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Weihnachten: Von Jerusalem nach Bethlehem pilgern

Christen wandern an den Feiertagen nachts zu einer stimmungsvollen Messe - 21.12.2019 07:59 Uhr

Besucher aus aller Welt entzünden in der Geburtskirche Kerzen und beten für den Frieden.

19.12.2019 © Ilia Yefimovich/dpa


Die Basilika von Dormitio steht auf dem Zionsberg gleich hinter der Altstadtmauer Jerusalems. Sie gehört zu einer deutschen Benediktinerabtei mit 14 Brüdern. Die schönen Malereien unter der Kuppel erinnern an ein äthiopisches Gotteshaus. "Hier hat der Jesus olivfarbene Haut, so, wie es sich für diesen Teil der Welt gehört", sagt Gideon, Immobilienmakler aus Tel Aviv, schmunzelnd. Er ist nicht der einzige jüdische Besucher der Mitternachtsmesse an Heiligabend in der Dormitio-Kirche, jeder darf kommen, die Kirche ist zum Bersten voll.

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Traditionell geht es gleich danach zu Fuß nach Bethlehem zur Geburtskirche, zehn anstrengende Kilometer die Jerusalemer Berge rauf und wieder runter. Es ist kühl, Jerusalem liegt auf fast 800 Meter Höhe. Zur Stärkung servieren die Benediktinerbrüder in der Cafeteria noch starken Kaffee und Weihnachtsstollen. Gebacken vom "Bäcker-Bruder", wie Pater Matthias seinen Kollegen nennt.

70.000 Namen nach Bethlehem tragen

Er und die Brüder Natanael und Simeon begleiten über zweihundert Pilger bis Bethlehem. Die Wanderung nennt sich: "Ich trage Deinen Namen in der Heiligen Nacht nach Bethlehem". Gegen eine Spende können Menschen Fürbitten an die Abtei schicken, ihre Namen werden dann auf eine Papierrolle geschrieben und auf dem Geburtsstern abgelegt. Über 70.000 sind es diesmal.

Jeder trägt die schwere Namensrolle ein Stück dieses geschichtsträchtigen Weges, auf dem bereits die hochschwangere Maria mit Josef unterwegs gewesen sein soll. Heute ist es eine moderne Straße mit vielen Ampeln. Nach sechs Kilometern der Checkpoint 300, die Grenze zum Westjordanland. Mit seinen acht Meter hohen Betonstelen und dem Stacheldraht erinnert sie an die Berliner Mauer. An Weihnachten ist das Gattertor Richtung Bethlehem ohne Kontrollen. "Make Hummus not walls" oder "free Palestine" steht auf der Mauer.

Schlaftrunken im Kirchenschiff

Einen letzten Berg hinauf. Der Muezzin ruft zum Morgengebet. Ein paar junge Palästinenser mit Weinflaschen in der Hand rufen "Merry Christmas". Die Altstadt aus honiggelbem Stein schläft noch. Auf dem "Krippen"-Platz in der Innenstadt steht ein zehn Meter hoher beleuchteter Christbaum. Gegenüber befindet sich das Ziel: die Geburtskirche. Kaiser Konstantin - der erste christliche römische Kaiser - hat sie 326 erbauen lassen.

Palästinensische Christen feuern auf dem Manger-Platz vor der Geburtskirche Raketen in die Luft.

19.12.2019 © Musa Al Shaer/afp


Es ist fünf Uhr morgens, schlaftrunken glaubt man sich im falschen Film. Ein riesiges Kirchenschiff. Hunderte von Asiaten - viele sitzen auf dem Boden - in bunten Gewändern und Nikolausmützen, Predigt und Gesang in einer fremden Sprache. "Die Katharinenkirche", klärt Pater Matthias auf. Noch vor wenigen Stunden wurde hier die berühmte Mitternachtsmesse in alle Welt ausgestrahlt. Die Besucher sind christliche Inder und Filipinos - Migranten, Flüchtlinge und Gastarbeiter, die Israel zu ihrer Heimat gemacht haben.

Mag Bethlehem für Christen eine große Bedeutung haben, es ist eine muslimisch geprägte Stadt, nur zwei Prozent der Bewohner sind Christen. In Beit Sahour – in das Bethlehem nahtlos übergeht - sind es dagegen drei Viertel der Bevölkerung mit einer für palästinensische Verhältnisse großen Mittelschicht. "Der Ort mit der höchsten Dichte an Uniabschlüssen", heißt es im Büro der Alternative Tourism Group (ATG) in Beit Sahour, das Privatunterkünfte, sogenannte "Homestays" bei christlichen Familien vermittelt.

Gastfreundschaft unterm Plastikbaum

Familie Barham lebt in einem Kastenbau am Hang. Talal Barham ist Vater von vier Töchtern, drei sind anwesend. Bekleidet mit Jogginghosen, Sweatshirt, das Haar offen, sind sie ein ungewohnter Anblick im sonst "verschleierten" Westjordanland. Marian (22) studiert Rechnungswesen, Natalia (16) geht zur Schule, Bará (30) ist die Älteste. Sie lebt mit ihrem Mann ein paar Häuser weiter und ist mit ihren drei Kindern im Vorschulalter zu Besuch. Der Lärmpegel ist dementsprechend hoch.

"Tut mir leid, dass meine Frau nicht da ist", entschuldigt sich Talal. Sie ist nach Dubai geflogen. Dort lebt die dritte Tochter, sie hat am Heiligabend ein Mädchen geboren. Im Wohnzimmer mit weißer Sitzgarnitur - in der Ecke blinkt ein billiger Plastikchristbaum - zeigen die Töchter aufgeregt Handyfotos vom Baby.

Die jungen Frauen sind für die Bewirtung der Gäste zuständig, der Vater für die Unterhaltung. Er hat gerne Besuch, sagt er. Sein Hobby sind asiatische und spanische Geschichte, aber auch die eigene. Er wünscht sich einen Staat, in dem Israelis und Palästinenser miteinander leben. Genauso friedlich wie die verschiedenen Kirchen, die es im Heiligen Land gibt. Denn Weihnachten wird hier gleich dreimal gefeiert. Die Westkirchen feiern am 25. Dezember, die Ostkirchen am 6. Januar, und die Armenische Kirche mit der Taufe Jesu erst am 19. Januar.

 

Mehr Informationen:
Visit Palestine
visitpalestine.ps/de/bethlehem-intro/
Anreise:
Direktflüge mit Ryanair ab Nürnberg sind nur noch im Winterflugplan bis Ende März buchbar.
Günstig wohnen:
Privat bei Familien über Alternative Tourism Group (ATG)
www.atg.ps
Luxuriös wohnen:
Jacir Palace Hotel
www.jacirpalace.ps
Beste Reisezeit:
Ganzjährig

Petra Jacob Sachs

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