Dienstag, 15.10.2019

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Für lange und kurze Röcke

Nürnberger Symphoniker mit Bruckners 7. Symphonie - 22.01.2018 19:09 Uhr

Spezialist in Sachen Anton Bruckner: Lutz Köhler. © Foto: PR


Musik wie laufendes Badewasser oder mit Hang zum Teppichhaften: solche Vergleiche haben Philip Glass aus Baltimore nicht geschadet, seine Opern, Ballette und Konzerte mit den sich wiederholenden Motivketten waren zuweilen sogar Welterfolge. Die Streicher der Nürnberger Symphoniker spielen "company", ein paar Sätze für zehn Minuten, deren Tempo- und Dynamikveränderungen zwar minimal, aber trotzdem einigermaßen unterhaltsam sind.

Lutz Köhler, oftmaliger Symphoniker-Gast, investierte Präzision und den nötigen deutlichen Anschub. Solche motivgleichen Klangflächen und Wiederholungen hat Glass nicht erfunden: Besonders raffiniert sind sie bei Ravel, es gibt sie auch bei Anton Bruckner und seiner siebten Symphonie.

Exakt gestufte Steigerungen

130 Jahre nach der Nürnberger Erstaufführung war Köhler, als Gastdirigent, Juror und Professor viel unterwegs, der richtige Mann im einjährigen Symphoniker-Interregnum. Er weiß, wie so eine Bruckner-Symphonie atmen muss, ist kein Mann von Mini-Klang-Dimensionen, sondern des geordneten Verlaufs, der exakt gestuften Bruckner-Steigerungen.

Er verwaltet das romantische Potenzial, die Symphoniker gefallen mit den vielen "schönen Stellen", die einst der Symphonie den ersten internationalen Erfolg Bruckners einbrachten. Sie haben immer noch zusätzliche Kraft-Reserven im Ärmel, formulieren solistisch tadellos die Naturlaute, eindrucksvoll gelingen die choralartigen Einsätze des Blechs mit der Feierlichkeit der Wagner-Tuben zum Gedenken an den verehrten Meister.

Am überzeugendsten agiert Köhler, wenn er die großen Aufschwünge zelebriert — bis hin zur Schluss-Coda, die der Symphonie einen festlichen Rahmen gibt, der wie die prunkvollen Fassaden der Gründerzeit wirkt.

Aber die Symphoniker hatten auch etwas für "midi"-Besetzung im Programm. Und für Joseph Haydns Sinfonia concertante (Hob. 105) die richtigen Solisten aus den eigenen Reihen. Zwischen Orchesterakademie und Konzertmeister-Planstelle haben Sophia Huschle, Makiko Kunow, Maxim Kosinov und Ariel Barnes alle etwas mit den Symphonikern zu tun und zeigten als Solistenquartett für Oboe, Fagott, Violine und Violoncello alle wünschenswerte Attraktivität.

Auf die zielte Haydn auch, als er das Stück zusätzlich zu seinen Londoner Symphonien publikumswirksam gegen die Konkurrenz der Pleyel-Konzerte komponierte: mit einer gerade für England konzipierten Solistenauswahl. Dem Orchester bleibt da nur gliedernde Funktion, dafür glänzten die vier Concertini in prägnanten Solo- und Quartettrollen: glückliches Shakehands am Ende für Solistenmut und –können. Das muss man in einem Orchester erst mal finden.

 

UWE MITSCHING

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