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Wir lieben die Welt und reisen sie doch in den Tod

Unsere alte Art von Urlaub verträgt sich kaum mit den neuen Herausforderungen - ein Debattenbeitrag - 28.12.2020 09:26 Uhr

Touristen landen mit dem Beiboot ihres Kreuzfahrschiffes auf der Bodaluna-Insel im Woodlark/Laughlan-Archipel auf Papua Neuguinea. So dringen wir noch bis in den letzten Winkel der Welt vor.

14.12.2020 © imago


Der Flugverkehr ist eingestellt, viele Fließbänder stehen still und es fahren auch merklich weniger Busse und Bahnen. Eine ungewohnte Ruhe legt sich über das Land und lässt die Menschen in eine Zeit vor der industriellen Revolution horchen.
Zahllose Artikel auch in diesem Medium klärten uns das Corona-Jahr über nicht bloß darüber auf, welche heimischen Vogelarten da plötzlich wieder zu hören waren, sondern vermeldeten auch außerordentliche Rückgänge von Kohlendioxidemissionen, Gewässer- und Luftverschmutzung.

Mitglieder einer halbwegs zurechnungsfähigen Gesellschaft hätten nun Lehren aus diesem Lockdown gezogen und sich in ihren von Amseln lumflöteten Homeoffices geschworen, fortan auf Wirtschafts- und Mobilitätsexzesse zu verzichten. Doch wie die Solidarität mit systemrelevanten Mindestlohnempfängern schrumpfte spätestens letzten Sommer auch die Sorge um das Klima schneller als die Toilettenpapier- und Nudelvorräte.

Denn kaum waren die Reisebeschränkungen vorübergehend für ein paar Monate aufgehoben, stürzten sich die durch wenige Wochen des Verzichts an ihre Belastungsgrenze gebrachten Menschen beutelüstern auf die Budgetflüge wie der Habicht auf die Haselmaus, bereit, eine funktionierende Lunge gegen Ferien auf Mallorca zu tauschen. Dem Virus, dem alten Freudenräuber, werden wir es zeigen - und so machte Corona allen Schutz- und Hygienekonzepten zum Trotz Party an den Stränden Europas.

Die Idee von Freiheit und Daseinserfüllung erschöpft sich im Land der Verbraucherschutzzentralen und Reiserücktrittsversicherungen offenbar darin, seine Freizeit tausende Flugkilometer entfernt bei barbadosbunten Cocktails in Urlaubskasernen mit Meerblick frönen zu können.

Weltreisen ohne Weltsicht?

Endlich trug das Glück wieder den Namen "all inclusive", und auch die Kabinentüren zum Luxus öffneten sich erneut für die Passagiere von Kreuzfahrten. Landgänge waren Corona-bedingt allerdings ausgeschlossen. Weltreisen ohne Weltsicht. Und wozu? Alles zur Arbeitsplatzsicherung, versichert die Tourismuswirtschaft. Mittel- bis langfristig nützt eine Stelle als Zimmermädchen in einem Resort auf den Malediven allerdings wenig, denn der Archipel droht in Folge des steigendes Meeresspiegels unterzugehen, und ob der namibische Wildhüter Spenden zum Erhalt der heimischen Naturschutzgebiete dem Import Corona-infizierter Safari-Gäste nicht doch vorziehen würde, wäre allemal einer Klärung wert.

Vor Corona hat uns schon die Vorstellung gegruselt, im Urlaub die Dienste eines indischen oder afrikanischen Dorfzahnarztes zu benötigen. Jetzt aber ließen und lassen wir uns mitten in der Pandemie in die Karibik locken. Wer bei Ankunft positiv auf Covid-19 getestet wird, landet immerhin in einem Reha-Hotel, für fünf, bei einem zweiten positiven Test für weitere zehn Tage in Quarantäne. Anschließend darf der Gast abreisen, und sollte das so unauffällig wie möglich tun. Alle Mitreisenden, die engeren Kontakt zu ihm hatten, mussten nämlich auch in einer 10-tägigen Hotelzimmer-Isolierung ausharren. Immerhin genügend Zeit, um erkennen zu könne, dass mit unserer Welt längst nicht mehr alles in Ordnung ist.

In einem Bericht der Vereinten Nationen über den Verlust der biologischen Vielfalt wurde erst kürzlich festgestellt, dass der Mensch etwa 75 Prozent der Landflächen der Erde stark verändert oder zerstört hat. Auch die verbleibenden 25 Prozent bleiben nicht unversehrt, weil Globetrotter dabei sind, bis in die allerletzten Idyllen vorzudringen. Zeitlose Landschaften lassen sich gar nicht mehr entdecken und die Auswirkungen des Klimawandels nicht länger ignorieren.

In Deutschland bedeutet die globale Erderwärmung vorerst noch, dass wir im Winter seltener Schal und Handschuhe tragen und die Krokusse früher blühen. Rekordverdächtige Hitzewellen in Südeuropa, brennende Wälder in Kalifornien und sich ausdehnende Wüsten in Asien und Afrika liefern aber eine Vorahnung von der Unbewohnbarkeit der Erde. Der Planet verdorrt und verbrennt vor unseren Augen. Auch das Sterben in der Pandemie und die Warnungen, dass zukünftig vermehrt Viren vom Tier auf den Mensch überspringen und durch die Globalisierung schneller verbreitet werden, bewirken kein grundsätzliches Umdenken.

Stattdessen setzte ein von Selbstgerechtigkeit befeuerter Konkurrenzkampf darum ein, wer für die Wirtschaft am wichtigsten sei und seinen Betrieb trotz Ansteckungsgefahr aufrechterhalten dürfe. Damit implizieren all die vermeintlich Systemrelevanten, dass es auch Systemirrelevante gäbe. Kann auf die verzichtet werden?

Dazu später, denn jetzt liegt die Gastronomie am Boden, Teile der Kultur werden es nicht überleben, Fluggesellschaften sterben. Die zweite Welle spült zwar gerade wieder Corona-Patienten auf die Intensivstationen, wo sie bäuchlings liegend um ihr Leben ringen, doch in den Alpen bangt man um den Erfolg der Wintersaison. Mit der seifenblasenleichten Botschaft "Wir müssen lernen, mit dem Virus zu leben" versuchen dortige Tourismusverbände ihren Kunden die Angst abzukaufen und dazu zu verleiten, Normalität zu simulieren.

Mit Blick auf die hohen Zahlen verunglückter Wintersportler, die jährlich mit Knochenbrüchen und Wirbelsäulenverletzungen allein in Schweizer Spitäler eingeliefert werden, muss jedoch bezweifelt werden, dass ausgerechnet Skiverleiher, Seilbahnbetreiber und Hüttenvermieter objektiv beurteilen können, was ein akzeptables Lebensrisiko sei.

Damit ihre Betriebe überhaupt noch laufen können, wird im Alpenraum in einer Saison eine Menge an Kunstschnee aus den Kanonen geschossen, die etwa dem jährlichen Wasserverbrauch von drei Millionen Menschen entspricht. Um es auch bei höheren Temperaturen künstlich schneien lassen zu können, mischt man Zusatzstoffe ins Wasser, und schon können die Kunstschneepartikel zu Haut- und Lungenkrankheiten führen. Feinstaub-Alarm in den Alpen.

Skilehrer auf der Liste der bedrohten Arten

Wenn die Erderwärmung weiter so schnell voranschreitet, prognostizieren Klimaforscher, dass bis Ende des Jahrhunderts von den meisten Gletschern nur Geröllhalden übrig sein werden. Dann stehen Skilehrer plötzlich auf der Liste der bedrohten Arten, und auch Hoteliers und Seilbahn-Besitzer müssen sich neue Lebensräume erschließen. Dass die Tourismusindustrie die Krisen, unter denen sie leidet, nicht nur selbst hervorruft, sondern verschärft, führt bislang kaum zu Kurskorrekturen.

Im Gegenteil, die Welttourismusorganisation der UN prognostiziert, dass die Reisebranche, angetrieben von den boomenden Märkten Asiens, bis Ende 2030 um wenigstens 30 Prozent wachsen werde, und die NASA plant sogar, die Internationale Raumstation ISS für Touristen zu öffnen. So wird das grenzenlose Reisen zu einem der größten Hindernisse für unser Überleben.

Gruppenrabatt für die Apokalypse

Ingenieure versprechen klimaoptimierte Routen, verbrauchsgünstigere Flugdistanzen und den Einsatz von Wasserstoff-Triebwerken zur massiven Senkung von Treibhausgasemissionen. Doch für eine Klimawende reicht das nicht aus. Wir könnten Liebe zur Welt dadurch zum Ausdruck bringen, dass wir sie in Ruhe lassen und es fortan mit Fernando Pessoa halten. Der portugiesische Schriftsteller fand: "Existieren ist reisen genug." Klingt angesichts von Klimawandel und Corona ratsam, aber kein seriöser Buchmacher nähme eine Wette an, die auf menschliche Vernunft, auf Verzicht und Genügsamkeit platziert würde.

Sieger im darwinistische Rennen um Kapital und Kunden werden keine Asketen, sondern die Anpassungsfähigsten sein. Pandemie und Erderwärmung erweisen sich als Evolutionstreiber für die Freizeit- und Tourismusindustrie. Commercial Agility, die Fähigkeit zur Anpassung des Geschäftsmodells an die veränderten Bedingungen, ist das Gebot der Stunde. Freuen wir uns also auf "Luxus-Lockdown in Abu Dhabi", "Mongolei mit FFP2" und "Frisch geimpft nach Fuerteventura". "Mit TUI ins Homeoffice ans Meer" ist bereits im Angebot, und am Ende geht es mit sattem Gruppenrabatt in die All-inclusive-Apokalypse.

Nicole Quint

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