Lohnt sich ein Besuch in Katar?

Sport, Museen, Luxus: Ein Land baut sich seine Geschichte

4.9.2021, 08:35 Uhr
Zwischen Tradition und Moderne: Ein klassisches Boot vor der Skyline Dohas.

Zwischen Tradition und Moderne: Ein klassisches Boot vor der Skyline Dohas. © Sebastian Gloser

Die wahrscheinlich besten Argumente entstehen gerade erst. Überall sieht man in Doha Kräne, Bagger und Gerüste, die Stadionbaustellen stechen aber noch einmal heraus. In gut einem Jahr ist Katar Gastgeber der Fußball-Weltmeisterschaft – und auch wenn die Kritik nicht abreißt an der Vergabe und den Bedingungen, unter denen Arbeiter die Stadien errichten, werden sich wohl trotzdem viele Menschen nicht davon abhalten lassen, am Hamad International Airport nicht nur umzusteigen.

Bislang ist Touristen Doha vor allem als Drehkreuz zwischen Europa und Asien bekannt. Wer mit Qatar Airways nach Thailand, Indonesien oder Australien fliegt, steigt hier um. Die wenigsten verlassen dabei aber das Flughafengelände. Dabei lohnt sich ein Besuch in dem Land, das Besucher wieder hereinlässt - hier finden Sie stets die aktuellen Corona-Einreiseregeln für Katar.

Arabische Abziehbilder

Geht es nach Tamim bin Hamad Al Thani, dem Emir von Katar, ändert sich das in Zukunft. Seit Jahren versucht der Zwergstaat am Persischen Golf mit einer groß angelegten Werbekampagne, Urlauber für sich zu begeistern.

Sportveranstaltungen spielen in dieser Kampagne eine große Rolle, die Fußball-WM im Winter 2022 ist dabei lediglich der Höhepunkt. Nur: Lohnt sich das? Welche Anreize gibt es, das gut klimatisierte Flughafengebäude gegen die Hitze in den Straßen Dohas zu tauschen?

Wer die Abziehbilder aus der arabischen Welt sucht, der findet sie auch hier: einen Basar mit engen Gassen und Händlern, die duftende Gewürze wie Safran und Kreuzkümmel anbieten; ein Restaurant wie aus Tausend und einer Nacht mit Kronleuchtern und einem Mosaik aus bunten Steinen; und natürlich, vor der Stadt: Kamele, die stoisch ihre Reiter durch die Wüste tragen.

Wer genauer hinsieht, stellt allerdings schnell fest: Es handelt sich meistens um eine Kulisse, es sind künstlich geschaffene Kontrastpunkte in diesem Land, das innerhalb weniger Jahrzehnte aus dem Mittelalter in die Moderne katapultiert wurde.

Vor nicht allzu langer Zeit ein armes Land

Anfang des 20. Jahrhunderts lebten keine 30 000 Menschen in Katar. Sie zogen als Beduinen durch das karge Land, Geld konnten nur die Perlentaucher an der Küste verdienen. Wer nachts auf die bunt erleuchtete Skyline von Doha blickt, wer eine der riesigen Shoppingmalls betritt oder in einer der schicken Metrolinien fährt, der kann kaum glauben, dass die Bevölkerung noch vor Hundert Jahren in großer Armut lebte.

Wer wissen will, wie der Alltag in Doha aussah, bevor 1939 die ersten Ölvorkommen und 1971 das größte Erdgasfeld der Welt entdeckt wurde, der muss Saad Ismail Al Jassim besuchen. Sein kleiner Laden steht am Eingang des Souk Wakif. Der älteste und größte Markt Dohas brannte 2003 nieder und wurde in Rekordzeit wieder aufgebaut.

Wer wissen will, wie es früher war, muss Saad Ismail Al Jassim besuchen.

Wer wissen will, wie es früher war, muss Saad Ismail Al Jassim besuchen. © Sebastian Gloser

87 Jahre ist Al Jassim alt und einer der letzten Zeugen davon, dass die Kataris nicht schon immer im Überfluss gelebt haben. Auf einem Foto an der Wand ist er als junger Mann zu sehen. Er trägt einen Umhang aus Leopardenfell und war als Bodybuilder eine Berühmtheit. Als er noch etwas jünger war, tauchte er nach Perlen.

Die Geschichte, wie entbehrungsreich diese Arbeit war, der fast alle Jungen seiner Generation nachgingen, ist neben den Perlenketten heute wiederum sein bestes Argument, um Touristen in den Laden zu locken. "The Old Pearldiver" steht auf dem Schild über der Tür, der alte Perlentaucher. Mit einem Stein am Fuß und einer Klammer auf der Nase stürzte er sich weitgehend ungeschützt vor Sonne und Salzwasser monatelang bis zu Hundert Mal am Tag in die Fluten, um nach den versteckten Schätzen in den Muscheln zu tauchen. Bevor man in Asien und Europa die Zuchtperle entwickelte, handelte es sich um Katars nahezu einziges Exportgut. "Man findet auf dem Meeresgrund immer noch welche", sagt Saad Ismail Al Jassim, "aber die Leute haben heute keine Geduld mehr."

Zeitvertreib für Reiche

Heute erinnert noch ein Denkmal am Corniche, der langen Küstenpromenade von Doha, an diese Zeit. Die Perle gehört zum Gründungsmythos des modernen Katars, wahrscheinlich auch, weil sie sich als Symbol geschmeidiger vermarkten lässt als Öl und Gas. Im Norden der Stadt haben die Ungeduldigen eine aufgeschüttete Insel nach ihr benannt. Architekten errichteten auf "The Pearl" ein Venedig in Miniatur, sogar eine Kopie der berühmten Rialto-Brücke gibt es.

Die Herrscher des kleinen Golfstaates haben längst erkannt, dass es sich lohnen könnte, sich nicht ausschließlich auf den Export fossiler Rohstoffe zu verlassen. Die aufgeschütteten Inseln, die überdimensionierten Einkaufszentren oder die teuren Restaurants sollen einerseits den Einheimischen möglichst viel Abwechslung bieten, andererseits die Reisenden aus dem Flughafen locken. Wie in den benachbarten Emiraten Dubai oder Abu Dhabi, die einst auch nur kleine Perlentaucher-Dörfchen waren, richten sich die meisten Angebote an die, deren Bankkonto etwas mehr Spielraum lässt.

Beeindruckende Museen

Wer wissen will, womit sich die wohlhabendsten Männer die Zeit vertreiben, besucht den Falken-Basar, die Kamel-Rennbahn Al Shahaniya oder Al Shaqab, das Gestüt, in dem einige der teuersten Pferde der Welt im Stall stehen. Wobei „Stall“ eine Untertreibung ist für den Stadtteil, den der frühere Emir in Form eines Hufeisens hat anlegen lassen. Neben dem hochmodernen Stadion für Turniere sind rund 900 Pferde untergebracht, das Heu wird aus den USA importiert, 300 Mitarbeiter kümmern sich ausschließlich um das Wohl der Tiere.

Wer keine Zeit für die Ruinen der Küstenstadt Al Zubarah hat, die auf der Weltkulturerbe-Liste der Unesco stehen, der kann eines der Museen besuchen, der Eintritt ist vergleichsweise günstig. Hier hat Doha gleich zwei zu bieten, die sowohl von außen als auch von innen beeindrucken. Das Museum für Islamische Kunst wurde 2008 eröffnet und bietet anhand von Fundstücken eine Reise durch die arabische Geschichte. Das multimediale Nationalmuseum wiederum wurde von Star-Architekt Jean Nouvel im Stile einer Wüstenrose gestaltet und verdeutlicht, dass das Land gerade erst dabei ist, eine eigene Geschichte zu entwickeln.

Mehr Informationen:
DER Touristik, www.dertouristik.com, Tel.: 0 69 / 1 53 22 55 33, die die Reise unterstützt haben.

Anreise:
Mit Qatar Airways ab München oder Frankfurt in fünfeinhalb Stunden.

Beste Reisezeit:
Im Winter: Von November bis März fallen die Temperaturen in Katar auf unter 30 Grad, zwischen Mai und Oktober steigt das Thermometer gerne mal auf deutlich über 40 Grad, hinzu kommt die Luftfeuchtigkeit, die einen Alltag außerhalb klimatisierter Gebäude nahezu unmöglich macht.

Keine Kommentare