Donnerstag, 12.12.2019

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Sicher unterwegs - auch abseits der Piste

In Engelberg in der Zentralschweiz geben erfahrene Bergführer Skifahrern wichtige Überlebens-Tipps - 16.03.2019 08:00 Uhr

Die Hänge am Titlis oberhalb von Engelberg sind ein Traum für Freerider. Einer, den man vor allem dann genießen kann, wenn man weiß, wie man im Notfall reagieren muss. Deshalb werden auch hier Sicherheits-Kurse angeboten. © Gudrun Bayer


Das Buddeln im kniehohen Tiefschnee ist anstrengend. Schnell wird das Atmen zum Keuchen. Zumal schon allein das sichere Stehen am steilen Hang einem kleinen Kunststück gleicht. Das obere Bein angewinkelt, das untere durchgestreckt, werkeln die acht Skifahrer in Zweierteams, bis ihre Gesichter dampfen.

Was sie im Tiefschnee der Schweizer Berge oberhalb von Engelberg finden sollen: Transponder, also Lawinenverschüttetensuchgeräte, die sie auf Anweisung von Bergführer Nico Forrer zuerst selbst vergraben haben. Einer versteckt das Sendegerät im Schnee, der andere sucht es; übt dabei, wie die Daten, die auf dem Transponder im Empfangsmodus erscheinen, zu interpretieren sind. Und wie er sich mit Hilfe des Signals an einen Transponder im Sendemodus – und damit im Ernstfall, den er hoffentlich nie mitmachen muss, an einen Verschütteten, der diesen Sender trägt – immer weiter heranarbeiten kann. Bis er ihn gefunden hat und freischaufeln kann.

Über Gletscher auf der Freeride-Route

Sender verstecken, suchen, freibuddeln. Wieder und wieder lässt der Bergführer die Gruppe das üben. Bis Kraft und Kondition erstmal fast aufgebraucht sind. Dann heißt es Ski anschnallen und auf der Steinberg-Route zum Trübsee abfahren. 1275 Höhenmeter hat diese Freeride-Route insgesamt. Sie ist anspruchsvoll, führt im oberen Teil über den Gletscher, wo sich die ein oder andere Spalte auftut.

Auch Schaufeln im Team will geübt sein. Eine schweißtreibende Aufgabe, bei der Bergführer Nico Sporrer (gelbe Jacke) zeigt, was gute Kondition bedeutet. © Gudrun Bayer


Die außergewöhnlichen frühsommerlichen Temperaturen bereits im Februar haben außerdem dem Schnee zugesetzt. In manchen Passagen ist seine Deckschicht hart gefroren, in manchen Passagen ist er sulzig und schwer – und doch macht das Fahren abseits der Piste hier noch immer mächtig Spaß. Auch, weil der Bergführer die beste Spur nach unten aussucht. Powdern im Neuschnee kann schließlich jeder; jetzt, eine Woche nach dem letzten Schneefall, zeigt sich, wer technisch was drauf hat. Und das haben die Mitglieder dieser Gruppe.

Dabei haben sie sich erst am Morgen zufällig zusammengefunden. Acht Gäste des Wintersport-Ortes in der Zentralschweiz. Sechs aus Schweden, einer aus Luxemburg und einer aus Deutschland. Sie wollen lernen, sich im Gelände abseits der Piste sicher zu bewegen. Risiken abzuschätzen und Gefahren zu vermeiden. Und dann, wenn sie es doch mit einer Lawine zu tun bekommen, Leben zu retten.

Lawinenkunde bei einer Tasse Cappuccino

Drei Tage dauert der Kurs, den der Tourismusverband in Zusammenarbeit mit dem GO-IN-Sportshop unter dem Titel "Snow & Safety Days" mehrmals pro Saison anbietet. Für Gäste, die direkt in Engelberg wohnen, ist er kostenlos. Wer mitmachen will, muss fit sein, schwarze Pisten problemlos bewältigen können, außerdem Ausrüstung – LVS, Sonde, Schaufel und eventuell Lawinenairbag, Steigfelle und Tourenski – und den Skipass selbst mitbringen. 17 Teilnehmer sind es diesmal; Nico Forrer und sein Kollege Thomas Odermatt teilen sie unter sich auf in zwei Gruppen.

Los geht’s mit Theorie. Lawinenkunde bei einer Tasse Cappuccino im Restaurant auf halber Höhe zum Titlis. Es ist das anspruchvollere der beiden Engelberger Skigebiete, reicht bis auf 3028 Meter und eröffnet eine Freeride-Traumwelt. Steinberg, Steintäli, Laub, Sulz und Galtiberg – diese Routen kennt die Szene. Drüben am Brunni, dem anderen Skiberg, geht es gemächlicher zu. Dort, auf der Südseite, wartet dafür von der Brunnihütte hoch zum Schonegg auf 2040 Metern der "steilste Skilift der Schweiz". Ein Schlepper, bei dem man tunlichst nicht herausfallen sollte.

Dreharbeiten für Bolliwood

"Wer Freeriden oder Skitouren geht, muss gut planen", sagt Bergführer Nico Forrer. Wettervorhersage, Lawinenwarnbericht, Jahreszeit, körperliche Tagesform, all das muss in den Plan einfließen. "Und wenn man dann am Berg ist, muss man jederzeit bereit sein, den Plan zu ändern." Schließlich kann es wärmer werden als vorhergesagt. Vielleicht kommt unerwartet Wind auf. Oder es ist über Nacht sogar schon eine kleine Lawine abgegangen, hat die Situation vor Ort dadurch völlig verändert. "Wenn ihr im Lift sitzt, schaut euch die Gegend an. Den Schnee, das Gelände", sagt der 27-Jährige. "Ich liebe Skifahren, aber ich liebe es auch, abends nach Hause zu gehen."

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Spitze Berge, steile Hänge: Skifahren in Engelberg

Es gibt Skigebiete, die größer sind. Es gibt auch Skigebiete, die von Nordbayern aus deutlich näher liegen. Und es gibt Skigebiete, die preiswerter sind. Und doch ist Skifahren in Engelberg-Titlis allen Aufwand wert: Zum Beispiel wegen der beeindruckenden Bergkulisse. Wegen der Schneesicherheit. Und wegen der weiten, übersichtlichen Freeride-Hänge.


Forrer hält den Kurs auf Englisch. Viel Routine hat er darin, auch wenn ihm zwischendurch schon mal ein schwizerdütsches "guad isch" entwischt. Deutsche, Schweden, Briten, ein paar Russen und ganz viele Chinesen, Japaner und Inder als Gäste – das sorgt für internationale Stimmung in dem Bergort, in dem 4400 Menschen dauerhaft leben und den ein Benediktiner-Kloster prägt, das im nächsten Jahr 900. Geburtstag feiert. Wobei die Asiaten meist ohne Ski in Richtung Titlis-Gipfel pilgern. So mancher Bolliwood-Film wurde schließlich dort oben schon gedreht. Außerdem sorgt der Cliff Walk, eine mehr als 100 Meter lange Hängebrücke über einem Abgrund – laut Tourismusverband sogar die höchstgelegene Hängebrücke Europas –, für Abenteuergefühle.

Risiken bewusst machen

Den lässt Bergführer Nico mit seiner Gruppe allerdings rechts liegen und sucht den Adrenalinschub lieber am Hang. Nach dem Sicherheits-ABC am ersten Kurstag werden am zweiten die Tourenski angeschnallt und die Felle montiert. Ein kurzer Aufstieg zum Austesten, danach eine lange Abfahrt zum Genießen und Frei-Fühlen – trotz der Übungseinheiten, die der Guide einstreut. Mal wird ausprobiert, wie man im Team schaufelt, um einen Verschütteten zu befreien. Mal werden die umliegenden Hänge analysiert. Mal werden die Sonden ausprobiert. Und am Ende, tja, da heißt es dann, Ski abschnallen und tragen: Dort, wo eigentlich noch Schnee liegen sollte, kommen Steine und Waldboden durch. Und wieder dampfen die Gesichter.

Die Gruppe hat sich zusammengefunden, Nico Forrer kann Können und Kräfte der Teilnehmer jetzt gut einschätzen, kann an Tag drei an die Grenzen gehen, führt die Freeride-Einsteiger daher zum Abschluss auf eine längere Tour. Ob sie an das Gelernte denken, wenn sie wieder alleine unterwegs sind? Zumindest sind sich alle über eines einig: Der Kurs hat ihnen die Risiken bewusster gemacht. Und sie haben die Notfallausrüstung nicht nur dabei, sondern schon einmal ausprobiert. Das kann im Ernstfall den entscheidenden Zeitvorteil bringen. Einem Ernstfall, den sie hoffentlich nie mitmachen.

Mehr Informationen:

Engelberg-Titlis Tourismus AG 

Anreise:

Bahn: Von Nürnberg über Frankfurt und Basel bis Luzern. Danach mit der Zentralbahn in 40 Minuten durch abwechslungsreiche Landschaft und Schluchten hinauf nach Engelberg. Geht auch über Nacht. Dauer rund zwölf Stunden.

Auto: A 7 bis Bregenz, dann A1 über St. Gallen, Winterthur, Zürich, A4 über Luzern bis Engelberg. Dauer rund fünfeinviertel Stunden.

Flugzeug: Direktflug von Nürnberg nach Zürich. Von da per Bahn über Luzern. Dauer rund drei Stunden.

Günstig wohnen:

Spannort Inn: Einfache, schöne Zimmerausstattung. Konzept: Kauf dir an Service dazu, was du brauchst. Weinbar mit Selbstbedienung. www.spannortinn.ch/de

Luxuriös wohnen:

Hotel Waldegg: Viersternehotel oberhalb von Engelberg. Die exklusivsten Zimmer haben eine Sauna im Zimmer. Hauseigenes Thai-Restaurant. www.waldegg-engelberg.ch 

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