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Lieber Wichtiges als Dringendes erledigen? Professor gibt Tipps für Erfolg im Alltag

Schlaue Modelle helfen an vielen Stellen im Alltag - 01.03.2021 11:10 Uhr

Modelle wie die Regression zur Mitte helfen zum Beispiel beim Aktienhandel.

27.01.2021 © Free-Photos, Pixabay, LizenzCC


Professor Johannes Kornhuber, geboren 1959 in Freiburg, ist Psychiater und Psychotherapeut und Direktor der Psychiatrischen und Psychotherapeutischen Klinik an der Universitätsklinik Erlangen. Er forscht auf dem Gebiet der biochemischen Grundlagen von Depressionen und Angststörungen sowie schizophrener Psychosen.

Herr Professor Kornhuber, was sind mentale Modelle?

Die hat zunächst jeder. Es sind Erfahrungsmuster, die man als Kind erlernt, abspeichert und anwendet, um in unserer komplexen Welt zurechtzukommen. Wirklich gute und hilfreiche mentale Modelle bewegen uns dazu, richtige Entscheidungen zu treffen. Eines der faszinierendsten Denkmodelle heißt "Hanlons Rasiermesser", wobei nicht eindeutig geklärt zu sein scheint, wer dieser Hanlon eigentlich genau war.

Der Direktor der Psychiatrischen und Psychotherapeutischen Klinik des Erlanger Uni-Klinikums, Professor Johannes Kornhuber.

25.01.2015 © Harald Sippel


Worum geht’s dabei?

Von mehreren möglichen Erklärungen sollte man erst mal die einfachste annehmen. Ein Beispiel: Wir fühlen uns von jemandem verletzt oder beleidigt und denken "Das hat der absichtlich gemacht". Wir unterstellen also Böswilligkeit. Doch Aggression ist tatsächlich selten die Ursache, eher die Ausnahme. Meistens handelt es sich um Nachlässigkeit oder einfach Dummheit. Alle anderen möglichen Ursachen können wir erst mal wie mit einem Rasiermesser abschneiden und beiseiteschieben.

In seiner Kindheit und Jugendzeit hat ja jeder von uns andere Erfahrungen gemacht. Woher wissen wir, welche Lebensregeln uns weiterhelfen?

Sie müssen einer wissenschaftlichen Prüfung standhalten. Wie zum Beispiel das Paretoprinzip, das ist die 80-zu-20-Regel. Sie ist ein statistisches Phänomen, das auf viele Bereiche anwendbar ist, und besagt, dass 80 Prozent der Ergebnisse mit 20 Prozent des Gesamtaufwandes erreicht werden. Wenn wir zum Beispiel unseren Freundeskreis anschauen, dann sind uns nur 20 Prozent unserer Freunde wirklich wichtig. Die anderen 80 Prozent sind eher Bekannte. Nur 20 Prozent der Bücher, die wir gelesen haben, sind wertvoll für uns. Im Geschäftsleben sorgen 20 Prozent der Kunden für 80 Prozent Umsatz. Und in 20 Prozent der Städte leben 80 Prozent aller Einwohner.

Quantität geht oft über Qualität

Eines dieser mentalen Modelle fordert uns auf, so fleißig zu sein wie irgendwie möglich...

Das ist die Quantitätsregel. Sie drückt aus, dass es wichtig ist, möglichst produktiv zu sein, also viel zu schaffen. Dann wird auch Gutes dabei sein. Dazu gibt es ein Beispiel: Eine Klasse soll töpfern und wird in zwei Gruppen geteilt. Der Lehrer sagt zur einen Gruppe, sie solle besonders schöne Gefäße formen. Zur anderen sagt er, sie solle besonders viele machen. Hinterher werden die gelungensten Töpfe ausgesucht.

Dabei stellt sich heraus: Die schönsten wurden in jener Gruppe gefertigt, die auch die meisten gemacht hatte. Wer produktiv ist, schafft eben nicht nur viel, sondern auch viel Sinnvolles und Schönes.

Wichtig ist auch das mentale Modell der so genannten Regression zur Mitte...

Aktienmarkt: Menschen vertrauen der vorübergehenden Leistung

Das klingt ziemlich kompliziert, ist es aber wahrscheinlich gar nicht, oder?

Ein Beispiel: Wenn Menschen mit einem Dartpfeil auf eine Zielscheibe schießen, dann treffen sie meistens irgendwo um die Mitte herum. Nur wenige zielen genau ins Schwarze und nur wenige an den Rand. Wenn nun einer wie Robin Hood exakt ins Ziel trifft, dann wird er gelobt. Aber trifft er beim nächsten Mal wieder? Sicherlich nicht.

Wenn einer an den Rand schießt, dann wird er getadelt. Daraufhin wird sein nächster Schuss besser sein. Man könnte nun daraus schließen, dass man sich nach Lob verschlechtert und nach Tadel verbessert. Aber das ist der falsche Schluss. Es geht darum, nicht nur den Extremen zu vertrauen, sondern die Gesamtheit einer Leistung zu betrachten.

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Nun spielt ja nicht jeder Dart. Lässt sich diese Regel noch irgendwo anders ganz praktisch anwenden?

Im Aktienmarkt. Nur ganz wenige Unternehmen schaffen es in den Dow-Jones-Index. Und oft verschlechtern sie sich direkt nach der Aufnahme wieder. Weil sie zuvor wegen einer extrem guten Leistung aufgenommen wurden. Wenn sie dann rausfliegen, werden sie oft wieder besser. Man vertraut also nur der vorübergehenden Leistung. Sehr gut oder sehr schlecht.

Oft übersehen: Was wichtig, aber nicht dringend ist

Was bedeutet das für uns persönlich? Dass man Angst kriegen muss, wenn man mal sehr gut ist, weil man sich nur verschlechtern kann?

Nein, natürlich nicht. Dass man nicht einzelne Stichproben betrachten, sondern nach dem Regelfall suchen sollte. Eine weitere Lebensregel heißt "Eisenhower-Prinzip", benannt nach dem früheren US-Präsidenten. Was hatte er sich denn ausgedacht? Es ist eine Technik aus dem Zeitmanagement, die man ihm zuschreibt. Die meisten Menschen erledigen zuerst das, was dringend und scheinbar wichtig ist. Aber das ist kurzsichtig. Tatsächlich fällt das wirklich Wichtige meistens hinten runter, weil es uns nicht als dringend erscheint.

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Was ist uns denn wichtig?

Das ist die Gesundheit, die Familie, Freunde, soziale Kontakte. Aber: Wir können diese Termine mit dem Partner oder zum Sport leicht verschieben und tun das leider. Für viele wird das zum Problem. Ihr Leben gelingt nicht, sie haben Stress, die Ehe geht kaputt. Weil sie das Wichtige nicht sehen und nur das Dringende erledigen.

Wichtiges unverrückbar planen

Und wie lässt sich das ändern?

Wir müssen uns das Wichtige in unserem Leben bewusst machen und es wöchentlich planen. Das muss unverrückbar sein. Erst dann kommen die dringenden Sachen. Dann fällt uns auf: Wenn man sich Zeit für das Wichtige nimmt, wird das Dringende weniger. Weil man keinen Stress in der Partnerschaft mehr hat und die gesundheitlichen Probleme weniger werden.


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Überlebensirrtum: Wenn man nur die Erfolgreichen betrachtet

Sie sprechen immer wieder von typischen Denkfehlern. Was machen wir denn so grundlegend falsch?

Nehmen wir den Überlebensirrtum. Wir fokussieren uns oft auf Bereiche, die irrelevant sind. Im Zweiten Weltkrieg verstärkte man Flugzeuge, die aus dem Kampf zurückkamen, an den Stellen, an denen sie Einschusslöcher hatten, mit Eisenplatten. Bis man drauf kam: Diese Einschusslöcher sind gar nicht relevant, sonst wären die Flugzeuge ja längst abgestürzt. Man muss die Flugzeuge an ganz anderen Stellen verstärken. Das lässt sich übertragen, auf viele Lebensbereiche.

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Auf welche zum Beispiel?

Wenn wir berühmte Menschen betrachten und uns dann überlegen, warum sie so erfolgreich geworden sind, dann sehen wir uns häufig ihre Besonderheiten an und versuchen daraus Lehren zu ziehen. Steve Jobs etwa hatte die Schule abgebrochen und Drogen genommen. Aber das ist kein Erfolgsrezept. Er hatte einfach nur Glück. Wir sehen nicht all die ähnlich begabten Menschen, die wegen ihrer Schwächen scheitern. Wir ziehen die falschen Schlüsse. So sind wir Menschen anscheinend gestrickt.

Verlust wiegt gedanklich stärker als Gewinn

Ist das wirklich schlimm?

Schlimm nicht. Aber die Denkfehler verfälschen unsere Wahrnehmung. Typisch ist auch, dass etwas, was uns gehört, uns viel wertvoller erscheint, als es in Wirklichkeit ist. Und dass uns der Verlust eines Besitzes, etwa von Aktien, viel stärker schmerzt als ein ebenso großer Gewinn uns erfreut. Aber auch, dass wir die große Rolle von Zufällen in unserem Leben völlig ausblenden.


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Das heißt?

Wir schreiben unsere Erfolge oft unserer eigenen Leistung zu. Aber wir vergessen, dass wir – durch Zufall – in einem industrialisierten Land leben, in dem wir zur Schule gehen durften, und eben nicht in Somalia geboren wurden, wo wir kaum Chancen hätten. Dass wir Menschen treffen, die uns fördern. Das hängt nicht von unserer Leistung ab. Viele erfolgreiche Biografien sind allein dem Zufall geschuldet.


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