Gunzenhausen: Erinnerung an Schreckenstag

18.4.2016, 08:39 Uhr
Die dreiteilige Gedenkstele befindet sich nahe der Zionshalle. In der Mitte ist ein US-Luftbild, dass das Ausmaß der Zerstörungen am 16. April 1945 verdeutlicht.

Die dreiteilige Gedenkstele befindet sich nahe der Zionshalle. In der Mitte ist ein US-Luftbild, dass das Ausmaß der Zerstörungen am 16. April 1945 verdeutlicht. © Wolfgang Dressler

Das US-Geschwader, das sich am 16. April 1945 ab 10.10 Uhr mit 100 Flugzeugen und in fünf Wellen der Stadt aus Richtung des Ortes Wald näherte, brachte Tod und Verderben. Insgesamt waren 141 Tote zu beklagen, so die neueste, verlässliche Zahl, die Bürgermeister Karl-Heinz Fitz und Stadtarchivar Werner Mühlhäußer nannten. Es gab Opfer in der Nürnberger Straße, in der Hensoltstraße, am Eidam-Platz, vor allem aber im Ausflugslokal Braunskeller an der Frickenfelder Straße, wo zahlreiche Menschen in den Kellerräumen Schutz gesucht hatten. Der Keller erhielt einen Volltreffer, das Gewölbe aus Sandstein stürzte ein. 115 Personen konnten dort nur noch tot geborgen werden: 64 Frauen, 46 Kinder, 31 Männer.

Ein Großteil der Opfer wurde gemeinsam in einem Grab auf dem Alten Friedhof bestattet. Dort fanden schließlich, nach späteren Exhumierungen und Umbettungen, 73 Menschen die letzte Ruhe, was auch auf einem Grabstein dokumentiert ist.

An das Geschehen vom 16. April 1945 erinnerte eine große Gedenkveranstaltung vor einem Jahr in der Stadthalle. Sie erfuhr große Aufmerksamkeit, berichtete der Bürgermeister. Unter anderem erreichte ihn ein Brief von Heike Neudorfer aus Bad Tölz. Sie ist die Tochter von Hannelore Nagel, die als 13-Jährige den Angriff auf den Braunskeller erlebte und dabei die Mutter Sofie und den kleinen Bruder Dieter verlor. Hannelore Nagel litt stets unter dem Schrecken der Bomben, die Angst vor U-Bahn-Schächten ist nur ein Ausdruck davon.

In Bad Tölz registrierte man aufmerksam und dankbar, was die Stadt 70 Jahre nach dem April 1945 tat. Es blieben aber der Schmerz und die Trauer, dass die Namen Sofie und Dieter Nagel nicht auf dem Gedenkstein auf dem Alten Friedhof stehen. Das solle die Stadt bitte ändern, lautete Heike Neudorfers Wunsch.

Bürgermeister Fitz griff dieses Ansinnen auf, initiierte eine dreiteilige Gedenkstele und eine Veranstaltung zu ihrer feierlichen Übergabe. Unterstützung erhielt die Stadt vom Diakonissen-Mutterhaus Hensoltshöhe, der Sparkasse, der Raiffeisenbank und dem Lions Club.

Der Auftrag ging an die Steinmetzwerkstatt Roll, die handwerkliche Umsetzung oblag Gerd Eisenberger. Auf der dreiteiligen Stele sind nun die Namen aller 141 Opfer aufgelistet, außerdem ist in der Mitte eine US-Luftaufnahme zu sehen, die das immense Ausmaß der Zerstörungen vom Bahnhof bis zum Burgstall erkennen lässt.

Vier Mädchen von der Realschule der Hensoltshöhe verlasen bei der Verantaltung im Bethelsaal des Gemeinschafts-Diakonissen-Mutterhauses die Namen der 141 getöteten Personen.

Vier Mädchen von der Realschule der Hensoltshöhe verlasen bei der Verantaltung im Bethelsaal des Gemeinschafts-Diakonissen-Mutterhauses die Namen der 141 getöteten Personen. © Wolfgang Dressler

Karl-Heinz Fitz sprach im Bethelsaal von einer würdigen Gedenkstätte, die einen Teil der Gunzenhäuser Erinnerungskultur darstelle. Die intensive Erinnerung ehre die Stadt und stifte Versöhnung. Man müsse auch sehen, dass das „Dritte Reich“ ein unrühmliches Kapitel der Stadtgeschichte sei.

Der 16. April habe unermessliches menschliches Leid mit sich gebracht, betonte Fitz. Daran knüpfte Werner Mühlhäußer an, indem er den 16. April 1945 als Schwarzen Tag der Stadtgeschichte bezeichnete. In den 1200 Jahren davor habe es nichts Vergleichbares gegeben. Der Stadtarchivar ging, wie vor einem Jahr, auf die Vorgeschichte ein und schilderte, wie der Zweite Weltkrieg immer näher an die Kreisstadt an der Altmühl heranrückte. Der Bombenkrieg in Deutschland mit seinen vielen zivilen Opfern habe eine Reaktion der Alliierten auf die Aggression des NS-Regimes ab 1939 dargestellt. Bekanntlich habe es von deutscher Seite verheerende Fliegerangriffe auf ausländische Städte gegeben, beginnend ab dem 1. September 1939 in Polen. Der 16. April 1945 habe dann die Apokalypse über Gunzenhausen hereinbrechen lassen. Nach dem Angriff mussten verzweifelte Menschen vor dem Braunskeller sehen, wie ihre Angehörigen tot aus den Trümmern getragen wurden. Wenige Tage darauf besetzten die Amerikaner die Stadt. Am 13. Mai gab es eine erste Trauerfeier am Gemeinschaftsgrab. Am 30. Januar 1947 beschloss der Stadtrat einen Gedenkstein auf dem Gemeinschaftsgrab. Ein großes Holzkreuz auf der Hensoltshöhe erinnerte in jenen Jahren an den Ort des Schreckens. In den Folgejahren gab es immer wieder Gedenkfeiern. Mühlhäußer wies auf 1995 hin, als Bürgermeister Willi Hilpert, Dekan Friedrich Wiedemann und Stadtpfarrer Wolfgang Forsten sprachen. 2005 führte das Stadtarchiv eine Ausstellung durch und gab die Broschüre „60 Jahre nach Kriegsende“ heraus.

Die Autorin Dagmar Scherf erzählte in ihrem Buch „Veilchenblüten“ vom 16. April, und Reinhard Zimmermann aus Mörsach malte, wie er sich den Fliegerangriff vorstellte.

Bereits vor einem Jahr waren Schüler stark an der Gedenkfeier beteiligt. Das setzte sich am Samstagnachmittag fort, in dem vier Realschülerinnen die Namen der 141 Toten verlasen. Pfarrer Dr. Eberhard Hahn (Mutterhaus), Dekan Klaus Mendel und Stadtpfarrer Christian Konecny gestalteten eine gemeinsame Andacht. Dekanatskantor Bernhard Krikkay begleitete die Feierstunde an der Orgel. Heike Neudorfer und ihre engsten Angehörigen nahmen an der Veranstaltung, die vor der Gedenkstele direkt an der Zionshalle steht, teil. Blumen am Fuß der Stelen sagten aus, dass die Trauer über die Toten des 16. April nicht zu Ende ist.

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