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St. Johann in Tirol: Einkehr-Tipps für Winterurlaub

Der Tiroler Ort ist das entspannte Gegenteil zum Nachbarn Kitzbühel - 25.02.2020 10:52 Uhr

Die eingeschneite Stanglalm mit Blick zum Wilden Kaiser. © Matthias Niese


Langsam werden die Zehen kalt, die Oberschenkel machen schlapp vom Carven. Die Jacke ist klamm, die Skibrille beschlagen, der Helm verschwitzt. Nach drei Stunden Auf- und Ab im Lift und auf der Piste ist es Zeit für einen Einkehrschwung. Rechts ab, ein Stück schräg über den Hang liegt die Hütte der Baßgeiger-Alm auf einer dick eingeschneiten Wiese mit grandioser Aussicht auf den Wilden Kaiser. Die Skistiefel abgeklopft, dann geht’s hinein in maximale alpine Heimeligkeit.

Am Kachelofen wärmen wir uns auf und schnabulieren was Feines, die ganzen Klassiker wie Kaiserschmarrn, Kaspressknödelsuppe, Tiroler Gröstl oder Apfelstrudel stehen auf der Karte. Wer mag, bestellt sich ein Bier oder einen heißen Kakao, die Kinder wollen ihr Skiwasser. Die klammen Jacken hängen am Ofen, jeder ist per Du, und schnell sind mit den Fremden am Tisch ein paar Neuigkeiten ausgetauscht.

St. Johann in Tirol: Keine immer gleichen Alpenrestaurants

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St. Johann in Tirol: Volle Hütten und Familienskifahren

Der Wintersportort steht im Schatten des nahen Kitzbühels, hat aber einen ganz anderen Charakter. Hier gibt´s kein Blingbling und Schischi, hier geht´s gemütlich und familiär zu. Und es gibt so viele Hütten wie sonst fast nirgends.


Es soll ja Leute geben, denen ist das Skifahren an sich schon genug. Und es gibt Skigebiete (vor allem auf manchen Gletschern), da finden die Urlauber lediglich perfekt organisierte Großgastronomie – für den normalen Geldbeutel mit Selbstbedienung und langen Anstellzeiten und für den dickeren Geldbeutel auch mit Bedienung. Doch den abwaschbaren, immer gleichen Alpenrestaurants aus der Retorte geht die alpine Atmosphäre ab, die sie mit ein paar hölzernen Requisiten zu inszenieren versuchen.

Wir hingegen freuen uns aufs Skifahren und mindestens genauso auf eine zünftige Einkehr, am allerliebsten natürlich auf einer Sonnenterrasse mit Blick in die Berge. Den Rücken angelehnt an die Holzschindeln einer Hüttenwand, wo die Wirtsfamilie noch selbst kocht und bedient. Von denen haben sie in St. Johann in Tirol so einige (siehe unsere Hüttentipps unten).

Insgesamt 20 von Familien bewirtschaftete Hütten und Berggasthäuser stehen im Schnitt alle zwei Kilometer an den Pisten des insgesamt 43 Kilometer großen Familienskigebiets SkiStar St. Johann unterhalb des Kitzbüheler Horns. Der berühmte Nachbarort liegt auf der anderen Seite des Berges.

St. Johann: Historisches Zentrum statt Bling-Bling

St. Johann gehört zum Bezirk Kitzbühel, doch obwohl es nicht Stadt, sondern nur Markt ist, ist es inzwischen sogar größer als die berühmte Bezirkshauptstadt. Und hat einen ganz anderen Charakter. In Kitzbühel ist das benerzte Publikum bereit, für ein Achtel besseren Allerweltswein zehn Euro zu zahlen, in der Einkaufsmeile finden die Gäste Luxusshops aus aller Welt.

St. Johann ist das hübsche Örtchen der Einheimischen geblieben, mit einem normalen historischen Zentrum voller Geschäfte, Cafés, Metzgereien und Bäckereien, mit der Familienbrauerei Huber und einem modernen Spaßbad für Jedermann, das die Gäste vieler Hotels kostenlos besuchen können.

Das Skigebiet hat nur eine einzige bis in den späten Abend geöffnete Apres-Ski-Bar, normale Preise und richtet sich mit seinen meist breiten Pisten vor allem an Familien und Genussfahrer. Die steigen an drei Talstationen ein und schaukeln sich etwa von Eichenhof über Harschbichl bis Penzing bei Oberndorf stets über den 1604 Meter hohen Harschbichl, einem Vorsprung unterhalb des Felskranzes des von einem Funkturm gekrönten Kitzbüheler Horns.

Auch Tourengeher sind im Skigebiet willkommen

Innen hat Stanglalm-Wirt Sepp allerlei Krimskrams gesammelt. © Matthias Niese


Noch vor ein paar Jahren sah es nicht so gut aus im Skigebiet. Es gab einen Investitionsstau, Schlepplifte fuhren teils vom Tal hinauf. Doch dann kamen Nordmänner, kauften die in die Jahre gekommenen Anlagen, investierten viel Geld in neue Lifte und Infrastruktur und machten SkiStar zum einzigen schwedischen Skigebiet außerhalb Skandinaviens, wie sie hier witzeln.

Noch eine Besonderheit: Tourengeher sind in St. Johann willkommen. Während sie andernorts als Schmarotzer gesehen werden, die ohne zu zahlen am Pistenrand aufwärts laufen, um dann abzufahren, verlangt St. Johann symbolische drei Euro und weist den Tourengehern mit einer ausgeklügelten Beschilderung den Weg. Manche Hütte lädt sogar zweimal in der Woche zu Tourengeher-Abenden, an denen es sicherlich maximal alpin-gemütlich zugeht.

Einkehr-Tipps in St. Johann von der Skilehrerin

Niemand kennt die Hütten St. Johanns besser und weiß, was wo super schmeckt als örtliche Skilehrer. Hier die persönlichen Tipps von Lissi von der Schneesportschule Eichenhof:

Harschbichl: Die urige Hütte ist ihr Favorit, sie liegt ganz oben auf etwas über 1600 Meter, direkt davor endet die Bergbahn Skistar Harschbichl. Der nette Wirt Hans serviert laut Lissi die beste Kaspressknödelsuppe und den besten Apfelstrudel.

Blick in die Angerer-Alm. © Matthias Niese


Angerer-Alm: Ein Stück über der Harschbichl Mittelstation liegt dieser einst höchste Bauernhof St. Johanns auf gut 1200 Metern. Chefin ist Annemarie Foidl, die unter dem 250 Jahre alten Hüttenboden vor 30 Jahren einen Weinkeller einrichtete. Die Sommelière lagert hier 4000 Flaschen mit über 400 verschiedenen Etiketten, bevorzugt aus Österreich, Südtirol und Deutschland, "aber ganz ohne Bling-Bling wie in manchem Schickimicki-Ort", betont sie und serviert im Dirndl selbstgemachte Schlipfkrapfen mit zerlassener Butter und Parmesankäse und eine deftige St. Johanner Suppenschüssel. Wer mag, bekommt Huber-Bier aus der örtlichen Familienbrauerei.

Stanglalm: Auf 1460 Höhenmetern auf der Oberndorfer Seite des Skigebiets regiert der Sepp, das Urgestein im Ort und ein echtes Original mit weißem Bart und Lederhose. Die Hütte mit ihrem grünen Kachelofen bezeichnet sich auch als Tiroler Wirtshaus – Sepps Frau Therese macht super Kuchen und Strudel, legendär sind die Bergnocken und das Almererschnitzel. Und die Aussicht auf den Wilden Kaiser ist grandios.

Baßgeigeralm: Etwas abseits der Piste, aber den Einkehrschwung unbedingt wert ist diese über 700 Jahre alte Hütte auf 1050 Metern Höhe. Der neue Pächter führt die Tradition fort und serviert Tiroler Spezialitäten an einem gemütlichen Ort, an dem auch zur Hauptsaison selten Trubel herrscht.

Hirschberg: Hier gibt’s durch die Bank sehr gute traditonelle Tiroler Küche. Der Gasthof liegt auch für Familien mit Kindern gut erreichbar an blauen Pisten im unteren Teil des Skigebiets und serviert nach Lissis Meinung den besten Kaiserschmarrn von St. Johann. Außerdem hat er genau im Süden auf einer Art Plateau die sonnigste Terrasse mit Bergblick.

Mehr Informationen:
St. Johann in Tirol
www.kitzalps.cc
sowie
Schneesportschule Eichenhof
www.schneesportschule-eichenhof.at
Anreise:
Mit dem Auto ab Nürnberg knapp 300 Kilometer in 3 Stunden. Mit dem Zug ab 3 Stunden 20 Minuten mit zwei Umstiegen.
Luxuriös wohnen:
St. Johanner Hof
www.familienhotels-stjohann.com
Günstig wohnen:
Pension Eppensteiner
www.eppensteiner-pension.at
Beste Reisezeit:
Ganzjährig, Skisaison von Ende November bis April.

Redaktioneller Hinweis:
Die Recherche für manche Artikel auf diesen Seiten wurde von Reiseveranstaltern, Hotels, Fluglinien oder Tourismusverbänden unterstützt. ​Informationen des Umweltbundesamts über die Möglichkeit, den CO₂-Ausstoß Ihrer Reise zu kompensieren:
www.umweltbundesamt.de/themen/freiwillige-co2-kompensation

 

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