Dienstag, 15.10.2019

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So wie bisher können wir nicht mehr reisen

Schwere Zeiten stehen dem Tourismus ins Haus, die Branche muss sich ändern - 06.07.2019 07:24 Uhr

"Tourist: Deine Luxusreise ist mein tägliches Elend" hat ein Einheimischer an eine Wand des Park Güell in Barcelona gesprüht. © Josep Lago/afp


Wir Deutschen sind zwar so reise-erfahren wie nie – noch immer urlauben wir wie die Weltmeister. Doch zugleich werden wir immer kritischer und hinterfragen die Art, wie wir das tun.

Die jungen "Fridays for future"-Aktivisten stellen gerade die Reisebranche als Klimakiller an den Pranger. Nun quält viele die Flugscham, denn wenn sie fliegen, verschmutzen sie die Umwelt wie bei keiner anderen Form des Reisens. Und hat Tirol nicht recht, wenn es unangekündigt zur Ferienzeit Landstraßen sperrt, um den Strom gen Süden und zurück auf die Autobahn und somit aus den Dörfern an den Ausweichrouten zu verbannen? Warum demonstrieren Einheimische gegen Touristen? Weil ihre Zentren zu leblosen, überteuerten Museumsstädten verkommen, in denen Horden durch Kulissen latschen. Ist das, was wir im Urlaub zu sehen bekommen, überhaupt noch echt? Lernen wir wirklich noch andere Länder kennen, wie sie wirklich sind?

Wir sind innerlich zerrissen, regen uns über "die" Touristen auf und sind doch selbst welche.

Nebenbei gerät ein demokratisches Grundrecht in Gefahr: die Freiheit. Die definiert sich auch dadurch, dass wir, wann immer wir mögen, an jeden Ort der Welt gehen dürfen. Doch plötzlich stoßen wir damit an Grenzen. Haben wir den Bogen überspannt? Es sieht danach aus, wie die 30. Eichstätter Tourismusgespräche der hiesigen Universität zeigten. Dort diskutierten hochkarätige Experten der Branche gar die Frage: "Geht das touristische Zeitalter zu Ende?"

Jeden Brückentag verplanen wir für Kurztrips

Dass wir überhaupt reisen können, ist eine Errungenschaft technischer und sozialer Veränderungen wie schneller Verkehrsmittel und bezahltem Urlaub. Die trieben nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs auch die Massen in die Ferne.

Jahrzehntelang gab es nur Wachstum, Mallorca wurde zur "Putzfraueninsel", und noch immer verkünden die meisten Tourismusmanager unterm Strich steigende Zahlen. Zumal sich gerade in Asien neue, riesige Märkte erschließen, die alles in den Schatten stellen werden, was wir kannten.

Noch dürfen wir jede Menge Brückentage für Kurztrips einplanen – für frühere Generationen unvorstellbar. Doch die Expertenrunde in Eichstätt war sich sicher, dass wir in einer Umbruchzeit leben, dass der Tourismus am Scheideweg steht, dass es so nicht weitergehen kann.

Dabei reisen wir ja schon heute anders als noch vor 15 Jahren: Wir müssen im Urlaubsort keine Telefonzelle mehr suchen und hoffen, auch die richtigen Münzen dabeizuhaben. Wir verschicken keine Postkarten, sondern Live-Videos, die Beifahrer studieren nicht mehr bei brüllender Hitze Straßenkarten auf dem Schoß. Doch das waren marginale Veränderungen im Vergleich zu dem, was die Reisebranche heute beschäftigt.

Der Tourismus verschlingt seine Kinder

"Die Themen Nachhaltigkeit, Sicherheit, Klimawandel, Overtourism lassen vieles aus den Fugen geraten", konstatiert der Inhaber des Eichstätter Tourismuslehrstuhls, Harald Pechlaner. Und der römische Autor Marco d‘Eramo hat mit seinem preisgekrönten Buch "Die Welt im Selfie" die These aufgestellt, dass der Tourismus seine eigenen Kinder verschlingt. Er sagt, dass nicht die Touristen schuld an den Auswüchsen sind, sondern der Tourismus selbst. Die Menschen seien nur Konsumenten dessen, was die Manager anböten. Gutes Management sei also gefragt.

Doch um guter Geschäfte willen neigt der Tourismus zur Selbstzerstörung, was sich etwa in den Alpen zeigt: "Früher waren die Berge ab November leer, nun reisen gerade dann Millionen in Bettenburgen und nutzen hässliche Infrastruktur", sagt er. Das sei wie bei einem Fußballspiel: "Wenn einer aufsteht, um besser zu sehen, stehen erst die hinter ihm und schließlich alle auf – am Ende sieht keiner mehr etwas."

Gut beobachten lässt sich das in vermeintlich hochattraktiven Städten wie Venedig, Barcelona, Krakau, Amsterdam oder Dubrovnik. Die Zentren sind zu reinen Touristenorten verkommen. Die Einheimischen emigrieren und vermieten teuer ihre Häuser und Wohnungen an Urlauber. Statt Läden für den alltäglichen Bedarf finden sich nur noch Souvenirshops und Restaurants mit weichgespültem, auf bunten Schautafeln angepriesenem Essen. Schulen schließen, es gibt keine Kinder mehr, keine Kinos oder Clubs, nur noch eine Monokultur ohne Leben und Authentizität. Die Grenzen eines erträglichen Massentourismus sind dort längst überschritten. Die Bewohner protestieren.

Werden um Altstädte Mauern gebaut?

Doch soll man nun Mauern bauen? Einreisesteuern erheben? Dass es auch anders geht, weiß Geraldine Knudson von München Tourismus: "Wir verlieren alles, wenn wir die Bevölkerung nicht mitnehmen, wenn die lokale DNA verloren geht." Die Einwohner müssten sicher sein, dass die Diversität ihrer Stadt erhalten bleibt, sie nicht zur Monokultur wird. "Es muss so sein wie bei Gästen, die man sich nach Hause einlädt, ihnen ein gutes Essen kocht und dann mit ihnen plaudert. Und nicht, dass man billiges Bier und Fastfood serviert und sie dann in einer leeren Wohnung hocken lässt", betont sie.

Die Ramblas in Barcelona sind so ein Ort, wo sich die Touristen gegenseitig auf die Füße treten. Da muss man nicht mehr hin. © Andrea Warnecke / dpa


Der Linzer Tourismuschef Georg Steiner rät: "Früher musste alles dem Gast dienen. Heute muss es dem Gast und der einheimischen Bevölkerung dienen." Dazu gehöre es auch, dass geprüft wird, welches Bild einer Destination Fremdenführer eigentlich an Reisende vermitteln, ob sie etwa nur die gängigen Klischees bedienen. München zum Beispiel setzt nicht mehr auf Bier und Oktoberfest, sondern auf Kultur und zieht so erfolgreich eine anspruchsvollere Klientel an – weniger Urlauber lassen mehr Geld in der Stadt.

Eine Politik, die die negativen Entwicklungen jahrzehntelang gefördert hat, wurde etwa in Barcelona von den Wählern abgewatscht. Die neue Stadtspitze will sich die touristische Entwicklung nicht mehr aus der Hand nehmen lassen, setzt auf Nachhaltigkeit und erlässt entsprechende Gesetze – sie schränkt unter anderem die private Kurzzeitvermietung von Wohnraum via airbnb und Co. ein und belegt Vergehen mit harten Strafen. Vor allem aber reglementiert sie den Zugang zu den wichtigsten Sehenswürdigkeiten.

Steuern und die Bevölkerung einbeziehen

Denn durch schlaue Steuerung lässt sich der Overkill durch Massentourismus vermeiden. "Das war früher schwierig, doch die Digitalisierung erlaubt uns, die Interessen unserer Gäste abzufragen und die Touristenströme zu lenken", sagt Geraldine Knudsen.

Via App kann sie nun direkt die Gäste erreichen und ihnen Alternativen zu den überlaufenen Hot Spots anbieten. "Ihnen zum Beispiel sagen, dass sie nicht mit all den tausend Anderen um zehn Uhr das Glockenspiel am Marienplatz anschauen müssen, weil es auch andere Uhrzeiten und andere Sehenswürdigkeiten gibt."

Auch die Reiseveranstalter müssen umdenken und nicht mehr nur die klassischen Fixpunkte anbieten, die die meisten Reisenden einmal im Leben gesehen und abhaken wollen. Gerade in den so genannten Hidden Places – versteckten Orten also, die noch aufnahmefähig sind – lässt sich viel Überraschendes entdecken.

Wie im hübschen niederländischen Universitätsstädtchen Leiden, das kleiner, aber genauso schön ist wie das völlig überlaufene Amsterdam. Und die erste Flusskreuzfahrt-Reederei hat spitzbekommen, dass es sich lohnt, neben Regensburg und Nürnberg auch das mittelfränkische Roth anzusteuern und mit dem Bus noch eine Runde um den Rothsee zu drehen.

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