 1730 Kilometer. Per Flugzeug ab Nürnberg mit zwei Mal umsteigen 9,5 Stunden (einfachste Reiseart). Zug über Paris gut 19 Stunden.

Günstig wohnen:

Hotel Cesaraugusta

www.hotelcesaraugustazaragoza.com

Luxuriös wohnen:

Hotel Vincci Zaragoza

www.vinccihoteles.com

Beste Reisezeit:

Spanische Städte sind Ganzjahres-Reiseziele, am schönsten im Frühling oder Herbst, aber auch im Winter möglich.

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