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Vor 200 Jahren trieb es sie auf die Zugspitze

Ausgerechnet ein Tiroler erklomm den Berg, der heute für Staunen sorgt - 04.07.2020 07:41 Uhr

Wanderer auf der Zugspitze.

© dpa


Zwei Inder stehen am Imbissstand auf der Zugspitze und erkundigen sich, ob die Bratwurst ohne Rindfleisch ist. Der Verkäufer ist sich nicht sicher, schenkt dem Duo ein trockenes Brot und empfiehlt die Gondelfahrt runter zum Gletscher, wo es Dal Tarka und Chicken Alu Masala mit Safranreis gibt.

Die beiden blicken skeptisch nach unten, wo Kinder mitten im Sommer mit Zipfelbob über Schneereste düsen und Snowboarder den Hang hinaufstapfen, um fünf mickrige Schwünge zu machen. Wer will, kann dort auch heiraten, ein Standesamt und die Kapelle Maria Heimsuchung, die der spätere deutsche Papst Benedikt 1981 geweiht hat, stehen bereit.

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Aktiv an der Zugspitze: Wasser, Berge und viel mehr

Aktivurlaub in herrlicher Bergwelt: Dafür steht die Zugspitz-Region, der touristische Zusammenschluss des Landkreises Garmisch-Partenkirchen, dem sechs Destinationen angehören: das ZugspitzLand, die Alpenwelt Karwendel, das Blaue Land, der Naturpark Ammergauer Alpen sowie Garmisch-Partenkirchen und Grainau.


Sprache Nummer eins ist hier oben nicht Baierisch, sondern Englisch. Zahlreiche Wissenschaftler haben Forschungsstationen eingerichtet, es gibt ein eigenes Postamt samt Sonderstempel, einen Gebetsraum für Muslime und spezielle Toiletten für arabische Gäste mit Kacheln und Wasserschlauch, dafür ohne Papier. Die Zugspitzbahn hat einst sogar Broschüren herausgebracht, auf denen aus Rücksicht das goldene Gipfelkreuz wegretuschiert war. Ein Aufschrei ging durchs Land, Satiriker empfahlen, gleich einen Halbmond auf der Zugspitze aufzustellen. Der deutscheste aller Berge ist so international wie der Frankfurter Flughafen.

Bergstock mit Sacktuch als Beweis

Als Erstbesteiger gilt ausgerechnet ein Tiroler. Josef Naus erhielt vor exakt 200 Jahren von König Maximilian I. den Auftrag, die Zugspitze zu vermessen. Immerhin waren ein Träger und der Bergführer Johann Tauschl aus Partenkirchen an seiner Seite. Sie wählten den Aufstieg über die Reintalroute und erreichten einen Tag später, am 27. August 1820, den Westgipfel. Freilich ist nicht eindeutig geklärt, ob Einheimische nicht schon früher ganz oben auf der Zugspitze standen. Eine historische Karte, die älter als 200 Jahre ist und eingezeichnete Routen enthält, legt die Vermutung zwar nahe, allerdings gibt es keine Beweise.

Josef Naus jedenfalls rammte damals einen "Bergstock mit einem daran befestigten Sacktuch" als Beweis für die Besteigung in den Schnee und hielt fest, dass die Unternehmung "mehrfache Lebensgefahren und außerordentliche Mühen" abverlangt habe. Kurz darauf vertrieb ein Gewittersturm samt Schneegestöber das Trio vom Gipfel.

Ein historisches Foto einer Zugspitzbesteigung mit einfachsten Mitteln.

© imago


Die Zahnradbahn fährt in rund 40 Minuten zum Zugspitzplatt, von dem die Gäste per Gletscherbahn auf den Gipfel schweben. Die bayerischen Gondeln schaffen auf der Nordseite gleich drei Weltrekorde: Mit 3213 Metern Abstand von der einzigen Stütze bis zur Bergstation ist die überwundene Entfernung so groß wie bei keiner anderen Seilbahn. Einmalig ist auch der Höhenunterschied von 1945 Metern zwischen Tal- und Bergstation. Und keine andere Pendelbahn hat mit 127 Metern eine derart hohe Stahlbaustütze.

Die Zugspitze erlebt einen Wanderboom. Dabei zieht sich der Aufstieg ganz schön hin. Bergsteiger mit normaler Kondition müssen eine Hüttennacht einplanen, um die 2000 Meter Höhenunterschied zwischen Tal und Gipfel durch die langgezogenen Täler zu überwinden. Ungewöhnlich für einen Alpengipfel, der nur knapp an der 3000-Meter-Marke kratzt. Die beliebteste Tour führt dabei durchs Reintal. Der Weg startet in der Partnachklamm. Der Fluss gurgelt unter der Hochwanner-Nordwand entlang, einer der höchsten Wände der Bayerischen Alpen.

Nach 14 Kilometern und rund sechs Stunden erreichen Bergsteiger die Reintalangerhütte, wo auch die Erstbesteiger eine Ruhepause einlegten – damals war es nur eine einfache Hirtenunterkunft. Zu normalen Zeiten nächtigen dort in einem August mehr als 3000 Menschen. Viele davon erfüllen sich den Traum, einmal selbst den höchsten Berg Deutschlands zu besteigen — auch wenn es von Tiroler Seite aus viel einfacher wäre.

Mehr Informationen:
Zugspitz Region
www.zugspitz-region.de
Anreise:
Über München mit dem Auto gut 280 Kilometer ab Nürnberg, mit dem Zug über München bis Garmisch-Partenkirchen.
Ticket auf die Zugspitze:
Berg- und eine Talfahrt (wahlweise als Rundfahrt mit Zahnradbahn, Gletscherbahn und Seilbahn): 59,50 Euro. Berg- oder Talfahrt: 35 Euro.
27. bis 30 August: Dokumentarfilm, Tourenwochenende zum Jubiläum mit allen Zugspitzanstiegen und „Zugspitznight“.
www.200jahrezugspitze.de 

Die Recherche erfolgte vor Ausbruch der Corona-Pandemie, der Berg ist wieder zugänglich.

Christian Schreiber

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