So klingen die Berge

Stars unter Gipfeln: Das Trentino spielt auf

22.5.2021, 12:35 Uhr
Was für ein Erlebnis: Sänger auf einer der schönsten Natürbühnen, die man sich denken kann. Hier wird der Barbier von Sevilla gesungen.

Was für ein Erlebnis: Sänger auf einer der schönsten Natürbühnen, die man sich denken kann. Hier wird der Barbier von Sevilla gesungen. © e-arc-tmp-20210512_100139-2.jpg, NNZ

Italo Menabace ist in seinem Element. Mit ausladenden Armbewegungen demonstriert der 56-Jährige, wie die Gletscher einst die Landschaft hier geformt haben. Dann zeigt er auf das alleinstehende Felsmassiv, das sich rechts vom Schotterpfad markant erhebt und aussieht, als sei ihm die Spitze abgeschnitten worden. Ein Berg wie ein Backenzahn. "Da oben hast du eine wunderbare Aussicht. Und eine Grasfläche, da kannst du Fußballspielen," sagt Menabace.

Dieser Berg – der Monte Peller, Hausberg von Cles, der größten Ortschaft im italienischen Nonstal – ist allerdings heute eigentlich nur Nebensache. Eine Randerscheinung auf dem Weg zur Hochebene Pian della Nana. Und damit auf dem Weg zu einer ungewöhnlichen Veranstaltung. Hier, auf 2030 Metern Höhe wird heute eine Oper aufgeführt. Der Barbier von Sevilla, komponiert von Gioachino Rossin. Eine Oper in Kurzfassung allerdings, denn rund um den Monte Peller hängen dunkle Wolken am blauen Augusthimmel. Und eine Chance, hier oben bei einem Regenguss trocken zu bleiben, geht gegen Null.

Kostenlose Oper in den Dolomiten

Um dem Regen zu entgehen, wurde die Veranstaltung kurzfristig um eine Stunde vorverlegt. Aber das Wetter ständig zu beobachten und spontan darauf zu reagieren sind die Macher und die Besucher des Musikfestivals "I Suoni delle Dolomiti" - "der Klang der Dolomiten" - gewohnt. Das macht schließlich einen Teil des Reizes dieser Veranstaltungsreihe aus, die in normalen Jahren von Juni bis August Musiker verschiedenster Nationalitäten und verschiedenster Stilrichtungen an unterschiedlichen Orten in den Dolomiten präsentiert. Kostenlos und ohne Ticket. Und die 2021 schon zum 26. Mal stattfindet, diesmal etwas später und nur einen Monat lang - was sich 2022 wieder ändern könnte. Einmal, 2020, musste es ausfallen.

Zum 25. Geburtstag gehörte erstmals eine Oper zum Programm. Das Ensemble "Musica a Palazzo" - das sich grundsätzlich zum Ziel gesetzt hat, Opern an ungewöhnlichen Orten aufzuführen, und damit einem neuen Publikum zu erschließen - ließ sich auf die Herausforderung ein. Und damit auf das Risiko, bei der dünnen Luft auf 2000 Metern Höhe sich plötzlich mit einem dünnen Stimmchen zu blamieren.

An die 1000 Zuhörer, darunter viele junge Pärchen und Gruppen, machten sich auf die Wanderung hoch zur Pian della Nana, um das Experiment zu beobachten. Zogen mit Rucksack und teils Wanderstöcken vorbei an Silberdisteln, die im Magerrasen prächtig gedeihen, Kühen, die den Weg versperrten, einer zutraulichen Pferdeherde und einer improvisierten Espressobar, die vor der Tassulla-Alm aufgebaut worden war. Und wer wollte, konnte für den Hochweg einen Bergführer buchen, um sich Wissen über die Landschaft und die Region anzueignen. Einen Bergführer wie Italo Menabace.

Das Umkleiden als Teil der Darstellung

Die Premiere gelang. Die Stimmen der vier Sänger waren voll. Mangels vorhandener Umkleide bauten sie das Anlegen der Kostüme und Perücken in ihre Vorführung mit ein. Ebenso wie das Echo, das ab und zu vom Monte Peller zurückgeworfen wurde. Das überwiegend italienische Publikum – das im Vergleich zu deutschem Publikum den Vorteil hat, den Text zu verstehen, selbst wenn es ihn nicht kennt - klatschte immer wieder begeistert Beifall.

Und am Ende der eineinhalb Stunden war auch noch Zeit für das ein oder andere Selfie und sogar ein Pläuschchen mit den Sängern und der Regisseurin. Dann kam tatsächlich der vorhergesagte Regen – und nur die schnelleren Bergwanderer unter den Musikfans kamen einigermaßen trocken ins Tal.

Tolle Wandergebiete in der Nähe

Aber auch unabhängig vom Konzert sind Nonstal und Val di Sole lohnende Wandergebiete – ob rund um die Wasserfälle des Naturparks Stilfserjoch, am Mendelpass oder im Naturpark Adamello-Brenta. Wer Abkühlung braucht, findet sie im Stausee Santa Giustina, im Felixer Weiher oder im Tovel See. Und wen das ein oder andere Zipperlein plagt, der kann im Thermalzentrum des Rabbi-Tals auf Linderung hoffen. Das Wasser dort enthält eine sehr hohe Kohlensäurekonzentration, außerdem Eisen und Schwefel. Seine heilende Wirkung wurde bereits im 17. Jahrhundert entdeckt.

Noch ein Jahrhundert früher wurden die "Bagni die Pej" ein Seitental weiter zum ersten Mal erwähnt. Das Mineralwasser aus dem Pejo-Tal wird jedoch nicht nur zum Baden genutzt, sondern wird in Flaschen abgefüllt und ist überall in der Region zu kaufen.

Das komplette Festivalprogramm 2021 finden Sie unter dem folgenden Infoanhang.

Mehr Informationen:

Musikfestval "I Suoni delle Dolomiti":
www.visittrentino.info/de/die-klange-der-dolomiten
Tourismusagentur Val di Non, www.visitvaldinon.it/de, Tel.: 00 39 04 63 83 01 33
Tourismusagentur Val die Sole, Tel.: 00 39 04 63 90 12 80
Trentino Marketing, www.visittrentino.info/de, Tel.: 00 39 04 61 21 93 00, die alle drei diese Reise unterstützt haben.

Anreise:
Mit dem Auto ab Nürnberg über Reschenpass oder Brenner bis Bozen. Von dort über Mendelpass. Oder weiter auf der Autobahn bis kurz vor Trient und das Nonstal hoch. 520 Kilometer in etwa sechs Stunden. Mit dem Zug Umstieg in München bis Trento in sechs Stunden, dann mit der Nonstalbahn nach Cles.

Günstig wohnen:
Agritur Anselmi, www.agrituranselmi.com, Tel.: 00 39 04 63 90 00 81

Luxuriös wohnen:
Monroc Hotel, www.monroc.it, Tel.: 00 39 04 63 73 50 00

Das konkrete Festival-Programm 2021

Ab dem 23. August kehrt das Festival Die Klänge der Dolomiten in die Berge des Trentino, die zum UNESCO Weltnaturerbe gehören, zurück. Seit sechsundzwanzig Jahren wird die malerische Gipfelwelt des Trentino zur Kulisse für musikalische Highlights, wobei die Kunst und Natur in Einklang gebracht werden. Die Wanderung starten die Musiker und ihr Publikum, bestehend aus Wanderern, über die Wanderwege hinauf zu Senken und Wiesen, Lichtungen und Gipfeln, wo dann meist am frühen Nachmittag die Klänge der Instrumente mit der umgebenden Landschaft in einen Dialog treten. Die Musiker nutzen die Umgebung für ihre musikalischen Werke, beispielsweise in dem sie das Echo einbauen und die Klänge von den Windböen tragen lassen. Besonders im Sommer sprühen die Konzerte einen ganz besonderen Zauber.

Nach der Vorpremiere Mitte Juli umfasst der eigentliche Veranstaltungskalender im Zeitraum vom 23. August bis zum 24. September eine Reihe von Aufführungen, bei denen der Farbwechsel der Berge landschaftliche Eindrücke bietet wie zu kaum einer anderen Zeit des Jahres sichtbar ist. Einen Vorgeschmack auf die Atmosphöre gibt es bereits bei der Eröffnung am 15. Juli am Passo Lavazè, im grünen Val di Fiemme, dass seit Jahrhunderten für den Geigenbau unter Verwendung des daher stammenden Fichtenholzes gilt. Aufgrund des Sturmes Vaia, der im Jahr 2019 über verschiedene Alpengebiete hinwegfegte, wurden zahlreiche Weiden und Tannenwälder zerstört. Inzwischen ist hier ebenso deutlich zu erkennen, wie sehr die Menschen sich für die Wiederherstellung des Waldes bemüht haben. Die enge Verbindung zwischen der Natur und den Einwohnern sowie der Einsatz der Menschen zur Erhaltung eines ökologischen Gleichgewichts im Alpengebiet ist bei einem Besuch zu spüren.

Inspiriert von diesem Engagement ist die Wahl des ersten Konzerts: I Solisti Aquilani auf die Vier Jahreszeiten von Vivaldi gefallen. Die Musiker möchten zum Ausdruck bringen, wie eng Mensch und Natur verbunden sind und dass das, was durch äußere Einflüsse zerstört wurde, wieder aufgebaut werden kann.

Am Montag, dem 23. August geht das Festival dann richtig los, wenn auf den Almwiesen der Malga Canvere im Val di Fiemme einer der international renommiertesten Geiger der Welt, Gidon Kremer, seinen Auftritt hat. Er wird begleitet von der Kremerata Baltica: eine Hommage an Astor Piazzolla, dessen 100. Geburtsjahr 2021 gefeiert wird.

Ein weiteres Highlight in diesem Jahr ist der Auftritt einer der renommiertesten Musikerinnen: Antje Weithaas wird im Schatten der Pale di San Martino auf den Wiesen von Prati Col am 25. August mit ihrem interpretatorischen Feingefühl mit dem Stück von Johann Sebatian Bach und Ysaÿe auftreten. Sie ist bekannt dafür, dass sie ein breites musikalisches Repertorire, vom 18. Jahrhundert bis in die Gegenwart, beherrscht.

Am 27. August gibt Carlos Gardel, mit der Tangomusik von Piazzolla den Auftakt in Buffaure im Val di Fassa an. Nach seinem Konzert folgt Lionel Suarez, der sich mit dem Cellisten Vincent Segal, dem Schlagzeuger Minino Garay und der Jazztrompeterin Arielle Besson zum Quartetto Gardel zusammengetan hat.

Das diesjährige Festival sieht verschiedene Veranstaltungen zu Ehren großer Musiker vor. Keinesfalls fehlen dürfte da natürlich Ludwig van Beethoven, dessen 251. Geburtstag in diesem Jahr gefeiert wird: Auf der Panoramaterrasse des Col Margherita im Val di Fassa, von der aus den Besuchern eine herrliche Aussicht auf gleich mehrere Dolomitengruppen bietet, kann am 6. September gemeinsam mit den Musikern der Sonnenaufgang bewundert werden. Die Hommage bewegt sich auf den Noten der als "Pastorale" bekannten Sinfonie Nr. 6 und legt den Schwerpunkt auf das Thema Natur, wobei die Musik erzählerisch von einem Text von Sandro Cappelletto, der ein ungewöhnliches Bild von Beethoven aus der Sicht seines Neffen Karl zeichnet, begleitet wird. Um die ersten Sonnenstrahlen mit dem Klang ihrer Instrumente zu begrüßen, wird das Lyskamm Quartett, begleitet von Sara Marzadori an der Violine und Paolo Bonomini am Cello, spielen.

Am 3. September werden die Bombasel-Seen zu einer einmaligen Bühne für die Riot Jazz Brass Band, die direkt aus der lebhaften, multikulturellen Musikszene Manchesters in die Dolomiten eintrifft. Die neunköpfige Formation, bestehend aus drei Trompeten, drei Posaunen, Schlagzeug, Sousaphon, und dem Frontmann MC Chunky, verspricht mit ihrer Musik mitreißenden Rhythmen eine ansteckende Leidenschaft für das Leben, die Natur und das Menschsein.

Die Bühne wird auch den jüngeren und bereits etablierten internationalen Künstlern zur Verfügung gestellt. Dazu zählen Nicolas Van Kuijk (Violine), Sylvain Favre-Bulle (Violine), Emmanuel François (Bratsche) und Anthony Kondo (Cello). Die Musiker haben mit dem 2012 in Paris gegründeten Van Kuijk Quartett bemerkenswerte Erfolge verbucht und Auszeichnungen erhalten, darunter den ersten Preis bei der "Wigmore Hall International String Quartet Competition" in London, den ersten Preis und Publikumspreis beim Kammermusikwettbewerb in Trondheim (Norwegen), und den Siegertitel beim französischen Wettbewerb "Fnapec-Musiques d’Ensembles". Das Konzert, das am 15. September vor der herrlichen Kulisse der Roda de Vael im Val di Fassa stattfindet, sieht ein Programm mit Stücken von Edvard Grieg und Felix Mendelssohn vor.

Am 22. September folgt der Auftritt des Chors Coro Sasso Ross, der seit fünfzig Jahren für die musikalische Interpretation des Alpenraums als Volksmusik des Trentino bekannt ist. Der Chor wird gemeinsam mit den Virtuosi Italiani, einem klassischen Ensemble, das auf den bedeutendsten Bühnen Italiens zu Hause ist, auftreten. Bei dem Auftritt lassen sich die Künstler von Arturo Benedetti Michelangeli inspirieren: der große Maestro und fingerfertige Pianist hat zahlreiche Kompositionen für Bergchöre komponiert, die zum Repertoire des Vokalensembles aus dem Val di Sole gehören.

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