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Südniedersachsen: Entschleunigt in Deutschlands Mitte

Eine Fahrt zu den Fachwerkstädten und in die malerische Natur voller Kultur - 15.06.2019 07:53 Uhr

Fachwerk über Fachwerk in der ehemaligen Hansestadt Einbeck. © Kerstin Benz


Und das setzt gleich nach dem Verlassen der automobilen Hauptschlagader A7 ein, irgendwo bei Kassel und Göttingen. Plötzlich liebliche Landschaften, so weit das Auge reicht: Felder und Streuobstwiesen, die sich mit Laub- und Mischwäldern abwechseln. Dahinter sanfte Hügelketten. Und immer wieder: Alleen satt. So, und jetzt?

Erst mal nichts. Seele baumeln lassen geht nicht über Nacht. Eine Kunst, die man vor lauter Aktivurlaub fast verlernt hat: Ankommen, einfach nur da sein. Und ein paar Tage bleiben. In Deutschlands Mitte, in Südniedersachsen.

Wo das genau ist? Es erstreckt sich vom Solling im Weserbergland über den Leinegraben bis zu den südlichen Ausläufern des Harzes an die Landesgrenzen zu Hessen und Thüringen. Und natürlich funktioniert diese Reise nicht nur als nostalgische Tour in die Vergangenheit. Mit Bildern einer unberührten Natur, wie man sie vielleicht aus der eigenen Kindheit noch kennt.

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Ab durch die Mitte Deutschlands in Südniedersachsen

Die wenigsten wissen es: Südniedersachsen gilt als „die Toskana Deutschlands“. Und eine Fahrt durch ihre blühenden, oft noch naturbelassenen Landschaften gleicht einer nostalgischen Bilderreise zurück in die eigene Kindheit. In der es ganz viel zu entdecken gibt: prachtvolle Alleen, ganz entzückende Fachwerkstädtchen. Und sogar mehrere Unesco-Kulturwelterbestätten.


Die Region kann auch mit touristischen Attraktionen aufwarten: Museen, Festivals, zahllosen Wander- und Radwegen und der Nähe zu immerhin fünf Unesco-Weltkulturerbestätten. Man könnte sogar im nahen Bad Sachsa im Winter Skifahren. In der Bergbaustadt Clausthal-Zellerfeld auf historischen Spuren unter Tage gehen. In Bodenwerder Lügenbaron Münchhausen auf die Schliche kommen. Und im wirtschaftlichen und kulturellen Mittelpunkt Südniedersachsens – der traditionsreichen Uni-Stadt Göttingen – in die Kneipenszene abtauchen. Und wie reizvoll sind die vielen Perlen der Fachwerk-Architektur: Duderstadt im Eichsfeld, Einbeck, Bad Gandersheim, Alfeld.

Nur nichts übereilen. Erst mal raus ins Grüne. Es herrscht Nachholbedarf in Sachen Entschleunigung. Auf ins abgelegene Grenzlandmuseum Eichsfeld. In dessen Originalräumen wird seit 1995 alles zur deutschen Teilung dokumentiert. Und den sechs Kilometer langen Grenzlandweg dahinter können wir auch ablaufen. Oder nach Hitzelrode auf die Gobert fahren, einem Gebirgszug in der Hessischen Schweiz, ganz nah an der ehemaligen Grenze.

Auf dem DDR-Grenzstreifen weiden heute Schafe

Vom 471 Meter hohen "Wolfstisch", einem mutmaßlichen Opfertisch aus grauen Vorzeiten für Gott Wotan persönlich, soll man einen sensationellen Blick haben. Auch hier ungewohntes Terrain, da der Kolonnenweg auf dem einstigen Grenzstreifen zur DDR aus Loch- und Steinplatten besteht. Beim Pflastertreten auf dem unter Naturschutz stehenden Grüngürtel ("Grünes Band Deutschlands"), den heute Schafherden abweiden, umschwirren uns zahllose Schmetterlinge.

Gruselig, dass hier noch vor wenigen Jahren eine durch Landminen und Stahlgitterzäune gesicherte Grenze verlief, die dieses Naturparadies unter massenhaftem Einsatz von Herbiziden nur zu einem Zweck hervorbrachte: freies Schussfeld zu haben . . .

Ursula Schwerin bedruckt in ihrer 375 Jahre alten Werkstatt in Einbeck noch heute Stoffe. © Kerstin Benz


Rasch zurück in die Zivilisation. Wir lassen uns weiter treiben. Durch das 1000 Jahre alte Duderstadt mit seinen über 600 mittelalterlichen, farbenfrohen Fachwerkhäusern. Die alle aussehen, als würden ihre Bewohner gleich in traditioneller Tracht herauskommen. In Tuch oder Leinen gehüllt, auf dem Weg zu Markt oder Kirche.

"Duderstadt ist im Grunde ein einziges Stadtdenkmal", meint Christian Zöpfgen vom Tourismusbüro des Örtchens bei einem Spaziergang. Abends, bei regionaltypischer Stracke und Feldgieker – Mettwurstspezialitäten, die mit frischem Bier genossen werden – setzt Martin Henning, Hotelchef vom Goldenen Löwen, noch eins drauf. Schwärmt vom Eichsfeld gar als der "Toskana Deutschlands", derer es laut Eigenwerbung viele gibt. Na, das will ich sehen!

Kühner Skywalk aus Glas und Stahl

Am nächsten Tag zieht es uns zum Sonnenstein: Nahe Göttingen, bereits im Thüringischen, erhebt sich ein knapp 500 Meter hoher Berg. Von dessen 2017 errichtetem kühnem Skywalk aus Stahl und Glas auf dem Gipfelplateau schaut man bei klarer Sicht weit übers Land. Zwar nicht auf Florenz oder Pisa. Dafür in den Harz, das Kyffhäuser- und Ohmgebirge. Ist ja auch was! Und in der Abenddämmerung in Bad Gandersheim kommt in der Tat ein Hauch von Bella Italia auf: Bei den Domfestspielen auf den halbrunden Steinstufen vor der wuchtigen romanischen Stiftskirche sitzen – das geht in der Arena di Verona auch nicht besser.

Moment. War da nicht mal was mit Entschleunigen? Noch steht das Fagus-Werk in Alfeld aus. Die von Walter Gropius entworfene Schuhleistenfabrik, in der bis heute produziert wird, gilt als Prototyp der Bauhaus-Architektur, ist Unesco-Weltkulturerbe. Genau wie der berühmte Blaudruck, der im Dreißigjährigen Krieg in Einbeck erfunden wurde. Aber die Fachwerkperle schon wieder verlassen, in der einst auch das erste Bockbier der Welt gebraut wurde, von Martin Luther hochgerühmt? Ach, keine Ahnung. Einfach nur hier sein. Und davon träumen, noch ein bisschen zu verweilen!

Mehr Informationen:
TourismusMarketing Niedersachsen,
www.reiseland-niedersachsen.de
und Freigeist & Friends
www.freigeist-friends.com, die diese Reise unterstützten.
Anreise:
A3 bis Würzburg, dann A7 Richtung Kassel, Göttingen bis Einbeck, etwa 400 Kilometer ab Nürnberg.
Günstig wohnen:
Hotel FREIgeist Einbeck,
www.freigeist-einbeck.de
Luxuriös wohnen:
Hotel zum Löwen, Design-Hotel in Duderstadt,
www.hotelzumloewen.de
Beste Reisezeit: ganzjährig, speziell Mai bis Oktober. 

Kerstin Benz

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