Sonntag, 17.11.2019

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Vor den Toren Moskaus wollen alle nur ins Kloster

Die bekannte Sehenswürdigkeit Sergiew Posad ist für die Stadt Fluch und Segen zugleich - 18.10.2019 08:00 Uhr

Das 1337 gegründete Kloster der Dreifaltigkeit und des Heiligen Sergius ist ein beliebtes Ausflugsziel, das bei fast allen Moskau-Städtereisen angeboten wird. © Ilja Brustein


So eine überteuerte Seife ist eine reine Geldverschwendung!", behauptet ein gestresst wirkender älterer Herr und verlässt das Seifengeschäft, ohne etwas zu kaufen. Wieder ein Mal ist es Sergej nicht gelungen, seine Waren an den Mann zu bringen . . . Eigentlich ist der 25-Jährige ausgebildeter Schauspieler. In Sergiew Posad, 52 Kilometer nordöstlich von Moskau, gibt es auch ein beliebtes professionelles Sprechtheater. Da die Bewerbung von Sergej aber dort abgelehnt wurde und er aus privaten Gründen seine Heimatstadt nicht verlassen möchte, versucht er, seine Schauspieltalente im Einzelhandel einzusetzen.

"Die Seife wird in der eigenen Manufaktur hergestellt", sagt er. " Wir wollen das alte, ehrwürdige Handwerk wiederbeleben, das vor allem im 19. Jahrhundert in Sergiew Posad blühte. Leider achten die meisten Kunden nur auf den Preis, sind auf der Suche nach den Schnäppchen."

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Im Laden riecht es wie in einer Parfümerie. Für ein Stück der handgemachten Seife sind umgerechnet sechs Euro zu zahlen, was potentielle Kunden oft abschreckt. Aber auch wer nichts kauft, für den lohnt es sich, in Sergiew Posad die stimmungsvollen Läden und Handwerksmanufakturen zu besuchen, die es hier im Hülle und Fülle gibt. Man merkt aber, dass das Geschäft eher schleppend läuft. Denn alle Besucher wollen vor allem eines: ins Kloster.

Dieses 1337 gegründete Kloster der Dreifaltigkeit und des Heiligen Sergius ist ein beliebtes Ausflugsziel, das bei fast allen Moskau-Städtereisen angeboten wird. Es wird in Reiseführern gern als "Vatikan des Ostens" bezeichnet. Dabei hat Segiew Posad so viele Schätze – zum Beispiel hervorragende Museen – zu bieten, dass das mehrere Urlaubstage füllen würde. Diese Tatsache bleibt den meisten Touristen und sogar vielen Russland-Kennern aber verborgen.

Wer die Stadt zum ersten Mal besucht, sollte auf jeden Fall mit einem Klosterbesuch beginnen. Es ist auch der einzige Ort in Sergiew Posad, der etwas hektisch und überlaufen wirkt. Die Ruhe, die Stille und die Besonnenheit des Mönchsdaseins sucht man hier vergeblich. Dafür werden Gäste aber mit Meisterwerken der russischen Kirchenarchitektur begeistert. – wie etwa der Dreifaltigkeitskathedrale aus dem 15. Jahrhundert, der Nikon-Kirche und der Mariä-Entschlafens-Kathedrale aus dem 16. Jahrhundert, dem Refektorium (Speisesaal) aus dem 17. Jahrhundert und der Michei-Kirche aus dem 18. Jahrhundert.

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Die heutigen Mauern und die Wehrtürme des Klosters stammen im Wesentlichen aus dem 16. und 17. Jahrhundert und sind nicht weniger interessant als die Kirchen. Die Dienstresidenz des Moskauer Patriarchs, die sich auch im Kloster befindet, kann nur von außen besichtigt werden. Regelmäßig kann man aber das heutige Kirchenoberhaupt der Russischen Orthodoxen Kirche, Patriarch Kiril, im Kloster live erleben, wenn er vom Balkon seiner Residenz predigt und den Gottesdienst zelebriert. Meistens wird der Gottesdienst in diesem Fall unter freiem Himmel abgehalten, da die Kirchengebäude alle Gläubigen nicht aufnehmen könnten.

Im Jahr 1918, kurz nach der Oktoberrevolution, wurde das Kloster geschlossen. Seine Sammlung der Kunstgegenstände bildete die Grundlage des am 20. April 1920 gegründeten Heimat- und Kunstmuseum von Sergiew Posad. Während des Zweiten Weltkriegs durfte das Kloster seine Tätigkeit wiederaufnehmen. Die Kreml-Führung unter Josef Stalin brauchte damals den geistlichen Beistand der Russischen Orthodoxen Kirche, um die durch den Krieg leidende Bevölkerung für den Kampf gegen den Feind zu motivieren. Deshalb konnten die vor einem Vierteljahrhundert vertriebenen Mönche zurückkehren.

"Seit vielen Jahrzehnten arbeiten Kloster und Museum partnerschaftlich zusammen", betont die stellvertretende Museumsleiterin Swetlana Nikolajewa. "Die Kirchenvetreter sind uns dankbar, weil durch das Museum viele sakrale Gegenstände gerettet wurden. Einige Schätze wurden nach der Wiedereröffnung des Klosters an ihren ursprünglichen Besitzer zurückgegeben. Das Museum besitzt aber nach wie vor eine der bedeutendsten Sammlungen von sakralem Gerät, Ikonen, regiösen Plastiken und Malereien in Russland".

Sergej und seine Kollegin im Seifenladen versuchen alles, um die Kunden für das alte Handwerk zu begeistern. © Ilja Brustein


126 000 Ausstellungsstücke sind im Spielzeugmuseum von Sergiew Posad gesammelt. "Wir wollen die Geschichte des Landes durch die Geschichte des Spielzeugs präsentieren", erzählt der Museumsleiter Ruslan Gawwa. Gezeigt werden sowohl einige wertvolle Ausstellungsstücke wie etwa Puppen, Zinnsoldaten und Modeleisenbahnen, die der Zarenfamilie als Spielzeug dienten, als auch Massenerzeugnisse der sowjetischen Spielzeugindustrie, die jedoch bei vielen Besucherinnen und Besuchern Nostalgie-Gefühle hervorrufen. Das Museum richtet sich gleichermaßen an Kinder und an Erwachsene. Ein kleines gemütliches Puppentheater ist ihm angegliedert

In der unmittelbaren Nähe von Sergiew Posad befindet sich das Landgut Abramzewo, das von 1870 bis zur Oktoberrevolution 1917 dem bekannten russischen Industriellen und Mäzenen Sawwa Mamontow gehörte. Es ist ebenfalls ein Museum. Mamontow, der selbst künstlerisch hochbegabt war, leistete einen großen Beitrag bei der Planung und dem Bau der Transsibirischen Eisenbahn. Es ist deshalb nicht verwunderlich, dass vor dem eleganten Bahnhof von Sergiew Posad sein Denkmal steht.

Kunstfreund Mamontow unterstützte großzügig russische Maler, die monatelang vor allem im Sommer in seinem Landgut bei voller Pension wohnten und produktiv arbeiteten. Es entstanden viele Bilder, die das Landgut – eine richtige Kunstkolonie! – und seine Umgebung zeigen. Das bekannteste Meisterwerk, das im Abramzewo entstand, ist das Gemälde von Waletin Serow "Das Mädchen mit den Pfirsichen" aus dem Jahre 1887. Der damals 22-jährige Künstler zeigt Wera, die Tochter von Sawwa Mamontow. Ein dunkeläugiges und dunkelhaariges Mädchen sitzt am weißgedeckten Tisch in einem hellen, vom zärtlich-weißen Sonnenlicht getauchten Zimmer.

Zur Zeit befindet sich das Gemälde im Tretjakow-Galerie in Moskau. In Abramzewo ist seine Kopie ausgestellt. Die Besucher sehen an diesem Bild, dass sich an der Einrichtung des Wohnzimmers sowie der anderen Räume seit dem Ende des 19. Jahrhunderts nichts verändert hat.

Mehr Informationen:
Sergius-Kloster:
www.stsl.ru
Heimat- und Kunstmuseum: www.museum-sp.ru
Museumslandgut Abramzewo: www.abramtsevo.net
Anreise:
Flug nach Moskau, ab Nürnberg z. B. mit LOT über Warschau, mit Air France über Paris, mit KLM über Amsterdam oder mit Lufthansa über München oder Frankfurt. Von Moskau aus mit Zug, Linienbus oder Auto.
Günstig wohnen:
The Central Hotel (Gostiniza Zentralnaja)
www.spcentral.ru
Luxuriös wohnen:
Imperial Village (Zarskaja Gerewnja)
www.imperial-village.ru
Beste Reisezeit:
Von Mai bis September. Oder bewusst im russischen Winter, etwa zum Weihnachtsfest (7. Januar).

Ilja Brustein

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