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Frieden nur ohne Atombomben?

79-jähriger Aktivist H.- J. Patzelt über Ican und Nobelpreis - 23.10.2017 19:16 Uhr

Protest gegen Rüstungspolitik: Zehntausende Rüstungsgegner versammelten sich nach Angaben des Friedensforums zur Abschlusskundgebung des Ostermarsches 1985 auf dem Nürnberger Egidienberg. Die Polizei schätzte dagegen nur 10 000 Teilnehmer.

© Foto: Rudolf Contino


Für Patzelt ist der diesjährige Friedensnobelpreis auch eine Bestätigung seines jahrzehntelangen Kampfs für Frieden und gegen Atomwaffen. Mit "großer Freude und Genugtuung" habe er auf die Bekanntgabe reagiert, sagt der nimmermüde Aktivist, der zu den Mitbegründern des Nürnberger Friedensforums im Jahr 1981 gehört. "Der Friedensnobelpreis ist ein Weckruf an alle Menschen und kommt zur rechten Zeit." Die Menschheit stehe vor "dem Abgrund einer Selbstzerstörung", glaubt Patzelt.

"Der Schock sitzt tief"

Damit meint der frühere Gewerkschafter und Linken-Stadtrat nicht nur das weltweite Arsenal von vielen Tausend Atomwaffen. Vor allem denkt er an die Drohung von US-Präsident Donald Trump, notfalls ein ganzes Land – Nordkorea – auslöschen zu wollen. "Der Schock sitzt seitdem tief", sagt er. "Doch wo bleibt der Aufschrei?" fragt Patzelt – auch kritisch an die Adresse der Friedensbewegung.

"Es war höchste Zeit, dass daher das Nobelpreis-Komitee Öffentlichkeit für das UN-Abkommen zum Verbot von Atomwaffen vom Juli 2017 geschaffen hat", betont Patzelt. Er verweist auf den Konflikt um Nordkorea und die aktuelle Debatte über das Atomabkommen mit dem Iran. Der UN-Vertrag kam ganz wesentlich auf Initiative von Ican zustande. Doch in der Wahrnehmung, so der Nürnberger Friedenskämpfer, sei er untergegangen. Wohl auch, weil viele Staaten ihn – darunter die USA und Deutschland – nicht unterzeichnen wollen. Mit dem Nobelpreis – und der Verleihung im Dezember – rücke der Vertrag wieder in den Blickpunkt.

Hans-Joachim Patzelt blättert durch alte NN-Artikel.

© Foto: Andreas Franke


Diesmal keine Eintagsfliege

Patzelt ist überzeugt, dass der diesjährige Friedensnobelpreis keine Eintagsfliege sei wie 1985, als die weltweite Organisation "Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges" (IPPNW) ausgezeichnet wurde, oder 2009, als US-Präsident Barack Obama für seinen Abrüstungsvorstoß viel Vorschusslorbeeren erhielt. "Diesmal ist es anders", meint der Nürnberger. Denn ein Angriff der USA auf Nordkorea mit Atomwaffen wäre kein lokaler Konflikt, er würde zu einem Dritten Weltkrieg führen. Daher lautet seine Forderung an die Weltpolitiker: "Alle Atomwaffen müssen schnellstmöglich abgeschafft werden."

Er weiß, dass die Arbeit mit der Verleihung des Friedensnobelpreises erst beginnt. "Daher wird die Friedensbewegung auch nicht aufhören, für die Atomabrüstung zu werben." Wird der leidenschaftliche Großvater nicht aufhören, für eine Welt ohne Atomwaffen zu kämpfen.

Angefangen habe das eigentlich schon 1945, erklärt er, nach dem Abwurf der beiden Atombomben in Japan durch die Amerikaner und hier im Lande nach 1949 mit dem Kampf gegen eine Wiederbewaffnung Deutschlands. Patzelt selbst stieg Ende der 1970er Jahre in die Friedensarbeit ein. "Damals gab es so etwas wie einen Stillstand in der Friedensbewegung", erläutert er rückblickend.

Dann aber kam die lebhafte und äußerst kontroverse Debatte über den Nato-Doppelbeschluss und die Stationierung der Pershing-II–Mittelstreckenraketen und Marschflugkörper in Deutschland. Das war so etwas wie ein zweiter Weckruf für die Friedensbewegung.

Als Betriebsrats-Vorsitzender und Mitglied der Deutschen Friedensunion (DFU) wurde der Nürnberger 1980 nach Krefeld zu einer Tagung geschickt. Mit dabei waren unter anderem Martin Niemöller, der frühere General Gert Bastian und die Nürnbergerin Petra Kelly. Am Ende forderten die Teilnehmer mit dem "Krefelder Appell" die Bundesregierung auf, die Atomraketen nicht in Europa (und damit Deutschland) zu stationieren.

Große Ostermärsche

"Wir haben in Nürnberg waschkörbeweise Unterschriftenlisten mit dem Appell gesammelt", erinnert sich Patzelt. Er blättert durch einen großen Aktenordner und fischt eine alte Erklärung heraus. Das meiste Material hat er längst an das Nürnberger Friedensmuseum übergeben. Am Ende seien bundesweit sieben Millionen Unterschriften zusammengekommen. In Nürnberg finden Friedensfeste in den Stadtteilen statt. Im Januar 1981 dann, so der Aktivist, sei das Nürnberger Friedensforum gegründet worden.

Patzelt hilft, die Ostermärsche zu organisieren, die es nun auch in Nürnberg gibt. 1982, zur Premiere, seien 20 000 Teilnehmer gekommen. "Da hatten wir gedacht, das sei nicht mehr zu toppen." Dann, ein Jahr später, seien es noch viel mehr gewesen.

Die Menschen waren aufgewühlt und hoch politisiert. Nürnberg wird durch die Atomgegner zur atomwaffenfreie Zone erklärt. Natürlich ist Patzelt auch in Wackersdorf am Zaun der geplanten Wiederaufarbeitungsanlage dabei. Bis heute hilft er bei den Ostermärschen. "Manchmal träume ich noch von den früheren Aktionen", sagt er. Jugoslawien, Irak, 11. September: Er zählt viele weitere Anlässe auf, die die Menschen gegen Krieg und für Frieden mobilisieren.

"Die Friedensbewegung wird nicht aufhören, für ihre Ziele zu kämpfen", prognostiziert der 79-Jährige unerschüttert optimistisch. Und der Nürnberger betont: "Was wäre Ican nur ohne die vielen Basisbewegungen weltweit?"

ANDREAS FRANKE

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