Samstag, 16.11.2019

|

zum Thema

Vom Traumziel zum Alptraum? Der Gardasee ist überfüllt

In den Sommermonaten sind die Küstenorte meist voll mit Urlaubern - 19.10.2019 08:00 Uhr

Auf einer Brücke in Lazise warten Urlauber auf eines der Boote, das sie von Ort zu Ort bringt. Einheimische sieht man in den meisten Touristengebieten kaum noch. © Ceri Breeze/shutterstock.com


Vom Traum zum Albtraum ist es manchmal nicht weit. Die Staatsstraße am Westufer des Gardasees ist eine der schönsten Strecken Europas. Steil fallen die Kalkfelsen ins bläulich schimmernde Wasser, die Macchia-Vegetation sorgt für mediterranes Flair. Hier, knapp über dem See und gar nicht weit vom Himmel, scheint das Leben besonders lebenswert. Zwischen Juni und September allerdings hat schon mancher Tourist diesen wunderbaren und in relativ kurzer Autofahrt erreichbaren Flecken verflucht. Stundenlange Staus gehören heute zum Gardasee wie der kühle Spritz am Ufer.

Bilderstrecke zum Thema

Gardasee: Ein Paradies nicht nur für Wanderer und Radfahrer

Der nördliche Gardasee liegt noch im Hochgebirge und lockt Wanderer und Radfahrer ebenso wie Gäste, die einfach nur genießen wollen.


Im Oktober, also schon bald, kann man mit etwas Abstand auf den sommerlichen Ansturm zurückblicken und eine ungewöhnliche Perspektive auf den See riskieren. Die Straßenschilder auf der Westumfahrung zum Beispiel erzählen von Sirenen, Nymphen, Titanen, Faunen, Dryaden, Limniaden, Zwergen und Giganten. Die Welt sonderbarer Wesen ist am See also höchst lebendig.

Simona Cremonini aus Manerba schreibt derzeit am dritten Band einer am Gardasee beheimateten Fantasy-Romanreihe und hat unter anderem einen Sammelband über die Wesen veröffentlicht. Die 39-jährige sitzt in einer Bar in Sirmione am Südufer und erzählt von den "Eguales", zwei ziemlich schrecklichen, aus dem Gewässer aufsteigenden Zwillingsschwestern, die von Bussardlauten angekündigt werden und Unglück verheißen.

Sieht man sich auf der Landzunge des eigentlich zauberhaften Sirmione um, scheint es, als seien sämtliche Warnungen der Eguales überhört worden. Am Platz vor der Scaligerburg sind sich Autos und Spaziergänger im Weg. Hunde bellen. Weil Hotelgäste auf engstem Raum im Wagen vorfahren, werden Fußgänger an die Hausmauern gedrängt. Touristen lecken an ihren überdimensional großen Eistüten, ein Spaziergänger führt seinen Hasen an einer Leine durch den Tumult. Ein mit roter Farbe angemalter und mit Schmuck bekleideter Indianer lässt sich gegen Geld fotografieren. Wer sind hier die Fabelwesen?

Ein Café-Besuch in Riva gehört dazu. © Eveline Krabec


Cremonini beobachtet all dies und sagt: "Wir merken gar nicht mehr, an was für einem Ort wir uns befinden und welche Botschaften er für uns bereit hält." Die verborgene Seite des zauberhaften Gardasees wird übersehen. "Wir haben die Fähigkeit verloren, zu staunen", sagt sie.

Kein Wunder, dass für Nymphen und Feen am heutigen See nur wenig Platz ist, obwohl sie durchaus symbolische Kraft haben. "Sie stehen für unsere Verbindung zur Natur, die vom Tourismus als unbeschränkte Ressource in Anspruch genommen wird", sagt die Schriftstellerin. Wirklich aufmerksam und mit neuem Blick die Welt um sich herum zu beobachten, sei der Anfang.

Wer diesem Rat folgt, bleibt nach der Begegnung mit der Autorin erst einmal im Verkehr auf der Staatsstraße stecken, die von Sirmione nach Lazise führt. Es ist eine Geduldsprobe, die die Gewissheit bringt, dass der See an seine Grenzen gekommen ist.

In Lazise, dem Ort mit der höchsten Touristendichte Italiens, zeigt sich das. Im August kommen hier auf einen der rund 7000 Einwohner 1340 Feriengäste, das ehemalige Fischerdorf bläht sich zu einer Großstadt mit 100 000 Menschen auf. Auch zu Herbstbeginn schlürfen immer noch massenhaft Touristen in den Cafés der Hafenpromenade an ihren Drinks. Am nördlichen Hafenbecken, dem Porticciolo, erhebt sich seit diesem Sommer eine Nymphe aus einer kupferfarbenen Welle. Sie wird kaum beachtet und starrt angespannt auf das Treiben um sie herum. Zwei Schwäne ziehen auf den Wellen ihre Bahnen zu Füßen der Statue, zwei Angler im Motorboot werfen ungeduldig ihre Ruten aus und brausen kurz darauf erfolglos mit ihrem Motorboot ab.

13 Campingplätze nur in Lazise, ein 14. ist geplant

Die Nymphen-Skulptur ist die Schenkung einer Unternehmerfamilie im Ort, die einen der größten Campingplätze von Lazise betreibt. Vor allem Urlauber aus Deutschland beziehen Quartier auf einem der 13 Campingplätze von Lazise. Demnächst soll die 14. Konzession erteilt werden.

Die Region Gardasee mit ihren 24 Millionen Übernachtungen im Jahr gleicht einer Goldgrube. "Mir kommt es hier vor wie in einem großen Vergnügungspark", sagt Annalisa Mancini aus Lazise. 2008 war sie Mitgründerin einer Sektion der italienischen Naturschutzorganisation Legambiente. Die Sektion wurde gegründet, um großflächige Immobilienprojekte zu verhindern. Doch 2013 wurde der Verein mangels Mitgliedern aufgelöst.

"Die Menschen am Gardasee leben für die Arbeit, sie verdienen ausgezeichnet und sind dann zu müde, um sich dem Gemeinwesen zu widmen", sagt die 38-Jährige, die Unterschriften für die Sicherheit von Fußgängern und Radfahrern auf der Ostumfahrung sammelt. Auslöser war der Tod eines jungen Holländers, der nachts zu Fuß auf dem Rückweg vom Vergnügungspark Gardaland zum Campingplatz war. Um sich vor den Autos zu schützen, kletterte er über die Leitplanke und stürzte dort sechs Meter in einen Graben. 1996 war bereits Mancinis Vater auf derselben Strecke von einem Auto überfahren worden. "Es gibt einfach keinen Platz für Fußgänger", sagt Mancini.

Sie selbst arbeitet bei einer Agentur für Ferienwohnungen, bis zu 14 Stunden am Tag, vier Monate lang. Zwischen November und Februar fallen die touristischen Einrichtungen alle in eine Art Winterschlaf. Mancini würde gerne einen runden Tisch ins Leben rufen zu der Frage: Wie wollen wir hier in 20 Jahren zusammenleben? Campingplatzbetreiber, Hoteliers, Politiker und Umweltschützer könnten gemeinsam eine Zukunftsvision entwickeln. "Aber es gibt kein Interesse. Der Neid untereinander ist groß. Alle haben Angst", sagt Mancini. Es wirke manchmal so, als schaufelten die Goldgräber ihr eigenes Grab.

Bilderstrecke zum Thema

Mit der Vespa zum Gardasee: Zehn Freunde aus Franken trauen sich

Zehn Freunde aus Nürnberg und Schwabach haben sich einen Traum erfüllt: Mit ihren historischen Vespas über Alpenpässe quer durch Südtirol und das Trentino an den Gardasee zu fahren. Die Landschaft ist grandios, das Erlebte bleibt unvergessen.


Schon jetzt gibt es Vorboten eines brüsken Erwachens. Im jüngsten Bericht der lombardischen Mafia-Beobachtungsstelle heißt es: "In den Provinzen Bergamo, Brescia und insbesondere am Gardasee, der seit Jahren eine Rolle als großer Katalysator für kriminelle Organisationen aller Art spielt, ist die Verfestigung von Mafia-Organisationen festzustellen."

Der frühere venezianische Staatsanwalt Francesco Saverio Pavone warnt: "Der größte Fehler ist es, diese Realität vor allem in touristischen Zentren zu verschweigen, das fördert die Verwurzelung der Mafia auch am Gardasee, die hier ihr Geld reinwäscht."

Mehr Informationen:
Tourist Büro Salò
www.visitgarda.com
Anreise:
Die etwa 590 Kilometer lange Fahrt mit dem Pkw via München, Innsbruck, Bozen bis Rovereto-Sud und weiter zur Westseite des Sees dauert etwa 6,5 Stunden. Per Bahn an den nördlichen Gardasee (Riva del Garda, Torbole). Oder Richtung Süden nach Bardolino, Lazise, Peschiera del Garda.
Günstig wohnen:
Lake Garda Hostel
www.lakegardahostel.com
Luxuriös wohnen:
Quellenhof Luxury Resort Lazise
www.quellenhof-lazise.it
Beste Reisezeit:
Mai bis Oktober.

Julius Müller-Meiningen

3

3 Kommentare

Seite drucken

Seite versenden



Um selbst einen Kommentar abgeben oder empfehlen zu können, müssen Sie sich einloggen oder sich zuvor registrieren

Ihr Kommentar

Ihr Kommentar:

Bitte beachten Sie unsere Netiquette.

weitere Meldungen aus dem Ressort: Reise