Samstag, 07.12.2019

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Südisland ohne Trubel: Karges Heim, glückliche Leute

Abseits der touristischen Hauptrouten entdecken Reisende viel Spannendes - 16.11.2019 07:37 Uhr

Schaf Jon lässt sich genussvoll von Smari Stefansson den Kopf kraulen. © Andreas Franke


Alles fing an mit zwei Lava-Steinen. Meine Eltern hatten sie von einer Island-Reise mitgebracht. Ein ungewöhnliches Souvenir für einen Teenager, wie ich damals fand. Aber es war ein Mitbringsel mit Langzeitwirkung. Könnten die porösen Brocken erzählen, ihre Geschichten würden von aufgestauter Energie, von Eruptionen, Gluthitze und Vulkanen handeln. Meine Faszination für Island war geweckt.

40 Jahre später – so lange hat es gedauert, bis ich das Land besuche – fahren wir durch gewaltige Lavafelder. Links und rechts der Schnellstraße im Süden der Insel liegen unzählige Brocken, solche, wie sie mir meine Eltern mitgebracht hatten. Es ist Nebensaison, eine gute Reisezeit.

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Entdeckungen im Süden Islands

Abseits der beliebten Routen gibt es auf Island viel zu entdecken. Nur anderthalb Autostunden entfernt vom Flughafen Keflavik erreicht man bereits Selfoss. Von dort aus können Urlauber eine spannende Entdeckungsreise durch den Süden der Insel unternehmen.


Wer zuletzt die vielen Berichte gelesen oder gesehen hat von vollen Hotspots auf dieser Insel, der freut sich über die wenigen Besucher, die jetzt unterwegs sind. Die Touristiker in Island sind daher bemüht, die Ströme der Gäste besser zu verteilen, über das Land – und über das Jahr. Auch der Herbst, sogar der dunkle Winter und der Frühling haben auf Island ihren besonderen Reiz.

Die meisten Besucher machen den Goldenen Kreis, der von Reykjavik aus an wichtigen Sehenswürdigkeiten vorbeiführt. "Dabei gibt es nur eine halbe Stunde abseits davon so viel mehr zu besichtigen", betont Asborg O. Arnporsdottir, Tourismusdirektorin der Region Südisland. Sie empfiehlt, sich gezielt auf eine Region zu konzentrieren und sich dort lieber in Ruhe umzuschauen. Der Süden bietet dafür genug spektakuläre Naturschauplätze.

Mit Tieren in Höhlen gehaust

Wie bescheiden das Leben dort in der Wildnis der Hochebenen über viele Jahrhunderte gewesen sein muss, erzählt uns Smari Stefansson. Er hat 2017 mitgeholfen, die zwei Höhlen Laugarvatnshellar in einem Berg zwischen dem Thingvellir Nationalpark und dem See Laugarvatn freizulegen.

Man vermutet, dass sie einst von irischen Mönchen vor der Besiedlung im Jahr 874 angelegt wurden. Smari berichtet von den letzten Bewohnern, die dort zwischen 1910 und 1921 unter kargen Bedingungen mit ihren Tieren lebten. Die Jahrhunderte davor hatten Hirten die Behausungen für sich und ihre Schafe genutzt. Heute zeigt eine Höhle Möbel der letzten Bewohner, nebenan werden die Besucher verköstigt.

Neben dieser Kirche mit Friedhof liegen die Torfhäuser von Keldur, die ältesten ihrer Art auf der Insel. © Andreas Franke


Haben Sie schon einmal Brot gegessen, das 24 Stunden nur durch die Erdwärme gebacken wurde? Wenn nicht, dann empfehle ich einen Abstecher zu Sigurdur ("Siggi") Rafn Hilmarsson. Schon seine Großmutter und seine Mutter hatten Töpfe mit Teig für Roggenbrote in den heißen Sand am Laugarvatn vergraben. Nebenan zischt es aus heißen Quellen. Siggi holt für uns einen Topf aus der Erde und serviert das warme Brot mit Butter und fangfrischem Saibling aus dem See. Wer will, kann danach in dem Thermalbad mit Außenanlage und traumhaftem Blick über See und isländische Landschaft den Tag verbummeln.

Siggi macht sich, wie viele Isländer, die natürliche Energie der Insel zu nutze. In Teilen Südislands sieht es so aus wie im Nürnberger Knoblauchsland, hier stehen zahlreiche Gewächshäuser, in denen Gemüse für den heimischen Markt produziert wird. "Isländer essen eben gerne Tomaten oder Paprika von der Insel", sagt Knutur Rafn Armann. Er betreibt das Fridheimar Greenhouse mit geothermaler Energie. 23 Tomaten-Farmer gibt es auf der Insel. Aber keiner bewirtet wie Knutur in seinem Gewächshaus zugleich die Gäste mit leckeren Variationen der Frucht.

Café mit angeschlossenem Kuhstall

In der südlichen Region Islands trifft man auf viele junge Unternehmerinnen und Unternehmer, die ihre Firma gegründet oder die Betriebe ihrer Eltern übernommen und ins 21. Jahrhundert überführt haben. Sie setzen auf Bioprodukte, Nachhaltigkeit und regionale Versorgung.

Linda Dögg Snaebjörnsdottir beispielsweise ist erst 26 Jahre alt und managt mit ihren Geschwistern eine Farm in der siebten Generation. Traditionell sind sie Milchbauern, doch der Hof Efstidalur II hat sich zu einem beliebten Restaurant und Café weiterentwickelt, aus dem die Gäste den Kühen im Stall zuschauen können.

Siggi Rafn Hilmarsson serviert in heißem Sand gebackenes Brot mit Butter und Saibling aus dem See. © Andreas Franke


Am nächsten Tag sind wir mit "Addi" (Arnar Gauti Markusson) unterwegs. Seine Familie hat 2010, nach dem Ausbruch des Eyjafjallajökull und mit dem Beginn des Tourismusbooms, "Midgard Adventures" gegründet. Das Basecamp, ein gemütliches Hostel, ist in Hvolsvöllur. "Wir haben das alte Lagerhaus meines Vaters umgebaut." Von dort aus führen er und die Mitarbeiter Touren in die südisländische Wildnis. Für einen Tag oder bis zu eine Woche lang kann man sich ihnen anvertrauen. "Du kannst mit dem Auto innerhalb von einer Stunde vom schwarzen Strand zum Gletscher gelangen", schwärmt Addi.

Eine Tour führt auch an der alten Wikinger-Farm in Keldur vorbei. Dort zeigt uns Addis Schwager Ingolfur die Torfhäuser, die ältesten ihrer Art auf Island. Wunderbar sind sie in eine Flusslandschaft eingebettet. Bis ins Jahr 940 lassen sich einige Teile der Gebäude zurückverfolgen.

Doch zurück zu meinen Lavasteinen. Wir besuchen noch Hulda Kristjansdottir. "Island ist komplett mit GPS-Trackern und seismografischen Geräten überwacht", erklärt die Leiterin des Lava Volcano and Earthquake Centre in Hvolsvöllur.

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Island: Wilde Insel am Rande des Polarkreises

Island ist reich an Naturschauspielen. Schroffe Felsen kann man hier ebenso finden wie weite Grasebenen voller Schafe und Pferde. Doch am Rande des Polarkreises muss man sich auch vor Nässe und Kälte schützen.


Das moderne Infozentrum wurde erst 2017 eröffnet. Auf einer riesigen Landkarte der Insel wird in Echtzeit jedes noch so kleine Erdbeben der letzten 48 Stunden angezeigt. Unglaublich, wo überall der Boden bebt.

"Der Ausbruch des Eyjafjallajökull hatte sich schon 18 Jahre vorher mit ersten Anzeichen angekündigt", so Kristjansdottir. Und es sei nur eine Frage der Zeit, bis der nächste Vulkan ausbricht und seine Lava über das Land ergießt. Aus der dann irgendwann erkaltete Lavasteine hervorgehen, wie sie mir meine Eltern vor vielen Jahren mitgebracht haben.

Mehr Informationen:
Inspired by Iceland
de.visiticeland.com
das diese Reise unterstützt hat.
Anreise:
Icelandair bietet mehrmals täglich Flugverbindungen unter anderen von München und Frankfurt an.
Günstig wohnen:
Hjardarból Guesthouse
www.hjardarbol.is
Luxuriös wohnen:
Hotel Rangá
www.hotelranga.is
Beste Reisezeit:
Das ganze Jahr.

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