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Wo die Synagoge zum Wirtshaus wurde

In Erfurt haben sich unbeabsichtigt viele Spuren jüdischen Lebens erhalten - 10.08.2019 08:00 Uhr

Die Alte Synagoge gilt als das älteste bis zum Dach erhaltene jüdische Bethaus in ganz Europa. © Britta Pedersen/dpa


Der Tanzsaal ist als zeitgeschichtliches Dokument heute Bestandteil des Museums Alte Synagoge. Bis zur Wiederentdeckung in den 1990er Jahren war diese Snygoge aus dem öffentlichen Bewusstsein fast verschwunden. Nach dem Pogrom von 1349 war sie erst in einen Speicher, im 19. Jahrhundert in ein Wirtshaus umgebaut worden.

"Der Fremdnutzung ist es zu danken, dass sie die Jahrhunderte überlebte", sagt Maria Stürzebecher, die das mittelalterliche jüdische Erbe Erfurts zum Unesco-Welterbe befördern will. Im Keller des Museums ist der gotische Brautschatz mit Münzen und Schmuck ausgestellt, der 1998 bei Bauarbeiten gefunden wurde, darunter der seltene Hochzeitsring aus Gold.

Unweit des Gotteshauses wurde 2006 bei der Krämerbrücke eine Mikwe entdeckt. Ein Schaukasten im kleinen Park gewährt einen Blick ins rituelle Tauchbad. Der wichtigste Bestandteil eines jüdischen Viertels ist aber der Friedhof. Bis ins 15. Jahrhundert genutzt, wurden die Grabsteine später als Baustoff im Stadtgebiet verwendet, umgenutzt, verbaut – und dadurch gerettet. Die schönsten sind im Schaudepot des "Steinernen Hauses" zu sehen, gut 110 restaurierte Platten, die älteste von 1244.

Annelie Hubrich forscht auf dem Neuen Jüdischen Friedhof. © Beate Schümann


Gedächtnis wider das Vergessen

Das Netzwerk "Jüdisches Leben" spannt sich über das Mittelalter hinaus zum Neuen Jüdischen Friedhof. Auf dem Gottesacker befinden sich Gräber von 1878 bis in die Jetztzeit. "Shalom" grüßt Annelie Hubrich, die hier die Schicksale der Toten erforscht. Das steinerne Archiv umfasst rund 1000 verwitterte, bemooste, unversehrte Grabsteine. Für sie ist es das Gedächtnis wider das Vergessen.

Am Erinnerungsort Topf & Söhne schlägt der Bogen der Geschichte brutal zu. Das Unternehmen hatte sich in den 1920er Jahren zum Marktführer beim Bau von Einäscherungsöfen für Krematorien entwickelt und agierte dann als "Ofenbauer von Ausschwitz". Am ehemaligen Verwaltungsgebäude steht: "Stets gern für Sie beschäftigt." Eine Grußformel, mit der sich die Chefetage der Waffen-SS empfahl.

Ein Detail im ehemaligen Tanzsaal. © Maik Schuck/epd-Bild


Die Ausstellung dokumentiert, welche Rolle Topf & Söhne beim Bau von Krematorien für die Todesfabriken spielte. Auf drei Etagen wird nachvollziehbar, wie Ingenieure, Kaufleute, Facharbeiter und Monteure für die "Endlösung" arbeiteten, um die Leichen möglichst effektiv, kostengünstig und unauffällig beiseite zu schaffen. "Das Beunruhigende ist, das niemand auf Befehl oder unter Druck handelte, sondern freiwillig", sagt Rebekka Schubert. Wenn wir uns heute die Frage nach der Verantwortung unseres Tuns stellen, so die Museumspädagogin, habe die Ausstellung viel erreicht.

Mehr Informationen:

Erfurt Tourist Information: www.erfurt-tourismus.de

Jüdisches Museum Alte Synagoge: www.juedisches-leben.erfurt.de

Erinnerungsort Topf & Söhne: www.topfundsoehne.de

Beste Reisezeit:

Unter dem Motto "Brüderlichkeit" finden die 5. Achava-Festspiele Thüringen vom 19. bis 29. September mit Konzerten, Ausstellungen und Gesprächsforen statt.

www.achava-festspiele.de

Günstig wohnen:

Goldhelm Krämerhaus-Suite

www.kraemerhaus.de

Luxuriös wohnen:

Hotel Domizil

www.hotel-domizil-erfurt.de

Anreise:

Von Nürnberg per ICE in einer guten Stunde. Mit dem Auto sind es 227 km. Es fahren auch Fernbusse. 

Beate Schümann

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