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Wie aus einem Skigebiet in Kärnten ein Naturpark wurde

Der Dobratsch in Villach ist ein beliebter Ausflugsort für Wintersportler - 09.03.2019 08:00 Uhr

Traumhaftes Panorama: Ein Tourengeher wandert oberhalb Villachs und des Ossiacher Sees in Richtung Gipfel. © Florian Rußler


Mit Schneeschuhen durch Neuschnee zu laufen, ist gar nicht so einfach. Was aussieht, als würde man kinderleicht durch einen großen Haufen Puderzucker wandern, fühlt sich in echt ganz anders an. Jeder Schritt dauert doppelt so lange wie mit Turnschuhen. Doch der ungewöhnliche Untersatz hat auch einen großen Vorteil: mit ihm kann man durch Gelände wandern, in dem man mit gewöhnlichen Schuhen scheitern würde.

So wie den steilen Anstieg auf den Zehner am Dobratsch – dem Villacher Hausberg. Rangerin Barbara Wiegele stapft mit ihrer Ausrüstung die letzten Meter hoch, hinter ihr eine Gruppe schnaufender Menschen, die eine Wanderung bei ihr gebucht haben. "Jetzt haben wir den höchsten Punkt unserer Tour erreicht", sagt Wiegele und deutet mit ihrem Finger auf eine kleine Hütte, die halb aus Holz und halb aus Beton besteht. Das Haus auf 1956 Metern war vor 20 Jahren noch die Bergstation eines Skilifts. "Wo heute Tourengeher und Wanderer hochkraxeln, sind früher Skifahrer und Boarder die Hänge runtergejagt", erinnert sich die 44-Jährige.

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Zwei Berge, zwei Philosophien: Wintersport in Villach

Skifahren, Bergwandern oder einfach nur den Hang herunterrodeln - in Villach kommt jeder Wintersportler auf seine Kosten. Auf der Gerlitzen Alpe sind die alpinen Skifahrer zuhause und am Dobratsch - dem Hausberg der 60.000 Einwohner Stadt - die Tourengeher und Naturfans.


2001 war Schluss mit dem Skigebiet. Weil die Winter um die Jahrtausendwende immer schneeärmer wurden und die Lifte am Dobratsch in manchen Jahren nur noch sporadisch öffnen konnte, haben sie sich wirtschaftlich nicht mehr rentiert. In der letzten Wintersaison 2000/2001 kamen nur noch 202.000 Menschen zum Skifahren auf Villachs Hausberg. In der Saison 1991/1992 waren 980.000 Menschen mit den Liften nach oben befördert worden.

Die Zehner-Hütte ist fast alles, was noch vom Skigebiet übriggeblieben ist. Mit etwas Fantasie erkennt man heute noch, wo früher die Pisten verlaufen sind. Seit keine alpinen Skifahrer mehr am Dobratsch unterwegs sind, hat sich die Natur aber weitestgehend erholt. Zu dieser Erkenntnis sind Rangerinnen wie Barbara Wiegele gekommen.

Die Umwandlung in einen 7250 Hektar großen Naturpark habe dazu geführt, dass sich viele Tiere wie Gämsen, Schneehühner oder seltene Raubvögel wieder angesiedelt hätten. Zudem wurden Biotope für Insekten und Ruhezonen für Wild geschaffen. "Das sind Erfolge, auf die wir stolz sind", erklärt Wiegele, die früher als Investment-Bankerin in Frankfurt am Main gearbeitet hat.

Die Besucher sind dem Dobratsch jedoch nicht ferngeblieben. Naturliebhaber mit Schneeschuhen und Tourengeher quälen sich die Anstiege hinauf und Familien mit Kindern rodeln sie hinunter. Im vergangenen Winter waren es laut Naturparkverwaltung 77.000 Menschen. Das sind zwar deutlich weniger als in den Saisons des Skigebiets, doch die Verantwortlichen sind mit der Entwicklung zufrieden. "Wir wollten einen sanften Tourismus auf dem Berg schaffen und das haben wir erreicht", sagt Wiegele. Der Natur möglichst nah kommen, ohne ihr zu schaden, das ist mittlerweile das Credo hier.

Bei den Einheimischen kommt dieses Konzept gut an, auch wenn viele nach der Schließung des Skigebiets skeptisch waren. Seitdem der Dobratsch unter Naturschutz steht und es keinen Skilift mehr gibt, zählt er zu den beliebtesten alpinen Ausflugszielen Kärntens. Für die Villacher ist ihr Hausberg eben etwas Besonderes, viele sprechen von einer mystischen Aura, die der langgezogene Gebirgskamm ausstrahlt.

Um zu verstehen, was damit gemeint ist, sollte man sich bei Nacht mit einer Laterne in der Hand auf den Weg zum Almgasthof Hundsmarhof macht. Die vom Schnee ummantelten Tannen sehen in der Dunkelheit aus wie Zwerge oder Trolle – eine magische Atmosphäre, die auch ganz schön furchteinflößend sein kann.

Wer sich nicht allein durch die dunklen Wälder traut, kann eine Wanderung bei Ulrike Knely buchen. Die Bergwanderführerin findet den Rückweg zum Parkplatz auch problemlos ohne Navigationssystem oder App. "Mir ist es wichtig, dass bei meinen Touren die Handys aus sind, damit man sich voll und ganz auf die Natur einlassen kann", stellt sie klar, bevor es überhaupt losgeht.

Sagen rund um den Dobratsch

Auf die Natur einlassen, bedeutet bei der diplomierten Umweltökologin auch, dass man sich mit den Sagen beschäftigt, die es um den Dobratsch gibt. Immer wieder macht Knely auf dem Weg durch die verschneite Landschaft Zwischenstopps, um Geschichten von Riesen, Zwergen oder einem schwarzen Hund zu erzählen. Alle hören gespannt zu, den Leuten gefallen die Geschichten. Nicht umsonst sind Knelys Touren sowohl im Sommer als auch im Winter fast immer ausgebucht.

"Der große Vorteil bei uns ist: Wir brauchen nicht unbedingt Schnee, um erfolgreich zu sein", sagt sie. Deshalb sei es vor 18 Jahren auch die richtige Entscheidung gewesen, am Dobratsch nicht in neue Schneekanonen, Pistenraupen und Lifte zu investieren, sondern das Skigebiet in einen Naturpark umzuwandeln.

Abseits der Massentourismus-Zentren in Tirol oder am Arlberg hat man in Villach einen sanfteren Weg eingeschlagen. Er wirft zwar noch nicht so viel Gewinn ab, kommt aber bei Natur und Bevölkerung an und kann als Vorreiter-Modell für andere Regionen dienen.


Mehr Informationen erhalten Sie auf der Internetseite der Region Villach–Faaker See–Ossiacher See Tourismus unter www.visitvillach.at , die diese Reise unterstützt haben. 

Florian Rußler E-Mail

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