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Südfrankreich: Qualität statt Masse

Küstenorte wie Argelès-sur-Mer erfinden sich gerade neu - 05.10.2019 08:00 Uhr

Das hübsche Collioure ist in der Saison tagsüber völlig überlaufen. © Roland Englisch


Die Geschichte des Ortes versteckt sich hinter den Häusern. Findig, wie die Katalanen sind – die leben übrigens auch im Südwesten Frankreichs im Roussillon rund um Perpignan – haben sie die alten Festungsmauern von Argelès-sur-Mer kurzerhand in ihre Gebäude integriert. Stabiler, das ist sicher, lässt sich kaum bauen.

Seit Jahrhunderten leben sie hier, das Meer im Blick, die Pyrenäen im Rücken. Es war ein strategischer Ort an der Grenze zwischen Muslimen und Christen, an der Grenze von Fürstentümern und Königreichen. Das ist lange her. Aber wer mit Bernard durch das kleine Städtchen streift, der kann sie entdecken, die Hinweise: die Museen, die Mauern, den Kirchturm, in dem das Steueramt residiert hat, darüber die Glocken und darüber der Ausguck.

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Argelès-sur-Mer - ein Ort erfindet sich neu

Zwischen den Pyrenäen und dem Mittelmeer gelegen, hat Argelès-sur-Mer eine bewegte Geschichte hinter sich. Ven zentraler strategischer Bedeutung im Mittelalter bis zur Partyhochburg in den 1980ern hat das kleine Städtchen wilde Zeiten durchlebt. Heute sucht die katalonische Stadt nach einer neuen Rolle zwischen gutem Wein, hervorragendem Essen und einem entschleunigten Tourismus, der nicht auf die Masse zielt.


Bernard kennt die Geschichten zur Geschichte. Und er weiß, dass sich Argelès-sur-Mer gerade wieder neu erfindet. Der Ort liegt ein wenig oberhalb des Meeres, nicht weit entfernt von Perpignan und gut zwei Autostunden von Barcelona. Einst war die Lage ein Segen. Im Frühjahr überschwemmten Regen und Schneeschmelze das weite Delta unterhalb des Ortes, verwandelte es in ein sumpfiges, aber fruchtbares Gebiet. Heute regeln Dämme das Wasser; die letzte Flut liegt Jahrzehnte zurück.

Pierre-Jean Salvodelli baut Wein an, Oliven, Obst. Er ist ein Mann von ansteckender Fröhlichkeit. © Roland Englisch


Argelès-sur-Mer hat sich, wie so viele Orte entlang der Küsten, dem Meer zugewandt. Wo früher ein paar Holzhütten standen, stehen heute Ferienhäuser und Restaurants. Schön anzuschauen. Aber austauschbar. Die Campingplätze, fast alle in der Luxusklasse angesiedelt, liegen unweit des kilometerlangen Strandes. Hier pulsiert vor allem im Sommer das Leben, wummern die Clubs und Discos. Pierre-Jean Savoldelli kennt die Camper. Mittags kommen sie auf sein Weingut, kaufen seinen billigen Wein, keine drei Euro der Liter, abgefüllt in Kanister. So war das immer, so hätte das immer weitergehen können. Pierre-Jean aber war das zu eintönig. Also hat er umgesattelt, die Genossenschaft verlassen und sich auf eigene Beine gestellt.

Oliven, Kirschen und Pfirsiche

Heute gehört die Domaine Saint Thomas zu den klangvollen Namen in Argelès-sur-Mer. Savoldelli hat nach und nach die Felder und Wiesen benachbarter Bauern aufgekauft, hat seinen Weingarten ausgebaut, Oliven gepflanzt, Kirschen, Pfirsiche, Pflaumen. Der gebürtige Toulouser fand seine Erfüllung bei seiner katalanischen Frau, seinen vier Kindern. Und in seinen Weinbergen.

Seit er auf Qualität umgestellt hat, brummt das Geschäft. Seine teuersten Weine gehen für 48 Euro über den Tisch, sein Obst, seine Oliven verkauft er im eigenen Laden. Wer interessiert ist, den führt er mittwochs durch seine Obsthaine und seine Weinberge, Picknick inklusive.

Enthusiasten betreiben kleine Kioske, die eher Restaurants sind denn schnöde Imbissbuden. © Roland Englisch


Auf Leute wie ihn baut Argelès-sur-Mer seine Zukunft auf. Nicht mehr Massentourismus, sondern gepflegter Urlaub. So nachhaltig, wie es eben geht. Die Restaurantbesitzer haben verstanden und ziehen mit. Drunten in Le Racou setzen sie auf regionale Produkte. Muscheln und Fisch von den Fischern nebenan im Hafen, Oliven, Gemüse, Fleisch von den Bauern aus der Gegend. Zu jedem Gericht können die Kellner aufsagen, woher die Zutaten stammen. Zu jedem Gericht, bedauerlich genug, empfehlen sie Orange-Wein, ein Trend, der auch Argelès-sur-Mer erfasst hat, obwohl es doch in der Gegend exquisite Weine gäbe.

Frédéric gehört zu jenen, die liefern können. Vor fünf Jahren hat der heute 34-Jährige seine Karriere als Schauspieler aufgegeben und ist auf den Hof seines Vaters im Hinterland von Argelès-sur-Mer gezogen. Ihn hat entsetzt, wie die Menschen mit Nahrungsmitteln umgehen, wie die Landwirtschaft die Natur malträtiert. Heute pflanzt er Oliven an, Zitrusfrüchte, Kaktusfeigen, Granatäpfel. Es sind weite Flächen, die er bewirtschaftet, ohne Chemie, im Einklang mit der Natur.

Wilder Lauch säumt den Weg

Ludovic wäre begeistert. Zweimal in der Woche führt er Touristen durch die Landschaft hinter Argelès-sur-Mer, etwa den felsigen Weg hinüber nach Collioure, einem Dorf, das so ganz anders ist als Argelès-sur-Mer. Wer sich auf ihn einlässt, der wird schnell entschleunigt. Immer wieder bleibt Ludovic stehen, zupft Blätter ab, zerreibt sie, lässt daran riechen, erklärt, schwärmt. Wilder Lauch und Minze säumen den Weg, Thymian, Fenchel, Imortellen, dazu Korkeichen und Eukalyptusbäume, ein Festival der Aromen und Farben.

Collioure – der Ort ist unfreiwillig das Gegenteil von dem, was Argelès-sur-Mer werden will. Pittoresk auf Felsen gelegen, zieht das malerische Städtchen die Touristen in Massen an. Wer nicht frühmorgens mit dem Auto kommt, findet auf Stunden keinen Parkplatz. Dann ist das Hafenstädtchen nur über das Meer erreichbar, etwa mit dem roten Barracuda, der wenig barracudahaft und eher gemütlich durchs Wasser gleitet.

Bis Spanien hinunter schippert der Barracuda, dann dreht er um und bringt seine Fracht zurück nach Argelès-sur-Mer. Es ist eine tiefenentspannte Art des Sightseeings, von der Reling aus der Blick auf die Landschaft, die hübschen Hafenstädtchen. Und dazu die Gewissheit, dass es nachher in Argelès-sur-Mer ruhiger zugehen wird, bei einem schönen Glas Wein und ein paar frischen Muscheln.

Mehr Informationen:
Tourismusbüro Argelès-sur-Mer
www.argeles-sur-mer-tourismus.de
das diese Reise unterstützt hat.
Anreise:
Mit dem Auto rund zwölf Stunden für etwa 1200 Kilometer. Oder Flug nach Perpignan oder Barcelona, von dort weiter mit einem Mietwagen.
Günstig wohnen:
Le Nid
www.hotel-lenid.com
Luxuriös wohnen:
Le Cottage
www.hotel-lecottage.com
Beste Reisezeit:
Frühsommer oder Herbst

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