Natur- und Tierfreunde müssen mal ins Wallis

Schweiz: Mit Bernhardinern über den Großen Sankt Bernhard wandern

9.10.2021, 07:20 Uhr
Das untere Wallis lässt sich auf zwei und in Begleitung von vier Beinen am besten entdecken. Während es im Tal selbst bis zu 300 Sonnentage hat, kann es auf Höhe des San Bernardino-Passes in 2800 Metern Höhe auch im Sommer frostig werden. Wer möchte, kann die Bergewelt in Begleitung einer Barry-Foundation-Hundeführerin samt Bernhardiner entdecken. Ein

Das untere Wallis lässt sich auf zwei und in Begleitung von vier Beinen am besten entdecken. Während es im Tal selbst bis zu 300 Sonnentage hat, kann es auf Höhe des San Bernardino-Passes in 2800 Metern Höhe auch im Sommer frostig werden. Wer möchte, kann die Bergewelt in Begleitung einer Barry-Foundation-Hundeführerin samt Bernhardiner entdecken. Ein "tierisch" schöner Spaß. © Claudia Weinig

Hierzulande ist der große, sanftmütige Alpenhund aus dem Gassi-Alltag verschwunden. Und dann gibt es – frei nach Asterix – tatsächlich noch eine Art gallisches Dorf, dass den Trends zu Labrador, Golden Retriever und handtaschentauglichen Chihuahuas die Stirn bietet: das Untere Wallis, im französisch sprechenden Südwesten der Schweiz gelegen.

Assoziationen gefällig? Mont Blanc und gleichnamiger Express, Zermatt, Großer Sankt Bernhard-Pass.

Womit wir bei den Bernhardinern wären. Die sind hier auch zu Hause. Besser: hier kommen sie her. Hier lernen Hundefans, dass viele Klischee, was einen typischen Bernhardiner ausmacht, ins Reich der Geschichten gehört. Nicht aber ins Arbeitsrepertoire der Menschen, die für die „Fondation Barry“ arbeiten, einer Stiftung mit Sitz in Martigny und Sommercamp im Hospiz auf Höhe des San Bernardino-Passes.

Apropos „Hospiz“ – so heißt hier das bereits im Hochmittelalter von Augustinern gegründete Gästehaus, das heute – selbstverständlich dem Standard des 21. Jahrhunderts entsprechend – samt Gastwirtschaft und Alpenpass-Museum ein einfach erreichbares Ausflugsziel ist.

Vom Augustinerorden übernommen

Was bereits ab dem 17. Jahrhundert bis Anfang der 2000er Jahre noch in alter Tradition die auf dem Grossen Sankt Berhnard-Pass niedergelassenen Ordensbrüder taten, nämlich Bernhardiner zu züchten und für die Arbeit auf dem Berg und im Schnee auszubilden, haben nun die weltlichen Helfer und Helferinnen der Fondation übernommen. Traditionsbewusst und dabei doch mit Blick für die Aufgaben, die Gegenwart und Zukunft parat halten.

Die Unterkunft, die schon im 17. Jahrhundert von den Chorherren auf dem San Bernardino-Pass gegründet worden ist zum Schutz und zur Unterkunft für Wanderer, heißt zwar heute noch

Die Unterkunft, die schon im 17. Jahrhundert von den Chorherren auf dem San Bernardino-Pass gegründet worden ist zum Schutz und zur Unterkunft für Wanderer, heißt zwar heute noch "Hospiz". Der  traditionsreiche Gebäudekomplex ist aber - entgegen unseren Sprachgebrauch - ein Gästehaus mit Hotel und Restaurant und angegliedertem Museum.  © Claudia Weinig

Ein Wesenszug, der im übrigen nicht nur auf die Stiftung zuzutreffen scheint. Sondern auch auf die Menschen, die hier im Unteren Wallis für ihre Heimat, ihre Landschaft, ihre Geschichte werben. Mit und ohne „tierische“ Unterstützung.

Hier muss man sich mal Zeit lassen

Es sind angenehm-zurückhaltende und dabei doch offene Walliser „Werbeträger“, die wir auf unserer Reise durchs Heimatland von Beethovens vierbeiniger Verwandtschaft begegnen.

Begegnungen, die einen auffordern, sich auch mal Zeit zu lassen. Sich Schritt für Schritt einer jahrtausendealten Landschaft zu nähern. Manchmal auch den Unbillen des Wetters ausgesetzt wie schon seit Jahrhunderten die Kaufleute, Schmuggler und Wanderer, die sich über den Großen Sankt-Bernhard-Pass auf 2800 Metern Höhe den Weg Richtung Frankreich suchten und suchen.

Mit Klischees aufgeräumt

Heute können sich hundeaffine Besucher in Begleitung einer Hundeführerin auf Passhöhe einer Wanderung inklusive Bernhardiner anschließen. Und bekommen laufend Klischees widerlegt.

Wer hundeaffin ist, wird seinen Spaß haben bei geführten Touren mit Bernhardiner als begleitender Tour-Guide.

Wer hundeaffin ist, wird seinen Spaß haben bei geführten Touren mit Bernhardiner als begleitender Tour-Guide. © Claudia Weinig

So stimmt es zwar, dass Bernhardiner – die im übrigen bis zu 75kg wiegen können - in früheren Zeiten für die Suche von Lawinenopfern eingesetzt wurden. Heute werden leichtere Hunde eingesetzt, die bei Bedarf auch im Rettungshelikopter mitfliegen können.

Das legendäre Schnapsfässchen ist genau das – nur eine Legende, eventuell basierend auf einer Darstellung eines Bernhardiners mit einem Säckchen um den Hals aus napoleonischer Zeit. Das erklären Fondation-Barry-Sprecherin Madeleine Wagner und Claudia Müller, Leiterin von „Barry hilft.

Tiere, die Kranken helfen

Zweitere steht für das, was die Bernhardiner-Zucht samt Ausbildung heute ausmacht: Statt Lawinensuche werden die großen Vierbeiner mit dem hohen Kuschelfaktor nämlich für die tiergestützten Therapie ausgebildet und eingesetzt. Also beispielsweise im heilpädagogischen Bereich, in Alten- und Pflegeheimen, in Schulen. „Unsere Hunde bringen so viel Ruhe zu den Menschen und begegnen ihnen ohne jedes Vorurteil. Ohne groß zu reden werden so die unterschiedlichsten Barrieren abgebaut“, erzählt Claudia Müller.

Wanderer finden im  Vallée du Trient Touren, die alle Schwierigkeitsgrade abdecken. Die leichte Ein-Stunden-Wanderung ist dabei genauso

Wanderer finden im  Vallée du Trient Touren, die alle Schwierigkeitsgrade abdecken. Die leichte Ein-Stunden-Wanderung ist dabei genauso "drin", wie eine mehrtägige Tour von Hütte von Hütte via Schneefelder, die selbst im Sommer nicht wegschmelzen. © Claudia Weinig

Als studierte Diplom-Geologin lebte und arbeitete sie in über 20 Ländern. Vor gut einem Jahrzehnt kam sie ins Wallis, blieb, wurde Outdoor-Guide und machte ihre Hundeleidenschaft zum Beruf. Heute organisiert sie die 20 festen Therapieteams, die mit den 28 Barry-eigenen Hunden und vier Festangestellten eng zusammenarbeiten.

Nächste (Wander-)Station: der Emosson-Staudamm.

Gute Ausgangsbasis

Allein dahin zu kommen, ist ein Erlebnis. Nicht unbedingt pittoresk, aber logistisch der perfekte Ausgangspunkt ist Martigny Weil: gut angebunden. Sowohl an das länderübergreifende Schienennetz. Als auch an den bekannten Mont Blanc Express, der von Martigny bis ins französische Chamonix führt.

Diese Zugverbindung, die quer durchs Vallée du Trient führt, ist legendär. Spektakulär: Le Chatelard-village. Eine weltweit einzigartige Standseilbahn bringt Wanderer auf stolzen 87 Steigungsprozenten und einer anschließenden idyllischen Panoramazug-Fahrt zum Fuß des Vieux-Emossons-Staudamms.

Steinböcke lassen sich blicken

Die Aussicht hier, unter anderem auf den Mont Blanc: herrlich. Der künstliche See Lac du Vieux Emosson auf 2400 m: beeindruckend. Die Wanderwege: abwechslungsreich und für Trittsichere gut machbar. Die Hütte am See (Cabane du Vieux Emosson), auf 2187 m gelegen: empfehlenswert. Die Chance dabei, Steinböcke zu sehen: hoch.

Wer eine dagegen eine 100prozentige Chance haben will, Tiere, die in alpinen Gefilden zu Hause sind, zu erleben, braucht auf dem Rückweg Richtung Martigny einfach nur im Bergdorf Les Marécottes Zwischenstation zu machen. Eine Empfehlung gerade für Familien mit Kindern.

Es geht steil bergauf. Oder steil bergab. Je nach Blickrichtung. Tatsache aber ist, dass die Standseilbahn, die von Le Chatelard hoch Richtung Emosson-Staudamm führt, mit 87 Steigungsprozenten die steilste der Welt ist. 

Es geht steil bergauf. Oder steil bergab. Je nach Blickrichtung. Tatsache aber ist, dass die Standseilbahn, die von Le Chatelard hoch Richtung Emosson-Staudamm führt, mit 87 Steigungsprozenten die steilste der Welt ist.  © Claudia Weinig

Denn hier, nur 300 Meter vom pittoresken Bahnhof entfernt, ist Florian Piansenta zu Hause. Zusammen mit seinen rund 120 Tieren, darunter Wölfe, Bären und pfiffige Murmeltiere. Der 37-jährige hat sich mit Eltern und Familie vor rund sieben Jahren einen Lebenstraum wahr gemacht: Er hat einen in die Landschaft perfekt assimilierten Zoo gekauft. Fast so wie Matt Damon vor zehn Jahren. Nur war das ein Hollywood-Film. Das hier, mitten in einem 350-Seelen-Dorf, ist Realität.

Naturnahe Gestaltung

Die Gehege sind eingebettet in die Berglandschaft. Zäune müssen sein. Stichwort: (wilde) Wölfe und Bären. Aber so naturnah verliert sich der Eindruck, dass Tiere auf einer (Zoo-)Bühne präsentiert werden, sondern da leben, wo sie zu Hause sind.

Wer Tieren der Alpinregion in ihrer natürlichen Umgebung begegnen will, sollte den naturnah gestalteten Zoo in Les Marécottes besuchen.

Wer Tieren der Alpinregion in ihrer natürlichen Umgebung begegnen will, sollte den naturnah gestalteten Zoo in Les Marécottes besuchen. © Weinig, NN

Ein bisschen der Natur nachgeholfen haben Florian Piansenta und Co. bei einer weiteren Attraktion auf dem hügeligen Gelände: einem 75 Meter langen Naturpool zum Schwimmen, der mit solarbeheiztem Quellwasser gespeist wird. Für zweibeinige Wasserratten, gleich welchen Alters, ein echtes (Natur-)Erlebnis.

Es ist eines von vielen, welche das (Untere) Wallis sommers wie winters bietet. In einer Umgebung, die für sich alleine schon spektakulär genug wäre. In Begleitung von Zwei- und Vierbeinern aber noch ungleich mehr an Charme, Entdeckungsmöglichkeiten und Erlebnisvielfalt parat hält. Jenseits von Schnapsfässchen, Schlappohren und der (angeblichen) Schweizer Behäbigkeit.

Mehr Informationen:

Informationen und Beratung Schweiz Tourismus:

Telefon: 00800 100 200 30 (kostenlos)

Mail: info@myswitzerland.com

Website: www.MySwitzerland.com; www.wallis.ch

Beste Reisezeit: Das Wallis ist ein ganzjähriges Reiseziel. Wer auf dem Großen Sankt-Bernhard-Pass mit Bernhardinern spazieren gehen will, sollte in den Monaten Juni bis September kommen, da nur in dieser Zeit die Hunde im Umfeld des Hospiz mit untergebracht sind.

Anreise: Mit dem Auto (Nürnberg-Martigny) 660 km, Fahrtzeit: etwa 6,5h. Zugverbindungen ab Nürnberg gibt es, sind jedoch mit häufigen Umstiegen und Reisezeiten um die zehn Stunden verbunden.

Innerhalb der Schweiz bietet es sich an, sich einen Swiss Travel Pass zuzulegen, den es für Laufzeiten zwischen drei und 15 Tagen gibt. Dieser Pass ermöglicht freie Fahrt mit Bahn, Postbus und Schiff in der ganzen Schweiz. Öffentliche Verkehrsmittel in 90 Städten sind ebenfalls inbegriffen. Mit dem Swiss Travel Pass erhalten Inhaber zusätzlich freien Eintritt in über 500 Schweizer Museen.

Zur Corona-Lage: Deutschland ist aus Schweizer Sicht kein Risikogebiet und es besteht keine Pflicht zur Quarantäne. Bei der Einreise nach Deutschland mit dem Flugzeug müssen Besucher ein negatives Testergebnis, einen Impfnachweis oder einen Genesenen-Nachweis vorlegen. Bei der Einreise auf dem Landweg gibt es keine Auflagen. Die Schweiz ist aus deutscher Sicht ebenfalls kein Risikogebiet.

Die Reise wurde unterstützt vom deutschen Büro des Schweizer Fremdenverkehrsamtes „Schweiz Tourismus“, Morgartenstrasse 5a, CH-8004 Zürich.

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