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Gute Bombe, böse Bombe

Die Welt spielt ein zynisches Spiel mit Syrien - 01.10.2016 08:42 Uhr

„Böse Bomben“, das sind jene, welche die Russen über dem Land abwerfen. Sie sind es, die Zivilisten töten und den wahlweise als „Diktator“ oder „blutrünstigen Machthaber“ titulierten syrischen Präsidenten Assad noch an der Macht halten. Die „guten Bomben“ hingegen werden von den USA und ihren Verbündeten eingesetzt — treffen sie doch angeblich „nur“ islamistische Terroristen.

So einfach kann man sich — jedenfalls in den Augen der meisten westlichen Beobachter — die Welt zurechtzimmern. Hier die Guten, da die Bösen. Doch einer Lösung dieses Konfliktes wird man auf diesem Weg nicht näherkommen. Es gibt Experten, die davon ausgehen, dass inzwischen 230 verschiedene Gruppierungen in Syrien aktiv sind. Das Spektrum reicht von unbewaffneten Oppositionellen bis hin zu den Extremisten des sogenannten „Islamischen Staates“.

Hinzu kommen mindestens zwei sich gegenseitig überlagernde Stellvertreterkriege, in denen globale Mächte wie die USA, Russland und China mitmischen, aber auch die Regionalmächte Iran, Saudi-Arabien und Türkei. Und selbst europäische Staaten wie Frankreich und Deutschland sind inzwischen über eine völkerrechtlich fragwürdige „Anti-IS-Mission“ involviert.

Naiv und abenteuerlich

Angesichts dieser Komplexität so zu tun, als trügen Russland und Assad die alleinige Verantwortung für diesen Krieg, ist naiv und abenteuerlich. Natürlich muss man das Morden in Aleppo ohne Wenn und Aber als „barbarisch“ bezeichnen, so wie es Kanzlerin Merkel und US-Präsident Obama getan haben. Und nach allem, was man aus dieser geschundenen Stadt erfährt, tragen die syrische und russische Armee dafür die Hauptverantwortung. Um zu dieser Erkenntnis zu gelangen, muss man nicht mal die Zahlen der dubiosen Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte bemühen, sondern darf sich auf die Informationen honoriger Organisationen wie Ärzte ohne Grenzen und Safe the Children verlassen.

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Doch dass es so weit kommen konnte, dass Aleppo und viele andere Städte Syriens zu Schlachthäusern wurden, dafür tragen alle Beteiligten die Verantwortung. Es war von Anfang an naiv zu glauben, es gebe in diesem Konflikt gute und böse Kräfte und man müsse nur die richtige Seite unterstützen, dann würde das Morden schon irgendwann aufhören. Nach fünf Jahren Krieg sollte vielmehr die Erkenntnis durchgesickert sein, dass in Syrien alle Seiten brutal und ohne Rücksicht auf die Zivilbevölkerung schlicht ihre strategischen Interessen durchsetzen.

Strategische Interessen

Und gerade der gestrige erste Jahrestag des militärischen Eingreifens Russlands wäre ein guter Anlass gewesen, nach den strategischen Zielen Moskaus zu fragen. Wer sich von der vereinfachenden Schwarz-Weiß-Rhetorik verabschiedet, der erkennt schnell, dass es Russland um genau zwei Dinge geht: um den Erhalt seiner einzigen Marinebasis im Mittelmeer im syrischen Tartus und um die Begrenzung des Einflusses der USA in Nahost.

Man muss diese beiden Ziele nicht als legitim akzeptieren, und natürlich laufen sie den Interessen der USA zuwider. Aber zumindest sollte man sich nicht der Erkenntnis verschließen, dass hier einer der Fäden greifbar wird, mit dem sich der syrische Knoten wenigstens teilweise entwirren ließe. Käme der Westen Moskau an dieser Stelle entgegen, müsste Russland nicht länger an Assad festhalten; eines der zentralen Hindernisse für Fortschritte in Syrien wäre beseitigt.

Russland war und ist der externe Dreh- und Angelpunkt in diesem Krieg. Und wer den Menschen in Aleppo wirklich helfen will, der wird sich mit Moskau verständigen müssen.

VON ARMIN JELENIK

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