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Schottland: Neue Pfade zu Nessie, dem Ungeheuer

Ein neuer Rundwanderweg erschließt die mystische Gegend - 20.07.2019 08:00 Uhr

Im schottischen Loch Ness südwestlich von Inverness soll «Nessie» leben. Ein Wanderweg führt nun um den See. © Silvia Kusidlo/dpa


Gerade noch Großstadt. Und jetzt, hier oben, diese Stille, die so beruhigt. Selbst der feine Regen kann die Freude beim Blick über die Landschaft nicht trüben. Er gehört irgendwie dazu. Aus tiefhängenden Wolken fällt er auf bewaldete Berghänge, die sich hinab in die dunklen Wellen des Loch Ness schieben. Es herrscht mystische Stimmung, von Anfang an. Wir wollen zu Fuß gehen.

Seit August vergangenen Jahres ist der Rundweg um den schottischen See komplett. Das letzte Stück, das den Great Glen Way auf der Nordwestseite mit dem South Loch Ness Trail auf der Südostseite verbindet, ist fertig. „Loch Ness 360“ heißt es nun, 130 Kilometer mit bis zu 400 Metern Höhenunterschied. Wer gut zu Fuß ist, schafft das in fünf bis sechs Tagen. Aber es gibt ja keinen Grund zur Eile.

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Hoch oben, am Abriachan Forest Park, kommen uns vier Wanderer entgegen, die auf dem Weg nach Inverness sind. Sie haben noch 17 Kilometer vor sich, wir, in entgegengesetzter Richtung bis Drumnadrochit noch zehn. Trotz der schweren Rucksäcke strahlende Gesichter. Veronika aus Prag stapft mit ihren drei Söhnen talwärts. Warum Schottland, warum Loch Ness? „Das können wir gar nicht so richtig erklären“, meint sie. Ihr ältester Sohn sei schon mehrmals hier gewesen und habe von der Landschaft geschwärmt.

Trotz milchiger Luft lässt sich beim Rundblick über die großen Heideflächen und Farnfelder erahnen, welches Farbenspiel hier über das Jahr abläuft. Wir folgen dem Distel-Symbol an blauen Holzpfosten, die als Wegmarkierungen nach Drumnadrochit führen. Eine gute Gelegenheit, den zahlreichen Monster-Geschichten auf den Grund zu gehen.

Bemüht, die Ungeheuer-Mythen zu klären

Also rein ins Loch Ness Exhibition Centre. Adrian Shine, als Wissenschaftler um Klärung der Ungeheuer-Mythen bemüht, hat es vor 20 Jahren gegründet. Die Folklore erzählt seit Jahrhunderten von Seedrachen und Wasserpferden. 1933 soll ein Tier, einem Plesiosaurier ähnlich, eine Straße am See überquert haben. Die Sensationsmeldung war perfekt.

Doch viele der in den Folgejahren auftauchenden Fotos erwiesen sich als Fälschung. In den 1970er Jahren wurden U-Boote und Unterwasserkameras für die Suche eingesetzt, 1987 sogar ein Schallwellen-Scanner durch den 230 Meter tiefen See gezogen. Fazit: Das Wasser ist zu kalt und bietet zu wenig Nahrung für so große Räuber. Dafür beinhalteten die Bohrkerne vom Grund Glassplitter aus den Vulkanen Islands, Kohlepartikel aus früherem sauren Regen und radioaktive Isotope von Atomtests und Tschernobyl.

Überall rund um den See stehen Nessie-Figuren, vor denen sich Touristen gerne ablichten lassen. Das echte Ungeheuer hat wohl noch niemand wirklich gesehen - was Rückschlüsse auf seine Existenz erlauben dürfte. © dpa


Urquhart Castle liegt zwar nicht direkt am Weg, aber der Abstecher zur Burgruine führt zur größten Festungsanlage Schottlands. Kurios, dass die Anlage nie durch Angriffe zerstört, sondern von den eigenen Bewohnern in die Luft gesprengt wurde. Die Gebäude wurden anschließend systematisch geplündert und Steine und Dächer für den Bau umliegender Häuser abgetragen.

Am Südende von Loch Ness geht es in Fort Augustus auf den See. In dem einen oder anderen Treibgut zwischen den Wellen erkennt man „ungeheuerliche“ Erscheinungen. Von Fort Augustus aus winden sich jene neu hinzu gekommenen acht Kilometer des Rundwegs vom Seeufer hinauf auf die Bergrücken der Südostseite. Damit war „Loch Ness 360“ vollendet. Das Weglogo hat sich nun von einer Distel in ein Eichhörnchen verwandelt und weist zunächst landeinwärts richtung Loch Tarff.

Die Südost-Seite ist stiller und schöner

Tiefblau liegt der See in der baumlosen Landschaft, über die ein heftiger Wind pfeift. Weiter geht es vom See auf eine 400 Meter über dem Meer liegende Hochebene. Beim Abstieg zeigt sich: Die Südost-Seite ist die stillere und noch schönere. Kein Verkehrslärm, stattdessen das Plätschern der Wasserfälle von Foyers. Näher an der Natur bedeutet hier: Übernachtung im hölzernen „Wigwam“ auf dem Campingplatz. Vorher mit den letzten Sonnenstrahlen noch ein paar Schritte direkt am Seeufer gehen, dann Chili con Carne am kleinen „Airstream“-Restaurant bestellen und nach dem Essen warten, bis das Lagerfeuer vor der Holzhütte erloschen ist.

Am nächsten Morgen führt der Weg in den dunklen Wald. Fliegenpilze, ein plätschernder Bach, knorrige Wurzeln im moosdurchsetzten Boden, Bäume und Büsche bilden einen dichten Vorhang. Eine Lehrerstimme schnarrt durchs Geäst, Kinderstimmen antworten. An der Grundschule Foyers ist die Pause zu Ende. Hören, aber nichts sehen können, das ist irgendwie unheimlich.

Und wo ist Nessie? Das Loch Ness Centre im schottischen Dorf Drumnadrochit. © Silvia Kusidlo/dpa


Drei Kilometer weiter weist ein Schild hinab nach Boleskine. Dort stehen die Reste des Boleskine House. Hier lebte einst „das andere Monster“ vom See. 1899 kaufte Aleister Crowley das abgelegene Anwesen, um dort seine satanistischen Exerzitien zu zelebrieren. Von der schwarzen Magie des Exzentrikers zeigten sich noch 70 Jahre später britische Musiker beeindruckt. Crowley war nicht nur einer der vielen Köpfe auf dem Sgt. Pepper-Album der Beatles, Anfang der 1970er Jahre kaufte Jimmy Page, Gitarrist von Led Zeppelin, das Boleskine House.

In Dores wohnt „Nessie-Hunter“ Steve Feltham. Er residiert in einem Wohnwagen direkt am Ufer, verließ die Freundin, verkaufte sein Haus und ist seit Anfang der 1990er Jahre dem Ungeheuer professionell auf der Spur. Heute hat er keine Zeit. Schon wieder hat eine Filmcrew angefragt, ob er als Experte zur Verfügung steht. Gefunden hat er das sagenhafte Wesen bislang zwar nicht, er gibt seinen Lebenstraum aber nicht auf.

Mehr Informationen:
VisitBritain
www.visitbritain.de,
das die Reise unterstützte. Keine Anrufe möglich.
Anreise:
KLM ab Nürnberg nach Inverness mit nur einem Zwischenstopp.
Günstig wohnen:
The Lochness Inn
www.staylochness.co.uk
Luxuriös wohnen:
The Inch Hotel on Loch Ness
https://inchhotel.com
Beste Reisezeit:
Vom Frühling bis in den Herbst

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Dirk Wegner

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